Alles außer Fußball: Fußball!

Da sitzen sie. Schauen zu, wie andere gegeneinander ein denkbar simples Ballspiel spielen. Statt das Wetter zu genießen, über wichtige Dinge nachzudenken oder am Lebenswerk zu feilen sitzen oder stehen sie einfach da, und gucken auf den Ball. Sie jubeln und Stöhnen zu den Aktionen der Spieler, mehr noch, sie übertreffen die Emotionen der eigentlichen Spieler. Als hinge ihr Leben davon ab, jubeln, weinen und raunen sie.

Es soll Leute geben, die schauen Ballsport der Ästhetik wegen. Und Leute, denen am End‘ egal ist, wer gewinnt. Oder am Besten soll’s gar der Bessere sein. Die Mehrheit wohl jedoch will ihre Nation, ihre Kommune, ihre Wahlheimat oder  was auch immer vertreten sehen. Und Siegen, natürlich. Heimat als Identifikationsmerkmal, wo es eigentlich keiner lokalen Identifikation bedarf, als scheinbares Band, wo andere Bänder fehlen.

Vielleicht bin ich einfach nicht Sportsmann genug, aber selbst die beste Partie, sei es Barcelona gegen Man Utd. kann mich nicht packen, wenn ich keinen emotionalen Bezug aufbaue. Doch meist bin ich glücklicherweise genau dazu in der Lage. Ob ich diese Identifikation in Team, Einzelspieler, Trainer oder befreundetem Fan finde, spielt keine Rolle.

Wie herrlich kann ich mich freuen, wenn ich weiß, dass der Freund in Berlin jetzt gerade aus dem Häuschen fährt, weil Mönchengladbach das entscheidende Tor gegen Köln geschossen hat, oder dass das Herz der lieben Freundin hüpft, weil Lumpi den Hattrick gemacht hat.

Am letzten Freitag war ich beim Handball. In Korschenbroich. 2. Bundesliga. Leipzig war zu Gast. In deren Reihen ein lieber Bekannter, dessen – wenn auch eher unpersönliches, er stand ja die meiste Zeit auf dem Spielfeld – Wiedersehen mir die Reise wert war. Leipzig lag fast das gesamte Spiel zurück, zwischenzeitlich und viel zu lange sogar mit 5 Toren, doch am Ende, nach einer echten Aufholjagd und kurz vor Schluss, gingen die Sachsen in Führung und siegten. Ich bin kein Sachse. Ich kannte nicht mal die Namen der übrigen Spieler. Und doch war ich von Beginn an Feuer und Flamme. Das Spiel – Das Regelwerk war mir aus meiner persönlichen Sportlerlaufbahn in der Jugend bestens bekannt – packte mich und ließ mich seufzen, bangen und jubeln. Alle bedeutsamen Emotionen in etwas mehr als 60 Minuten. Großartig. Für den Moment war ich eben doch Leipziger.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Schalke mein Leben ist – ob das nun ein Prädikat oder einfach armselig ist, sei mal dahingestellt -, doch fühle ich mich oft wie jemand, der nicht liebt, sondern einfach braucht. Der Appetit kam beim Essen: Einmal Schalke immer Schalke. Heute kann und will ich nicht mehr ohne. Obwohl es so viel vereint, was mich abstößt. Kommerz, Gewalt, Patriotismus. Ich habe mir meinen Verein nicht ausgesucht. Ich bin zu meinem Verein gekommen, wie andere zur Kirche. Ich brauchte etwas, dort bekam ich es. Gemeinschaft, Gehör, Gefühl und sogar Gesang. Und man muss nicht mal brav sein.

