Papadopoulos, Kyriakos, geb. am 23.02.1992 in Katerini, Makedonien, Griechenland

Eine von den Geschichten, die geschwätzig daher kommen und letztlich überflüssig sind. Noch nicht einmal die Welt verändern wollen sie. Werfen stattdessen launige Schlagschatten auf langweilige Gegenstände und uninteressante Phänomene, welche alle längst durchdacht, durchlitten und somit wenig lohnenswert sind, weiterhin künstlich, also sprachlich am Leben gehalten zu werden.
Eine Geschichte über Fußball eben, auch wenn es zunächst nicht erkennbar war, als es passierte. Vielleicht eine Geschichte über einen Steilpass, der, wenn er ankommt oder erlaufen wird, tödliche Wirkung zeitigen könnte. Oder in der gegnerischen Abwehr hängen, oder, noch schlimmer, in den sternenklaren Nachthimmel gebolzt, nur noch Futter für spöttelnde Moderatoren bleibt. – Eine Geschichte vom Sack Reis in China, der, wenn er umfällt, lediglich Pekinger Regierungsspitzel interessiert, und vom Flügelhauch des Schmetterlings auf der anderen Seite der Welt, der, unbemerkt, hier und dort eine Spielertraube auszulösen in der Lage ist, angeblich. Beweisen kann es niemand, das ist gut für den Schmetterling. – Eine Geschichte wie jene von Alexander dem Großen, der, wäre er nicht wegen gemeinen Betruges durch seinen Halbbruder Philipp, welcher den gleichaltrigen Alexander als Jüngling im vorgeblich sportlichen Zweikampf mit höchst unfairen Mitteln scheinbar besiegte und dazu noch mit hämischem, sportmoderatorengleichen Spott überschüttete – und das vor den Augen der wunderschönen Cousine Zyrcia – innerlich zu einem ewigen Rächer geworden, Kämpfer gegen das Unrecht – der Welt, wie er sagte, gegen ihn selbst, wie er heimlich wusste – so hätte er in Folge nicht die damals bekannte Welt erobert, beziehungsweise seine Soldaten nicht verführen können, das für ihn zu tun, so hätte er später in Susa nicht in einer einzigen Nacht 1000 Zyrcen gleichzeitig heiraten können, und wir wiederum hätten niemals gewusst, dass dreidreidrei bei Issos eine Keilerei gewesen sein soll. Issos. Wo liegt das überhaupt.

Es war Mitte Mai 1991. Ich war in Katerini hängen geblieben, etwa 70 Kilometer südlich von Thessaloniki. War dort in Saloniki mit der Bahn gelandet, wollte weiter nach Athen runter, trampte die griechische A1 entlang, wurde aber an einer Tankstelle rausgesetzt.
Es war schon spät, ich entschied mich, zu Fuß in diese Stadt hinunterzulaufen, Katerini liegt in der Ebene Richtung Thermaischer Golf. Die Autobahn verläuft oben in den Bergen, man kann von dort hinaus auf die Ägäis sehen. Sie schimmerte weiß, hüllte sich aber in Schweigen. Versprach nichts, gar nichts.
Ich hatte Hunger. Die Kekse von der Agip, gekauft von der letzten Ration Drachmen für diesen Tag, waren schnell verkrümelt. Eine halbe Flasche Wasser hatte ich noch.

Katerini war hässlich. Staubiges, ungeordnetes Gewerbegelände, zwischendrin zweistöckige Wohnbauten mit bunten, zugestapelten Balkonen, meist unverputzte Fassaden. Überall aber freundlich nickende Menschen, die mir neugierig nachsahen. Ich muss noch immer wie ein geflüchteter Soldat ausgesehen haben, mit meinem Seesack über der Schulter.
Das Meer war inzwischen näher, jedoch hinter den Gebäuden verschwunden, die Stadtbebauung wurde dichter, ich hatte noch keinen Platz für die Nacht. Ein etwas weiteres Gelände gab Platz für kargen Gemüseanbau frei, auf einer Betonveranda wurde eine überdachte Taverne behauptet. Die Menschen an dem einen langen, gedeckten Tisch palaverten laut, lachten, und, als sie mich erblickten, winkten unverzüglich herüber. Ich solle herkommen, mich setzen, mit ihnen trinken. Alle begrüßten mich, hemdsärmelige Männer, ärmellose Frauen, grinsende Alte, johlende Junge. Es gab weißen Schnaps und goldenen Wein, viel Gebratenes und Geöltes. Es gab zu fragen und zu berichten, zu lamentieren und zu singen. Drachmen hatte keiner, zu speisen, zu saufen und zu singen hatten alle genug. Die Sonne war längst untergegangen. Und wenn sie nie mehr aufginge, machte mir der Patron klar, Giorgos, wenn sie nie mehr aufginge, die griechische Sonne, egal, dann hätten sie noch Wein und Öl und Lieder, und außerdem hätten sie ihre Nothelfer, ja, Nothelfer, ich wüsste doch, dass es 14 gäbe an der Zahl, vierzehn Nothelfer, und die schicken wir dann nach Europa, sagte Giorgos, sagte es laut, damit es alle hören konnten, auch die Schwäger und Nachbarinnen und Kinder und alle, die dabei waren, auch Giorgos schöne Tochter Maria lächelte, nach Europa, nach Deutschland, weil Deutschland ist gut, ist März-Ädes, ist Sie-Men, ist Becken-Bauer, ist Daua-Wurß. Sein Lieblingsnothelfer, der Nothelfer seines Herzens, und das lallte mir der Patron ins Ohr – er hatte mich längst eng umarmt wie Alexis Sorbas es getan hatte, auch Makedonier wie Alexander der Große und wie Papadopoulos, der Recke – wie Alexis Sorbas den Schriftsteller Basil umarmt hatte, der Nothelfer seines Herzens, wiederholte Giorgos leise, und währenddessen sahen mich die schwarzen Augen seiner Tochter Maria an, als sei ich persönlich ihr Helfer in der Not, und ich sah Maria an, als sei sie es, wegen der ich genau an jener Agip ausgestiegen… Kyriakos! So heiße sein Helfer des Herzens, der „dem Herrn Zugehörige“, ja, den schicke er, Giorgos, persönlich nach Euro…, nein direkt nach Deutschland! Und dann würde alles wieder gut, scheißgutes Hellas, scheißegal Drachme.

Marias Haut war weiß wie der Thermaische Golf. Durch den Spalt in den Bohlen, auf denen im ersten Stock ihre Matratze lag, konnte ich hinunter in den Hühnerstall blicken. Der Hahn weckte mich zum Mittag.
Zum Katerfrühstück gab es Langnese-Eis. Maria war früh fort gewesen, Amtsgeschäfte in Saloniki. Nach dem gestrigen Geburtstag ihres Vaters gingen die Eigentumsrechte an der Taverne Papadopoulos an sie über.
Ein Cousin von ihr, Neffe des alten Patron, der ebenfalls so hieß: Giorgos Papadopoulos, fuhr noch am Nachmittag Richtung Piräus runter, irgendwelche Vorvertragsverhandlungen, ich weiß nicht mehr wofür. Ich fuhr mit ihm mit, Richtung Süden. Im Toyota Pickup schwiegen wir beide, die meiste Zeit, wohl wegen der Kopfschmerzen. Im Herbst werde er Maria heiraten, sagte er. Sein Babyface spiegelte sich in der Windschutzscheibe. An einem Abzweig Richtung Delphi bat ich ihn, mich rauszulassen.

André

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Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
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