Spotten, neiden, hassen!

Für Einige bleibt es ein Albtraum, viele haben es durchlebt. Egal, ob es Liebe auf den ersten, zweiten oder dritten Blick gewesen ist: Es war so innig, so erfüllend. Klar: Es war nach ein paar Jahren nicht mehr alles so rosig wie zu Beginn, und man hatte immer schon so ein komisches Gefühl im Bauch. Wenn Freunde kamen und sagten, da sei aber etwas merkwürdig, hat man abgewiegelt. Von Treue und Vertrauen sprach man. Außerdem: Die gemeinsamen Freunde, die Kinder. Man hat so viel zusammen erreicht. Man gehört einfach zusammen.

Doch dann war es eben doch aus. Plötzlich sieht man – vor dem Scherbenhaufen stehend – wie blind man war. Die gehauchten Treueschwüre des letzten halben Jahres waren wohl nur notwendiges Übel, noch ein paar schöne Momente rauszuholen. Warum auch nicht, solange man noch räumlich gebunden ist… Der richtige Zeitpunkt wird schon kommen. Und er kam. Und jetzt stehst du allein da. Ja, allein. Denn die restlichen 7 Milliarden zählen in diesem Moment nicht. Nur du, dein Schmerz und dein Gegenüber.

Irgendwann hast du vielleicht jemanden anderes. Jemanden wirklich tolles. Doch in deinem Kopf vergleichst du immer noch. Denn du weißt, dass dir nie mehr jemand so ein Kribbeln in die Magengegend zaubern kann, wie es damals der Fall war. Besonders, wenn du diesem Menschen noch häufig begegnest, wirst du eine mehr oder weniger gute Strategie haben, damit umzugehen…

1) Der Spotter
Du weißt bestimmt, dass es nicht der Wahrheit entspricht, vielleicht weißt du es auch nicht, aber die fiesen Witze, die du über deinen Ex-Partner machst helfen dir, alles ein wenig lockerer zu sehen. Statt beispielsweise an die innere Schönheit dieses Menschen zu denken, die er so oft an den Tag legte, erzählst du deinen Freunden, wie lange sie vor dem Spiegel stehen musste, um den Müll raus zu bringen. Du witzelst dir diesen Menschen schlechter, als er zumindest zu Beginn eurer Beziehung war.

2) Der Kaputte
Der Schmerz will nicht aufhören. Wann immer er dir über den Weg läuft, vergisst du jeden Streit, blendest alles aus was schlecht war. Du willst wieder zurück, vermisst dein altes Leben. Irgendwie hast du diesen Menschen sicherlich dahin getrieben. Er hatte ja keine andere Wahl als dich zu betrügen. Klarer Fall: Seit er weg ist ist alles Scheiße. Und das wird es auch bleiben…

3) Der Hasser
Da kann der beste Freund noch so oft sagen, dass ihr doch eine gute Zeit hattet, und dass sie sogar noch etwas für dich empfindet. Da liegt jetzt gerade ein Anderer  auf meiner Seite des Ehebetts und schwitzt das Kopfkissen voll. Sie hat mein ganzes Leben ruiniert und ich verfluche den Tag, an dem ich sie kennengelernt habe. Sie ist eine Persona non grata für den Rest meines Lebens. Sie hat uns, mich UND sich selbst verraten. All die Dinge, die sie mir ins Ohr geflüstert haben waren nichts als eine schmutzige große Lüge. JUDAS! Hängt sie an die nächste Brücke!!!

Nichts davon hat etwas mit Rationalität zu tun. Ehemalige gemeinsame Freunde werden in allen drei Fällen – zumindest innerlich – den Kopf schütteln. Ein Außenstehender versteht die Überreste einer Beziehung nicht. Er versteht nicht, wie viel man da rein investiert hat. Wie oft man sich gegen seine Freunde und für den Partner entschieden hat. Man hat ihn nicht nur vor den Freunden verteidigt, obwohl man ihn selbst nicht so Recht verstanden hat, nein, man hat sogar den Verlust guter Freunde in Kauf genommen…

Es gibt viele Ecken und Enden, an denen der Vergleich hinkt. Fakt ist aber: Wir alle haben Manuel geliebt. Und ihr könnt‘ uns noch so oft erklären, dass er mehr für den Verein getan hat, als Raúl es jemals vor hatte, und das sein Herz noch drin steckt. WIR haben ihn auf Händen getragen, WIR haben uns bis zuletzt gewehrt, wenn der Bürokollege und der Boulevard ihn schon im Bayern-Trikot sah. WIR haben ihm geglaubt, auch wenn dass nicht klug war. WIR wollen hassen, trauern und spotten, jeder so wie es ihm beliebt. Und wir dürfen das!

Denn, ja, wir wissen, dass Manuel gut ist. Und wir wissen, dass auf ewig keiner mehr seinen Platz so erfüllen kann wie er. Er war unsere Galionsfigur. Unser Flaggschiff. Und selbstverständlich beliben Spuren. Höwedes? Ist doch bald auch im Süden! Matip? Draxler? Wenn Bayern die will, sind sie weg! Nie wieder werden wir jemanden so ins Herz schließen können.

Da passt es gut, wenn ein Mann kommt, der uns seine letzten Jahre schenkt, der fast gar nicht mehr zu früh gehen kann. Auf Raúl konnte man sich schmerzfrei einlassen. Ihm würde man alles verzeihen! Ich bin gespannt, wer in der nächsten Saison seinen Platz einnehmen wird.

Ich kann natürlich nur von meiner Zeit sprechen: Manuel Neuer hat die Schalker Seele tiefer verletzt als je ein anderer zuvor. Das konnte er nur, weil wir ihn mehr geliebt haben, als je einen anderen zuvor. Ob die Trennung objektiv gesehen richtig war, spielt dabei – genau wie in einer Beziehung – keine Rolle!

Anm.: Ich will mit diesem Artikel keine Hasstiraden auf Manuel Neuer gut heißen. Genau so wenig, wie ich Hasstiraden auf Ex-Partner gut heiße. Ich finde es sogar widerlich! Noch widerlicher finde ich aber Menschen, die sich lächelnd über all diese Menschen stellen und behaupten, solche Gefühle seien lächerlich… Denn wo echte Liebe ist, da ist eben ein Nährboden für Schmerz, Spott & Hass.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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