Zurück in der Zukunft

Während die Fußballbloggerelite am Samstag von einem großen Telekommunikationsanbieter zu einer Präsentation geladen wurde, in der das Unternehmen den Schreibern unsinnige Features ihres Bundesligapakets näherbringen wollte, machten die Feld- und Wiesenblogger skAndy und SLib einen Selbstversuch mit einem sehr viel sinnvolleren Feature des gleichen Anbieters. Denn den beiden Familienvätern passte die Samstagsanstoßzeit um 18:30 diesmal so gar nicht.

Samstag 18:30 ist Viertel vor Sandmännchen. Außerdem verlangen die Kinder nach Ihrer letzten regelmäßigen Mahlzeit des Tages und wollen müssen ins Bett. Da kommt es gerade recht, dass ebenjener Anbieter es erlaubt, später einzusteigen bzw. den Anpfiff auch mal auf nach Abpfiff oder gar den nächsten Tag oder wann auch immer zu schieben. Dass dieses Unterfangen eine eiserne Disziplin erfordert sollte klar sein. Denn Handy, Internet und Fernsehen sind, sobald der Anpfiff – also der Anpfiff in Echtzeit – ertönt, Tabu.

„So ab Neun“ war Slibs Ansage bezüglich seines Erscheinens. Ich konnte also mit den Kindern noch eine Postsandmännchengutenachtgeschichte lesen und hockte mich auf die Couch. Viertel nach Acht. Zu Früh. Viertel nach Acht. Viertel nach Acht. Das Spiel ist gleich zu Ende. Meine Gedanken kreisen.

Wie mag es gerade im Pegel aussehen? Man munkelt, dass in der beliebten blau-weißen Kneipe in Köln heute nicht nur diverse Blogger, sondern auch die Lokalmatadore das Spiel schauen. Ist die Stimmung wohl ausgelassen? Ob die letzten Minuten spannend sind? Oder sitzt man so da, wie beim jenen mal, als ich zuletzt im Pegel war? Mit Strom, David und Tobi Tatze. Ich weiß gar nicht mehr genau wann das war. Letzte Saison? Ich erinnere mich an eine denkbar frühe Führung durch Kluge. Und zwei Gegentreffer wenig später. Der Rest Geplätscher. Reus! Eins davon hat Reus gemacht… Gladbach muss es gewesen sein…

Ich schaue wieder auf die Uhr.

Fünfundzwanzig. Jetzt ist das Spiel auch sicher im letzten Ticker vorüber. Ob die Mannschaft jetzt gerade vor dem Auswärts-Fan-Block feiert, oder ob sie mit hängenden Köpfen in die Kabine gehen? Oder beides, weil der mitgereiste Support mal wieder großartig war?

„Papi, ich hab Durst“ schallt es aus dem Kinderzimmer. „Ich auch, wann kommt SLib endlich?“ denke ich, während ich ein Glas Wasser zu einer meiner Prinzessinnen trage. Eine wiederholte Gute-Nacht-Zeremonie später sitze ich wieder auf meinem Sofa.

Was mag wohl gerade auf Twitter und Facebook los sein? Widmet man sich lieber typischen Samstagabendbeschäftigungen, oder feiert man einen Sieg? Vielleicht diskutiert man gerade eine strittige Entscheidung. Oder gibt es noch mehr Verletzte? Oder gibt man gerade Turnhallen-Phil die Schuld, weil Poldi gut gespielt hat?

Wie auf’s Stichwort zeigt sich Poldi. Ich versorge ihn mit einem Drop. Poldi, das ist der Hamster meiner Tochter. Für den Namen bin mehr oder weniger sogar ich verantwortlich. Als meine Tochter sich ein Tier zum Geburtstag wünschte, lief gerade die Vorbereitung zur WM 2010. Fußballspieler in der Werbung, auf Klebebildchen bei der Haselnusstafel  und überhaupt wo man nur hinschaute. Sie wollte ein Meerschweinchen. „Schweini“ sollte es heißen, „wie Schweinsteiger“. Oder einen Hasen, der hieße dann „Miro“. Grund genug wäre das schon gewesen, ihr diese Tiere zu verwehren, es lag aber doch eher an unserer tagsüber eher unbelebten Wohnung, dass ich von Anfang an eher auf einen Hamster fixiert war. Also fragte ich, zu gegebener Zeit: „Und einen Hamster? Wie würdest du einen Hamster nennen?“ Die Antwort „Ballack“ versetzte mir einen kleinen Stoß in die Magengegend. Blitzschnell ging ich im Kopf den Kader der Nationalmannschaft durch, und schlug ihr Poldi vor. Sie war begeistert, und ich war einfach froh, Ballack oder Miro abgewendet zu haben…