Mein längst legendärer Gang in die Tiefe hat mich mehr beeindruckt, als mir manchmal lieb ist. Wie ich mit dem Schwarz-Gelben Kumpel 2009 auf die Südtribüne gegangen bin – freilich ohne jede Vereinsfarbe – weil Real zu Gast war. Wie ich erlebte, was sonst eben nur „der Feind“ erlebte. Wie ich da Wurst aß und Bier trank, wo es „die Bösen“ tun. Wo ich zwischen ihnen stand, mir ihre Lieder anhörte und überhörbar „Scheiß“ vor jedes „BVB“ setzte. Trotzdem habe ich vom ersten Moment an das Gefühl gehabt, dass diese Jungs nicht viel anders sind. Dass sie das Selbe suchen. Dieses Gefühl quält mich so, wie es euch vermutlich verärgert. Trotzdem war es eine Erfahrung, die mich reicher macht als 100.000 andere, und die ich gern‘ gemacht habe.

Ich bin kein Gutmensch. Ich predige nicht etwa den Derbyfrieden. Ich bin zwar strikt gegen körperliche Gewalt, wo niemand empfänglich für Solche ist, doch ich kann trotzdem prima hassen. Gerne auch mal den mit dem hässlichen Brillengestell und dem falschen Schal. Gewalt würde ich in einem solchen Fall aber niemals anwenden, da muss man mich schon arg provozieren, und selbst dann suche ich vermutlich noch andere Lösungswege. Mehr aus Angst vor den Konsequenzen in jedweder Hinsicht als aus gottgegebener Vernunft. Auch bin ich seit Vollendung meines 18. Lebensjahres beim Fußball nicht mehr auf Konfrontationen mit der Polizei aus. Dafür gibt es bessere Bühnen.

Im Verlauf meiner Fankarriere wuchs ich enger an den Sport, Gemeinschaft, wie sie mir zu Beginn wichtig war, spielte eine untergeordnete Rolle. Erst seit gut zwei Jahren ist mir diese wieder immens wichtig. Wie übrigens auch der Gesang. Letztlich muss ich mir wohl eingestehen, dass ich ein „Event-Fan“ bin. Vielleicht gehe ich auf Schalke, weil ich dort bekomme, was das moderne Kino, das Samstagabendprogramm und mittlerweile auch das Leben mir versagt. Vielleicht gehe ich auf Schalke, weil man nichts tun braucht, um dazu zu gehören. Vielleicht könnte ich mich auch in jedem anderen Stadion dieser Erde wohl fühlen. Vielleicht ist dieses Glück beliebig austauschbar. Vielleicht wäre ich genau so erfüllt, wenn ich regelmäßig einen Kreisligaklub oder eine  beliebige andere Sportart aufsuche. Vielleicht.

Als ich in Korschenbroich die 20 mitgereisten Fans mit den lauten Sachen sah & hörte, trotzte mir das eine ganze Menge Respekt ab. Gut, vielleicht sind die alle mit dem 1. Vorsitzenden verwandt, aber dennoch faszinierten sie mich. Sie waren etwas. Sie waren nicht unbedeutend. Sie standen nicht zwischen 10.000 anderen, die auch ohne sie da stehen würden. Andererseits stünden ja auch die 10.000 nicht da, wenn nicht 20 angefangen hätten, und 9.980 sich eben dazu stellen.

Doch manchmal stelle ich mir vor, wie herrlich es wäre, der erste Blog der Westfalia Haustür, statt der zehnte Blog des S04 zu sein. Manchmal stelle ich mir vor, wie herrlich es wäre, einen kleinen Verein mit Präsenz und Kreativität zu unterstützen. 9.999 andere dafür zu begeistern. Oder eben nicht. Ein deutsches Virtus Verona. Egal ob mit Fuß, Hand oder Schläger. Egal, ob rot, grün oder blau, Ball oder Puck, sitzen oder stehen, drinnen oder draußen. Der Appetit kommt beim Essen.

Ich male mir aus, wie die Spieler mich mit Namen grüßen, wie der Vereinspräsident mir auf die Schulter klopft, mir wohlwollend eine Bratwurst reicht. Wie der lokale Radiosender nochmal bei mir nachfragt, was da genau los war. „skAndy, Supreme-Supporter, was kann ich für sie tun?“

Erst dann fällt mir irgendwann ein, dass ich eben doch nur das Höchste bin, was ein Mensch werden kann: Ein Schalker. Ein Stück Legende. Einfach so.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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