Meister werden…

Freude oder Glück ist psychologisch gesehen nicht die Erfüllung einer Erwartung, sondern die Erwartung selbst.“ ist in der Wikipedia zum Thema Erwartungshaltung nachzulesen. Weiter: „Hingegen kann ein lange herbeigesehntes freudiges Ereignis, wie etwa ein als lustvoll empfundener Konsumakt, finanzielle Zuwendung oder eine berufliche Beförderung, wenn es dann wirklich eintritt, gar nicht mehr richtig beglücken.“ Daraus lässt sich schließen, dass der zuletzt in die Kritik geratene Teil der Schalker Anhängerschaft – zumindest psychologisch betrachtet – gar kein Problem mit einer falschen Erwartungshaltung hat – diese würde sich nämlich eher in Euphorie äußern – sondern eher ein Problem mit einer fehlenden Bedürfnisbefriedigung.

Ich bleibe bei der Infoschleuder Wikipedia: „Ein Bedürfnis ist das Verlangen oder der Wunsch, einem empfundenen oder tatsächlichen Mangel Abhilfe zu schaffen.“ Was das heißt dürfte klar sein: Niemand erwartet die Meisterschaft, denn diese Erwartung würde einen Grad an nicht vorhandenem Realismus voraussetzen, der sogar weihnachtsmanngläubige Bankkaufmänner blass aussehen ließe. Vielmehr lässt der ein oder andere eben ein Bedürfnis – in diesem Fall wohl sogar mehr Verlangen als Wunsch – in sich aufkeimen.

Nun stellen sich zuerst zwei Fragen. Erstens, wie kommt es zu einem derartigen Verlangen, und zweitens, wie sollte man so einem Verlangen entgegenwirken?

Die erste Frage ist schnell beantwortet. Denn dass die herkömmlichen Bürger Villabajos nicht immer spülen wollen, während die Fairy Ultras in Villariba schon wieder feiern, sollte jedem klar sein. Dass man deswegen nicht sein Haus abreißt und ins Nachbardorf zieht, ebenfalls. Es ist doch so: Manch einer findet sich eben damit ab, und weiß eben andere Dinge an seinem Dorf zu schätzen, während der Neid am anderen nagt – nicht umsonst bezeichnet sie Psychologie ein Bedürfnis als Persönlichkeitseigenschaft –  und sei es nur in den tiefsten Tiefen seines Unterbewusstseins. Denn natürlich hat auch der Bewohner des vermeintlichen Verliererdorfs seinen Stolz und würde weder vor sich selbst noch vor anderen zugeben, dass man die Feierlichkeiten am Borsigplatz in Villariba schon ein wenig wehmütig beäugt.

Die Zweite Frage hat es jedoch in sich. Am einfachsten wäre sie jedoch kurz und bündig mit „Gar nicht“ beantwortet. Denn ein Verlangen ist ein Verlangen ist ein Verlangen. Klar: Tiefenpsychologisch ist da sicher was zu machen, und vielleicht sollte Horst Heldt doch in der nächsten Halbzeitpause mal probeweise Martin Bolze alias PHARO in den Mittelkreis bitten, um diesen derzeit überzogenen Gedanken aus den Köpfen der vermeintlichen Spinner zu kriegen. Was man hingegen aber sehr wohl ändern kann, ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Schließlich sollte sich jeder ausgewachsene Mensch ohne Umschweife in der Lage sehen, einen Pfeifton oder Zwischenruf im Unmutsfall zu unterdrücken.

Da stellt sich nun aber fix eine neue Frage: Ist das erstrebenswert? Ist diese Ausgelassenheit, sowohl im Erfolgsfall, als auch in schlechten Zeiten nicht genau das, was Schalke ausmacht, und von vielen anderen deutschen Stadien in denen der gleiche Ball rollt unterscheidet? Ist es nicht diese total auf den Klub fixierte Schalker Seele, die das Phänomen der „Knappen“ überhaupt möglich macht? Und wieder eine neue Frage: Darf Horst Heldt das denn dann kritisieren? Diesmal mit Antwort: Ja, darf er. Besser noch: Ja, muss er. Denn wenn Horst Heldt die nicht gerade erfolglose Mannschaft in der Schussbahn sieht, muss er sich davor werfen. Das hat er getan.  Und das sicherlich mit dem 1904%igem Bewusstsein, das er dafür in die Kritik geraten wird. Der Fan darf dann wiederum genau das und vor allem das „Wie“ ebenfalls kritisieren, ABER…

Ich schrieb es gestern auf Facebook, und ich wiederhole es gerne nochmal: Die Presse möchte mal wieder einen harmlosen Ausspruch in den Mittelpunkt ziehen, um für Unruhe zu sorgen. Wie lächerlich wäre es, wenn sie dies schaffen. Denn wenn wir uns in solchen Phasen selbst zerfleischen, wird das Verlangen der Spülmüden ganz sicher nie gestillt. Und ein wenig Langzeiterwartungshaltung wollen wir uns doch alle erhalten, oder?

Ich für meinen Teil werde jedenfalls noch eine Weile weiterspülen. Mit einer ganzen Menge Stolz und einem Lächeln im Gesicht.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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