Nüchtern betrachtet

Ich wache auf. Nur der Fernseher erhellt den ansonsten stockdunklen Raum. Kein anderer als Matip schiebt gerade mit der Hacke den Ball zum 3:0 ins Tor. Eigentlich wäre so etwas ein klares Indiz für einen Traum, wenn ich es nicht nun schon zum fünften Mal sehen würde. Das erste mal aus weiter Entfernung vom Oberrang, das zweite mal kurz danach auf dem Videowürfel, das dritte Mal im Kuzorras kurz bevor ich TiL, Simon und meinen Bruder traf und das vierte Mal kurz vor dem Einschlafen im heimischen TV. Da ich keine Ahnung habe, wie spät es ist, weiß ich nicht, zum wie oft mein Unterbewusstsein noch mit dieser Szene gefüttert wurde. Immer im Loop. Ich schalte den Fernseher aus und schlafe weiter.

Als mir Timo Hildebrand jedoch wenig später erzählt, dass sein Einsatz  ihm heute nicht so gut in den Kram gepasst hätte, da er noch mit Bayern-Jutta auf der Kö verabredet gewesen sei, bin ich mir doch recht zügig sicher, dass ich fest schlafe und träume. Jedoch nur, um wenig später mit offenen Augen da zu liegen, und an Lars Unnerstall zu denken. Arme Socke. Da ist er gerade auf dem besten Weg, sich in der Bundesliga fest zu spielen, und dann sowas. Ich bin mir jedoch sicher, dass er bald wieder auf der großen Bühne zu sehen ist. In welcher Form auch immer.

Nur mein Mitleid für Lars hält mich davon ab, hochzufrieden über den Coup von Horst Heldt zu sein. Schlaftrunken stelle ich mir vor, wie er am Aschermittwoch mit einer königsblauen Narrenkappe auf der Pressekonferenz erscheint, allen eine lange Nase zeigt und ruft: „Auch ich wusst` wir ham‘ Unnerstall/ doch kaufte ich nur für den Fall /von mei’m privaten Flaschenpfand/ den alten Timo Hildebrand“, woraufhin standesgemäß der Tusch vom eigens für diesen Moment eingeladenen Trompeten-Willi einsetzt. Doch da schlafe ich schon längst wieder. Tief, fest und mit dem Beruhigenden Gefühl, dass Timo unseren Kasten weitestgehend sauber halten wird.

Als der erste und unbarmherzigste aller Wecker schellt ist es halb sechs, und mein erster Gedanke der kein Schimpfwort darstellt ist „Vierhundert“! Yes! Treffer Nummer 400, und ich war dabei. Überhaupt: Man hat ihn den Spaß am Fußball spielen endlich wieder angesehen, dem Señor. Trotz der grausamen Kälte an diesem Morgen erfüllt der Gedanke ein Zeitzeuge dieses großen Fußball-Helden zu sein mich mit einer heimeligen Wärme.

Nicht nur deshalb findet mein Gesicht an diesem Montagmorgen schneller als sonst zu einem Lächeln. Wir haben irgendwie dann doch Angstgegner Wolfsburg samt Magath mit 4:0 nach Hause geschickt, wir haben eine tolle Mannschaftsleistung gesehen und wir haben unseren Tabellenplatz wieder ein Stück mehr verteidigt und aus den ersten fünf Spielen der Rückrunde bisher sogar zwei Punkte mehr geholt, als zur gleichen Zeit in der starken Hinrunde.

Wen interessiert es da, dass vermutlich jeder der 16 anderen Bundesligaklubs diese desolate Wolfsburger Mannschaft ebenfalls überrannt hätte? Wer kann sich wirklich darüber aufregen, dass wir zahlreiche dicke Chancen haben liegen lassen? Wer will sich ernsthaft beschweren, dass uns öfter als nötig nur das pure Glück vor dem Gegentreffer bewahrt hat? Ich jedenfalls nicht…

Mehr davon!

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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