Telepathie in Königsblau

In Gladbach kann man – zumindest diese Saison – mal verlieren. Allerdings nicht so. Und schon gar nicht, wenn ich sogar meine Geheimwaffe einsetze, um das Spiel noch zu drehen: Geschirrspülen.

Ihr lacht! Aber ihr wisst ja gar nicht, was ihr mir zu verdanken habt! Warum? Ich erzähl es euch.

Jeder Fußballfan hat seine ritualisierten Rituale Maneurismen, die immer dann zum Tragen kommen, wenn der Verein seines Herzens spielt. In der Regel umso stärker und konzentrierter, umso schlechter die aktuelle Partie verläuft. So entschied zum Beispiel mein Kumpel Klaus-Dracula (Name von der Redaktion geändert) das 2006er WM-Viertelfinal-Elfmeterschießen für die deutsche Mannschaft dadurch, dass er immer an einer ganz bestimmten Stelle in seiner Küche stand, wenn ein Argentinier zum Schuss anlief. Der Rest ist Geschichte.

Auch ich habe solche Rituale. Eines davon ist, dass ich – auch alleine in der Wohnung – immer den selben alten Schal trage, während das Spiel läuft. In der Regel tigere ich dabei im Zimmer auf und ab, vor allem wenn es die Nervosität nicht zulässt, dass ich dem Geschehen auf dem Spielfeld in Ruhe auf dem Bildschirm folgen kann. Bei manchen Spielen schalte ich sogar den Stream oder das Fernsehbild aus und mache – old school wie ich bin – nur den Videotext an. Dann starre ich so lange auf das Ergebnis, bis aus der grausamen Null auf unserer Seite endlich eine Eins wird. Danach läuft es normalerweise irgendwie von alleine weiter. Im Idealfall steht am Ende sogar eine Drei oder gar eine Vier auf der Habenseite. Was vor allem dann toll ist, wenn auf der Seite des Gegners eine kleinere Zahl steht. Seitdem Leute wie Raúl und Huntelaar auf Schalke spielen, ist das sogar wieder öfters der Fall.

Es gibt allerdings Spiele, da reicht mein starrender Blick nicht. Entweder ist der Gegner zu stark, oder die telekinetische Verbindung zur Mannschaft, die ich über die Dekaden zu etablieren versucht habe, wird von haarfeinen Rissen im Raum/Zeit-Kontinuum eingeschränkt. In diesem Fall muss ich zu drastischeren Maßnahmen greifen: Dem eingangs erwähnten Geschirrspülen.

Ich weiß nicht mehr genau wie ich es rausgefunden habe, ich erinnere mich allerdings noch sehr gut daran, wann es war. 2001, die Saison der Meister der Herzen. Damals hatte ich noch kein Internet in meiner Wohnung. Sky oder ähnliches hatte auch niemand, wahrscheinlich vor allem deshalb, weil es das damals noch gar nicht gab. So war ich im Regelfall auf das Radio angewiesen. Da es mich als Kind allerdings schon immer wahnsinnig machte aus dem im Hintergrund ertönenden “Tooooor in Schalke” (Ja, im Radio sagen sie tatsächlich in Schalke!) herauszuhören, ob es sich denn jetzt um ein Tor für die Heim- oder Gastmannschaft handelt, hatte der eintönige Anblick des schwarzen Videotext-Fensters immer einen sehr viel beruhigenderen Einfluss auf mich.

Als ich 2001 – immerhin die erste Saison an die ich mich erinnern kann, in der wir lange sehr weit oben standen – vor lauter Aufregung selbst das Niederstarren der eigenen Null auf dem Bildschirm nicht mehr aushielt, musste ich mich irgendwie ablenken. Wer schon mal in meiner Wohnung gewesen ist, weiß, dass es dazu eine Menge potentieller Baustellen geben würde. Da ich allerdings ein prinzipiell fauler Mensch bin, machte ich mich instinktiv an eine Arbeit, deren lohnenswerten Ertrag ich wenige Minuten später ernten würde können: Ich spülte ab. Ein paar Kaffeetassen, ein paar Teller mit eingetrocknetem Ketchup von letzter Woche, keine große Sache. Als ich dann, nach getaner Arbeit, vor den Videotextbildschirm zurückkehrte, waren wir entweder selbst in Führung gegangen oder hatten das Spiel zu unseren Gunsten gedreht. Ein narrensicheres System, das – zumindest 2001 – bei nahezu jedem Spiel funktionierte.

Warum wir damals trotzdem nicht Meister geworden sind, hat seine Gründe: Als wir am vorletzen Spieltag in letzter Minute das 0-1 durch Krassimir Balakow kassierten, während die Bayern den Führungstreffer gegen Lautern erzielten, spurtete ich geschockt in die Küche um mit einem Kraftakt in der Nachspielzeit noch einmal die Wende herbeizuführen! Ich wusste, ich würde mich selbst übertreffen müssen: Vielleicht ein mit Öl verschmiertes Backblech säubern oder zumindest den Topf in der Spüle von seinen angebrannten Tomatensoßenresten befreien. Als ich allerdings 2,34 Sekunden später in der Küche eintraf, erwartete mich das Grauen: Mein Mitbewohner hatte bereits abgewaschen! Alles stand blitzsauber gespült neben dem Waschbecken. Das Funkeln des vom Schmutz gereinigten Bestecks verhöhnte meine erzwungene Tatenlosigkeit. Eine Minute später war das Spiel aus. Wir hatten verloren, die Bayern gewonnen. Und ich wusste, es traf mich eine nicht zu verleugnende Mitschuld. Eine Bürde, die bis heute schwer auf meinen Schultern wiegt. Da half es auch nichts, das nächste Heimspiel gegen Haching zu gewinnen. Ich hatte im entscheidenden Moment Nerven gezeigt und den Verein so die erste Meisterschaft seit damals 43 Jahren gekostet.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, der Mannschaft zu vertrauen. Das Schicksal in ihre eigenen Hände gelegt. Wer eine überirdische Gabe erhalten hat, sollte diese nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Meistens bin ich auch gar nicht zuhause, gucke die Spiele im Stadion, in der Kölner Schalke-Kneipe “Pegel” oder bei Freunden auf dem Sofa. Es kommt allerdings doch vor – in der Regel bei sehr wichtigen Spielen – dass ich auch heute noch auf den Geschirrspül-Trick zurückgreife. Wenn ich merke, dass die Mannschaft meine Hilfe braucht, bin ich für sie da. Allerdings kann ich das Spiel nicht in jedem Fall alleine gewinnen. So wie am Wochenende in Gladbach. Ich konnte zwar verhindern, dass das Spiel zu einem Debakel wurde, zu mehr als zu einer ausgeglichenen zweiten Halbzeit hat es nur leider nicht gereicht.

Wahrscheinlich ist es Zeit, die Mannschaft komplett sich selbst zu überlassen. Denn auch wenn ich mich wahnsinnig über Spiele wie das am Samstag ärgern kann: Es war klar, dass auch solche Tage kommen würden. Huub und Horst haben es immer gesagt. Die Mannschaft ist jung und noch lange nicht da, wo sie in einiger Zeit sein kann. Bis dahin freue ich mich über jeden Punkt, jeden Sieg, jedes Tor und jeden gelungenen Spielzug. Was gegen Wolfsburg, Pilsen und Bayern allerdings ohne Abwaschen funktionieren muss.

Ach ja: Wären wir hier bei Facebook und das Web 0.4 scheiße, würde ich jetzt fragen: Und was ist euer persönliches Ritual bei Spielen? Ha!

David

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Modebeauftragter a.D.
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