Stolz vs. Enttäuschung

Schon nach dem Ausscheiden in Bilbao, bzw, der Besiegelung des Ausscheidens im Hinspiel gegen Bilbao, überkam mich dieses hauchzarte Gefühl des Stolzes. Klar: Auch Enttäuschung machte sich breit. Aber ist es nicht unfassbar, dass der Verein, den ich einmal als hinkenden Gartenzwerg lieben lernte, heute so ein Riese ist, dass man überhaupt eine Enttäuschung verspüren kann? Es ist. Einerseits.

Andererseits wirkt dieser Erfolg gerade dieser Tage hart erkauft. Ich möchte nicht auf Details der Preispolitik eingehen. Da haben andere mehr Durchblick. Die nackten Zahlen aber sind, dafür braucht man nicht mal eine abgeschlossene Lehre im kaufmännischen Bereich, im Vergleich zu anderen Clubs beschämend. Und das hier, im sozial schwachen Gelsenkirchen.

Da darf man sich fragen, ob es nicht reicht, dass der sozial schwache Fan sich bisher nicht nur den schon jetzt hart ins Geld gehenden Eintritt abspart, sondern auch kräftig im Fan-Shop etc. zulangt. In Gelsenkirchen wird Schalke gelebt. Viele geben ihr letztes Hemd für den Verein. Doch dieses wird bald vielleicht nicht mal mehr für den Eintritt reichen.

Und dann kommt wieder dieser Raúl. Nimmt den Ball mit dem Körper mit, führt ihn auf dem linken Fuß, könnte wunderbar abschließen, doch legt ihn nochmal, am Torwart vorbei, auf den rechten Fuß und macht eins der schönsten Tore, die ich je auf Schalke sehen durfte.

Es zerreißt mich, und ich weiß nicht mehr, was richtig ist und was nicht. Ist es nicht erstrebenswerter, der kleinen Kämpfergruppe beizustehen, die Tiefschlag nach Tiefschlag weg stecken muss? Ist das noch mein Schalke? Aber ist das nicht auch herrlichste Unterhaltung auf höchstem Niveau? War es nicht der umstrittene, als Söldner verschriene  Farfán, der mich am Samstag  mit seinen tollen Vorbereitungen 3 mal mit höchstem Glück beseelte? Kann ich das feiern und mich trotzdem beschweren?

Ich habe keine Bestandsdauerkarte. Deswegen ist die Thematik für mich nicht so aktuell, wie für einige andere. Ich beschäftige mich vielmehr schon seit einem Jahr damit. Und, so traurig das ist, plane ich schon länger meinen Abschied aus dem Stadiongeschehen, um mir den hochwertigen Fußball vor dem – ebenfalls überteuerten – TV anzusehen. Und zu feiern. Obwohl ich genau weiß, dass hier gerade was kaputt geht…

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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