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An der Hafenstraße – RWE!: Die Geschichte des Georg-Melches-Stadions      (Uwe Wick, Georg Schrepper / Werkstatt Verlag)

Auch wenn das Verhältnis seit den 70er Jahren zwischen Schalke und dem RWE ein gespaltenes ist und beide Vereine konsequent den selben Oppa besingen, soll ein neues Buch über den Revierrivalen hier nicht unerwähnt bleiben. Denn, bei aller Verschiedenheit, zeigen Uwe Wick und Georg Schrepper mit ihrer Essener Stadiongeschichte, wie Freud und Leid in der traditionsträchtigen Sportarena in Bergeborbeck die kleine Lebenswelt der Ruhrmetropole beeinflusst.

Strom intim: Mich verbindet eine besondere Beziehung zum Stadion. In der nahegelegenen Gesamtschule Essen-Nord hat mein Vater lange Zeit unterrichtet und auch ich selbst habe im Studium viel Zeit an der Schule verbracht. Ohne die soziale Atmosphäre und die Vogelheimer Mentalität zu marginalisieren, ist meine Erfahrung: dem Essener Norden ist das Stadion eine Mekka. Von einer Nähe zur Fankultur bin ich meilenweit entfernt. Diese ist weder hier, noch im Buch Thema.

Jede Geschichte um Aufstieg und Zerfall eines Gebäudes, erzählt immer schon die Geschichte des Vereins. Wie bei kaum einem anderen Fußballverein ist die wirtschaftspolitische Verfassung des städtischen Stadions höchster Ausdruck der sportlichen Situation. Das Stadion, das 15 Jahre nach Vereinsgründung offiziell an die Hafenstraße 97a in den Essener Norden zog, verlieh dem gebeutelten, aber charismatischen Stadtviertel seinen heimatlich-kaputten Charme. Die Historie ist, wie man ahnt, entzündlich wie Sprengstoff – was die Verfasser dieser Stadiongeschichte behutsam, objektiv und durch reichhaltiges Archivmaterial dokumentieren. Die Autoren übrigens, sind nicht Niemand. Uwe Wick wirkte in den vergangen Jahren eifrig an der Inventarisierung und Pflege des Sepp Herberger-Nachlasses und schrieb gemeinsam mit dem Essener Lehrer Georg Schrepper bereits 2004 an der Vereinsgeschichte Rot-Weiss-Essens.

Manchmal gehen die beiden auch, – verzeiht mir die feuilletonistische Floskel – ,“da hin, wo es wehtut“. Neben der sehr detaillierten Wirtschaftsgeschichte um Konsolidierung, Insolvenz, Sanierung, Abstieg, Aufstieg, die zähen Finanzierungsprozeduren und das schwierige städtebaulichen Umfeld des zukünftigen „Sportparks Hafenstraße“  wird auch der dubiose Kurzaufttritt von Thomas „Fünf-Jahres-Plan“ Strunz kritisch beleuchtet. Das ständige Auf und Ab der Stadionpläne lässt die Autoren zu der letzten Konsequenz kommen:

Das Georg-Melches-Stadion muss sein romantisches Flair auf Kosten wirtschaftlicher Attraktivität ablegen (pinke pinke!) und zur Eventbühne werden. Das Vorhaben zur Umgestaltung ist jedoch kein Kind des modernen Sport-Marketings. Laut Wick habe der Krupp-Konzern zu seinem hundertjährigen Jubiläum bereits 1911 eine halbe Million für einen Neubau gestiftet. Dass das Stadion um seine Westkurve beschnitten ist, bietet natürlich symbolische Sprengkraft.

Immer wieder werden die ausführlichen textlastigen Ausführungen mit sogenannten „Fangeschichten gelockert“, mal sind diese sehr salopp und platt, mal mit Träne im Knopfloch, ein anderes Mal eloquent und witzig. Alt-Essener wie Röber und Rehagel werden ebenso kurz porträtiert, wie die RWE-Originale Sirenen Willi und Moses Lenz.

Es bleibt also eine liebevolle Chronik über Wut, Enttäuschung, aber auch Mut und bedingungslose Liebe für einen nicht unumstrittenen Verein. Das Ruhrgebiet hat dieser Vereine ja zu Genüge. Und stehe man zu dem Verein, wie man mag; Dieses Buch schafft eine wahrhaftige und einzigartige Dokumentation über die Bedingungen und Grenzen der Bürokratie im Fußball. Bis 2013 hat die Stadt Zeit, zu Beweisen, wie wichtig ihr der Verein ist.

Kleines Ratespiel am Schluss – skandy ausgenommen: auf welchem Filmcover findet man den Schriftfont des Buches?

Das Web 0.4 liest: Luschekowskis Erben - Was Lange währt, wird endlich fertig.Uwe Wick, Georg Schrepper
An der Hafenstraße – RWE!: Die Geschichte des Georg-Melches-Stadions

205 Seiten, 30,6 x 22 x 2 cm, Hardcover, Fotos
ISBN: 978-3-89533-820-5, € 26,90

Erschienen im Verlag Die Werkstatt, Göttingen

 

Strom Hagemann

Strom Hagemann

Poesiebeauftragter a.D. und Gründungsmitglied
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