Das Web 0.4 liest: Der Tod des Fußballs

Im nächsten Leben werd´ ich Spielerfrau: Ein Phänomen wird abgeschminkt (Christine Eisenbeis / Werkstatt Verlag).

Victoria Beckham sei der Tod des Fußballs, ließ sich Uli Hoeneß mal zitieren. „Die Frau macht den Mann“ konterte hingegen einst der große Fritz Walter, Fußballlegende einer Zeit, als Mannschaften noch um Schnapps, Zigarretten und Kartoffelsäcke spielten. Was sich als gönnerhaftes und charmantes Kompliment an das schönere Geschlecht anhört, ist in Zeiten des voremanzipatorischen Deutschlands eine kleine Revolution. Denn in diesem ehrlichen Zugeständnis an ein neues Frauenbild wird zweierlei deutlich:
Zunächst, das damals fest in die Nachkriegszeiten verankerte, rohe, harte Ideal eines stark heterosexuellen Fußballers, der sich niemals von einer Frau die Butter vom Brot nehmen lassen würde. Walter legt den Ursprung seiner großen sportlichen Erfolge in die Hand einer Frau, – seiner Frau: Italia Walter.
Zweitens, das bis heute – mehr oder weniger zurecht – etablierte Bild der einfältigen,  Stiletto tragenden Maus mit den dicken Titten wurde bereits vor Jahrzehnten von Italia Walter widerlegt. Als ehrliche Haut, irgendwo zwischen Trümmerfrau und Blutsaugerin, steht sie beispielhaft für die erste selbstbewusste, hart arbeitende, treue Seele hinter dem Fußballspieler. Die Gaby Schusters, Bianca Illgners und Claudia Strunz-Effenbergers waren nichts weiter, als trauriges Gemüse, denen Intelligenz und Rückrat fehlten, um in den Medien ihr Gesicht zu bewahren.

Diesem Themenkomplex widmet sich Christina Eisenbeis` Buch „Im nächsten Leben werd ich Spielerfrau“. (Das Zitat geht zurück auf Mehmet Scholl, der jedoch zufügte, eine Reinkarnation als Hoeneß´ Hund noch schöner zu finden.) Mal soziologisch, mal hobbypsychologisch zeichnet die Autorin die Entwicklungsgeschichte dieses Phänomens mit lobenswerter Akribie. Ihre These lautet: die Medien brauchen die Spielerfrauen, nicht umgekehrt. Um diese These zu belegen, versucht sie, das Portrait dieses medial hergestellten Stereotyps zu entkräften („abzuschminken“, haha) und liefert von den „Walter-Frauen“ über Victoria Beckham bis zu Sylvie van der Vaart ein sehr detailliertes Psychogramm. Wer hier denkt, das äußert misslungene Buchcover und die emanzipatorische These führe zu einem Gleichberechtigungs-Essay, wird sich irren. Zum Großteil.

Denn wie das nunmal so ist, wenn man über Menschen redet, muss man sich am Ende mit der Grauzone zwischen den Extremen begnügen. Die oft genannte „moderne“ Spielefrau, – Teresa Enke oder Sarah Brandner dienen hier als schwer zu widerlegende Blaupause, – wird ebenso zum Thema, wie die Frauen, die ohne Scham erfolgreich am miesen Image der Spielerfrau arbeiten. Hier wird das Buch äußerst informativ: Cheryl Cole, Ashley Coles Freundin begann in einer Girl-Group; Beatrix Ivanauskas hingegen machte ihrem Gatten die Transferperiode zur Höllenqual etc. Man sieht, die Skihasen, Stewardessen und Kosmetikerinnen bleiben auch in diesem Buch in der Kritik. Das bleibt zwar irgendwie gemein, aber aus der Perspektive des ironischen Lesers sehr unterhaltsam. Leider sind solche subtilen Sätze in diesem Buch zu selten: „Zugute halten muss man dem Paar [Illgner], das drei Kinder hat, dass es seine Träume immer verwirklich hat. (…) Bianca hat verschiedene Weiterbildungen in der Alternativmedizin gemacht und sich als Heilpraktikerin auf dem Gebiet Frequenzmessung spezialisiert. Gemeinsam mit ihrem Mann arbeitet sie im Bereich Zeitmanagment.“ So ein Satz sitzt. Noch Fragen?

In wieweit die Autorin dem Anspruch gerecht wird, die Spielerfrau vom Accessoire zur eigenständigen, das heißt, nicht über den Mann definierten Person zu verhelfen, bleibt zum Glück offen. Denn irgendwo zwischen den ganzen Desperate Housewives, Gaby Schusters, PETA-Aktivistinnen und Posh-Spices gibt es noch einen großen, wohlbehüteten Raum, der sich Privatsphäre nennt. Und wenn wir ehrlich sind, so fragen wir mit der Autorin: Wieviel Prozent der Spielerfrauen kennen wir wirklich mit Namen und Gesicht? Es zeigt also, dass der beste Weg, sich so einem schwierigen Diskurs zu entziehen, der große Mittelfinger bleibt. Das hat das Buch gezeigt.

Das Web 0.4 liest: Der Tod des Fußballs
Christine Eisenbeis
Im nächsten Leben werd‘ ich Spielerfrau: Ein Phänomen wird abgeschminkt
176 Seiten, 21,2 x 13,4 cm, Taschenbuch, Fotos
ISBN: 978-3895338519,  € 14,90
Erschienen im Verlag Die Werkstatt, Göttingen
Strom Hagemann

Strom Hagemann

Poesiebeauftragter a.D. und Gründungsmitglied
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