Das Web 0.4 liest: Von Matten und Koteletten

Helden für einen Sommer, Die Geschichte der besten Schalker Mannschaft aller Zeiten (Jürgen Thiem / Verlag Die Werkstatt)

Es sei ein Buch für mich, hieß es. Und das stimmt.

Wie der Autor, der Sportjournalist Jürgen Thiem, wurde ich mit eben jener Mannschaft schalke-sozialisiert, um deren Geschichte es in diesem Buch geht. Wir sind die gleiche Generation: Die letzte deutsche Meisterschaft nicht mehr, bzw. noch nicht erlebt – aber mit dem Klang der Namen wie denen von Klaus Fichtel, Klaus Fischer, Norbert Nigbur und auch jenem des Trainers Ivica Horvat sickerte der Geist des königsblauen Mythos in unsere Nervenbahnen. Und verließ sie nie mehr. Und schließlich nennen wir uns in Verehrung an die gleich geniale wie labile Nummer 7 dieser 70-er Jahre im Web 0.4 S(tan)Lib(uda).

Ein wunderbares Buch, einerseits. Jeden Satz des Einbandes und aus der Buchinformation könnte man auch in der Rezension verwenden: Es ist nämlich alles wahr, denn diese Schalker Fußball-Generation war eine „goldene“, ja, wir begegnen auf 256 Seiten nicht nur der Chronologie durch diese Spieler-Epoche der Matten und Koteletten, sondern gewinnen auch intensiven Einblick in die ganz persönlichen Geschichten und Anekdoten der einzelnen Akteure. Ja, „ein berührendes Buch über Schalkes verlorene Generation“. Und damit eines, das wahrlich endlich hatte geschrieben werden müssen – und zwar erstens für romantische Königsblaublüter, zweitens für Zeitgenossen, die alles, was sie ja in ihrem persönlichen Fußball-Archiv eh besitzen, zur Bestätigung und Genugtuung noch einmal genau aufgelistet haben wollen, drittens für damals noch nicht allzu Verdrahtete (wie mich), welche z.B. den „Skandal“ damals gar nicht so richtig kapiert haben – Schalke 04 war fußballerisch die Ausgeburt des Bösen und der Strafe in einem, und dem zum Trotz gerade damit auch wieder gruselig attraktiv, denn da waren ja eben jene genialen Spielertypen … – und viertens für jene jungen Spätgeborenen, deren erster bewusster Integrationsbegriff in Bezug auf Schalke Eurofighter war und die lediglich mit internationalen Söldner-Namen, dem Phänomen einer 4-er-Kette, sowie alkoholentzogenem Bier in Fußballstadien aufwachsen. Auch und besonders ihnen wird „Schalke“ nahe gebracht.

Da liest man und kann gar nicht mehr aufhören, an diesem Kaleidoskop von Namen und Orten und Spielbegegnungen zu kleben, an der uns unfassbar bekannt vorkommenden Abfolge von übersteigerten Ansprüchen an die jeweiligen Teams zum Saisonbeginn, die völlig überfliegerische Euphorie, wenn mal drei Siege hintereinander heraussprangen, die regelmäßig folgenden Grottenkicks, die verzweifelten Vizemeisterschaften, die Parallelität der Vergötterungen von Spielern auf absteigenden Ästen (Libuda / Raúl) bis zu deren so genannter Freistellung, die Phalanx von Trainingsleitern, der Wechsel von freundlichen, kompetenten Kumpels hin zu dann immer wieder für notwendig erachteten „harten Hunden“… Wie bekannt kommt uns Fans im neuen Jahrtausend die Beschreibung eines Gebarens von Max Merkel oder Gyula Lorant vor, kannten und schassten wir doch kürzlich noch den Magath.

Das Buch wurde auch geschrieben für Gelsenkirchener, die wissen, wie es an den genannten Wohnadressen von Spielern und Orten der Edeka-Märkte und Kneipen Günter Sieberts aussah, die die Namen rund um dessen „umtriebiges“ Finanzgebaren und die Verquickung mit Politik und Verwaltung der Stadt kennen und zuordnen können.
Überhaupt, gerade um mehr abzuliefern als eine Abfolge von sportlichen Tatsachen wie Daten, Geldsummen und Vertragsbedingungen und in erster Linie auch der Nennung aller Spielergebnisse und Torfolgen und ihrer Schützen, bemüht sich Thiem um engen Kontakt zu den Hauptakteuren. Sie geraten gerade damit fast ein wenig fiktiv, diese jungen Männer, neben den schon Genannten selbstverständlich auch Rolf Rüssmann, die Kremers und allen voran Thiems bewusst erkorener Identifikationsheld Herbert „Aki“ Lütkebohmert.
Man muss das mögen, so einen sehr privaten Einblick in das Leben dieses Spielers, Aki beim Camping, Aki beim Autofahren, Aki mit Frau und Kind, mit seiner Mutter, seinen Freunden. Und Aki in der Kirche. Hier trieft das Buch vor Seelenschweiß im Ringen um etwas wie Nähe zu einem der Hauptakteuere jener Schalker Zeit. Natürlich geht uns das Herz auf, wie wir lesen, dass er auf die Anfrage aus München – einen Notizzettel neben dem Telefon – nicht reagiert und stattdessen ein paar Tage später erneut bei Siebert unterschreibt.

Am Beispiel Aki Lütkebohmerts wird zudem am deutlichsten, wie sehr die (klein-)kriminellen Akte des Spielbetrugs von 1971 nebst Annahme wirtschaftlichen Vorteils die oder den Täter auch zum Opfer ihrer selbst werden lassen. Man möge dem Aki wünschen, er hätte das nie getan, so verstehe ich den Autor. Was die späteren Meineide betrifft, verliert sich prompt eine erkennbare Haltung Thiems, da sind wir ihm schon auf den Leim gegangen, da wollen wir gar nicht viel wissen vom mangelnden Mumm zur Wahrheit, verfolgen wir hier doch eine Heldengeschichte. Und wenn sich dann gegen Ende des Buches der sportliche Abstieg Schalkes entwickelt, wird die Geschichte immer wehleidiger, sucht der Autor im quälenden Abgesang nach dem bestgeeignetsten Ausstieg – und entscheidet sich endlich für Lütkebohmerts Krebstod. Mit Charly Neumann trägt man dann auf den letzten Seiten die Vereinsfahne zum Grab und befindet sich mittendrin im königsblauen Schmalz. Dies ist mein „andererseits“: Die Darstellung der sportlichen Fakten hätte mir genügt. Aber, das weiß ich auch, dann hätte das Buch nicht geschrieben zu werden brauchen… Schalke, das ist eben mehr als ein Verein.

Zieht man also Pathos und Mythos ab, erklärt dieses Buch dem Zugereisten wie dem Nachgeborenen auf das Nachvollziehbarste die eine Hälfte der Schalker, vielleicht sogar der Revier-Seele.
Die zweite Hälfte bleibt eh unerklärbar.

Das Web 0.4 liest: Von Matten und Koteletten
Jürgen Thiem
Helden für einen Sommer: Die Geschichte der besten Schalker Mannschaft aller Zeiten

256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, Paperback, Fotos
ISBN: 978-3-89533-857-1, € 14,90
Erschienen im Verlag Die Werkstatt, Göttingen

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
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