Fünfundvierzig. Ich entschloss mich, den Fernseher doch kurz anzumachen, um die Zusammenfassungen der Nachmittagspartien zu sehen. Schließlich wurde die Sendung VOR dem Abendspiel aufgezeichnet. Ich kann also nichts erfahren…

Dortmund Hoffenheim … Mist … Och nee … Maaaaaaan! Naja, egal. Vielleicht holen wir ja auch einen Dreier. Äh… ich meine, vielleicht haben wir ja auch einen geholt. Wie habe ich Dortmund eigentlich getippt? Gucken kann ich nicht, dann sehe ich ja das Ergenbnis. Mir muss doch einfallen… FUCK!!!!! Ich habe vergessen zu tippen. Ich wollte das doch, nachdem ich gestern aus Zeitmangel nur das Abendspiel getippt habe, heute erledigen. FUCKFUCKFUCK! Wo ich doch gerade Zweiter in der Twitterunde war…

Ich husche mit der Fernbedienung durch die anderen Spiele, ärgere mich aber die ganze Zeit nur über meine Dummheit. Irgendwie wollte mich auch keins der Ergebnisse so recht aufmuntern. Zehn nach Neun. Ich beschließe, nochmal auf den Balkon zu eilen, als es klingelte. SLib stürzte die Treppe rauf, und sagte lachend was von „Schein und Sein“ um mir näherzubringen, dass auch er die Situation durchaus als gewöhnungsbedürftig empfand. Wir setzten trotzdem erstmal in aller Ruhe den Gang zum Balkon fort, bevor wir uns genüsslich die komplette Vorberichterstattung gaben. Mit Held, Finke, Stevens, Solbakken und allem drum und dran. Wir staunten genauso wie alle anderen über Marica in der Startelf. Bloß ca. 3 1/2 Stunden später.

Die erste Halbzeit erlebten wir ebenfalls wohl so wie alle anderen. Aber lasst euch sagen, dass die Enttäuschung über einen solchen Gegentreffer potenziert wird, wenn man weiß, dass man sich über eine eventuelle Niederlage auch einfacher hätte informieren können. Trotzdem erinnerte alles zu sehr an das Hinspiel und an das Gastspiel in Mainz, als dass man seine Hoffnung hätte begraben müssen, können oder dürfen.

Auch die Halbzeit spielten wir Live durch. Ohne Not, wir hätten ja pausieren oder vorspulen können, aber man gewöhnt sich halt beim Pippi machen und rauchen in der Halbzeit ein gewisses Timing an.

Jurado kommt? Brauchen wir jetzt einen Jurado? Und der nimmt doch wohl jetzt nicht den Jule raus. Der war der einzige da vorne, der was getan hat… Nee, die Uschi geht. Schade, konnte sich wieder nicht durchsetzen… Was nu? Höger auf rechts, Mittelfeld offensiver lagern. Könnte klappen. Aber ich hätte ja den Marica rausgenommen. Der bringt doch nix…

Es sei nicht weiter erörtert, was dann auf dem Rasen geschah. Was mochten die Nachbarn gedacht haben, die da hinter den Papierwänden hocken und nach Elf Uhr Torschreie im Minutenabstand vernehmen? Egal! Wir lagen uns in den Armen, klatschten ab, und machten alles, was man so macht, wenn denn die Tore  fallen. Ein herrlicher Abend.

Im groben und ganzen möchte ich das Experiment „Gemeinsam Re-Live gucken“ als gelungen abstempeln, aber darauf hinweisen, dass man dies nur tun sollte, wenn…

a) die Alternative Kinderlärm und Stress bedeutet  oder man sonst gar nicht zum gucken kommen würde.
b) man einen guten Freund hat, dem es genau so geht
c) man ein Team hat, bei dem man die Hoffnung nach einem frühen Rückschlag nicht aufgeben muss.

Ausserdem sollte man trotz allem wegdrängen des Spieltags bis zum Abend an das geliebte Tippspiel denken…

P.S.: Nein, der Titel enthält keinen Fehler.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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