Alles außer Fußball: Conni im Vollrausch

Nach ausführlichen Analysen der Wählerwanderungen seiner user dürfen wir vom Web 0.4 festhalten, dass eine ernst zu nehmende Quote unseres inneren Zirkels, wie auch erweiterten Autorenkreises über gleich ehrenhafte, freudvolle wie missliche Erfahrungen als Väter von aufwachsenden Töchtern verfügt.
Ferner nehmen wir an, dass die zweifelhafte Bekanntschaft mit jenen Pixi- und ähnlichen literarischen Machwerken des Carlsen Verlages zur Genüge und Qual vorliegt, welche die Folterreihe der so genannten
„Conni“-Reihe mit sich bringt. Führen wir uns Titel wie „Conni auf dem Bauernhof“, „Conni lernt schwimmen, radfahren, tanzen und kommt in den Kindergarten, in die Schule und geht zum Arzt“ etc. vor Augen, und ich dürfte nicht der einzige bleiben, dem über solcherart scheinheilige Gutwelt-Berichterstattung, die zudem in den Verkaufsständern als pädagiogisch wertvoll deklariert wird, schon des öfteren zum Verzweifeln war. Neben den Büchlein tun die entsprechenden Hör-Medienträger, ihr Gejuchz und Gejauchz grausam durch die Spalten der Kinderzimmertüren quillend, ihr nervend Übriges.
So fühlte ich mich seinerzeit geradezu verpflichtet, dem Büchermarkt zu erklären, dass jene sympathische, immer fröhliche und lernbereite „Conni“ ja auch mal älter wird – und dass es tatsächlich von pädagogischem Wert sei (nämlich für Eltern!), über Connis Aussichten in der näheren Aufwachs-Zukunft Auskunft zu geben. – Kurz nachdem ich mir für Texte wie dem folgenden den „Conni“-Sprachstil, ihre Verslängen und Storytypes zu eigen gemacht hatte, näherte sich die Realität schon wieder der Persiflage an: Es erschienen „Conni und der Liebesbrief“, „Conni und die Jungs von nebenan“ etc. …

Nun aber als Vorschlag der erste Entwurf für eine Fortführung der „Conni“-Reihe auf realgesellschaftlicher Basis:

Conni im Vollrausch

Gerade beobachtet Conni, wie Mama aus dem Medizinschränkchen ein Tablettenröhrchen nimmt. Mama dreht es um, aber es ist leer.
Dann sieht Conni, wie Mama ganz komisch die Wand anstarrt. Das tut sie öfter in letzter Zeit.
Da hört sie einen bösen Schrei. Ihr kleiner Bruder Jakob hat ihre graue Katze gegen den Türrahmen getreten.
Und Papa meint, diese Familie gehe ihn einen Scheißdreck an. Und dann knallt er die Türe zu.

In ihrem Zimmer bekommt Conni eine SMS. Sie ist von Nadine, einem Mädchen, das sie vom gemeinsamen Herumlungern am Bismarckdenkmal kennt. Sie wollen heute losziehen. Conni weiß nicht genau, was das ist, aber sie wirft sich ihre Jacke über und schleicht aus der Wohnung.

Was sie wohl machen werden? Und wohin sie gehen? Conni ist ein bisschen mulmig. Vielleicht sind auch Jungens dabei, die sie noch gar nicht kennt. Conni bindet sich im Gehen ihren Pferdeschwanz neu.

Am Denkmal sind allerhand Leute. Nadine ist auch dabei. „Hi“, sagt sie. „Hi“, sagt Conni. „Okay“, sagt ein großer Junge. Er heißt Ulf und hat eine richtig prima gammelige Jeans an. „Wer geht zur Tanke?“ Nadine geht los und noch ein anderes Mädchen. „Sie ist schon 18“, sagt Nadine. Conni kommt auch mit.

An der Tankstelle macht die Frau an der Kasse ganz schmale Augen. Aber das große Mädchen kauft zwei Sixpacks und jede Menge bunte Flaschen, die Nadine in den Armen hält. Conni soll zwei Flaschen Schnaps nehmen.

Das große Mädchen heißt Kerry oder Berry oder so und bezahlt alles. „Hab die Kohle von einem meiner Onkel bekommen“, erklärt sie. Conni glaubt, dass sie schon ein bisschen beschwippst ist.

Dann gehen sie alle zum Ulf. Seine Eltern sind nicht da. „Passt bloß auf den Wohnzimmerteppich auf“, sagt er und schaltet den Fernseher und das Videogerät ein. Conni sieht, wie sich in dem Film viele nackte Menschen gegenseitig aufspießen. Ulf findet das geil und Nadine auch. Kerry hält Conni eine der bunten Flaschen hin.

Das Zeug ist echt lecker. Conni hat schon zwei von den poppigen Flaschen geleert. Die Leute hier sind voll verschärft. Nadine knutscht mit Ulf rum. Ein anderer Junge kippt Conni jetzt Schnaps in einen Becher. Den will sie aber nur mit Cola trinken.

Conni muss ganz viel lachen. Der andere Junge schüttet nun sein Bier über ihr T-Shirt. „Scheiß egal“, meint Conni. Im Fernseher wird gerade eine graue Katze gegrillt, die sieht aus wie ihre zu Hause.

„Wo ist denn Nadine hin?“, fragt Conni. Berry schlägt zur Antwort ihre flache Hand mehrmals gegen die andere Faust und kreischt dabei wie eine Verrückte. Conni hat nur so eine Ahnung und gießt sich einen neuen Becher Schnaps mit Cola runter. Es schmeckt gar nicht wirklich. Conni glaubt, wenn sie jetzt aufsteht, ist ihr ganz schön schwindelig.

Nun sieht Conni zwei, drei Leute in Jacken an der Tür stehen. Der andere Junge ist auch dabei. Sie wollen gehen. „Hey, ich geh auch mit“, ruft Conni schnell. Beim Rausgehen fällt sie gegen den Türrahmen. Conni hört die anderen grölen.

Draußen ist es kalt. Alle stehen herum. Conni friert. Die anderen streiten, wohin sie gehen sollen. Schließlich torkeln sie irgendwohin los. Conni bleibt einfach stehen.

Conni schwankt. Sie weiß nicht wirklich, wo sie ist. Langsam tastet sie sich an einer Hauswand entlang. Als ein Hauseingang kommt, muss Conni sich übergeben. Das, was sie herauswürgt, ist machmal bunt und manchmal grau. Conni rutscht mit dem Rücken an den Klingeln hinunter. Und dann weiß sie nicht mehr.

Dann erinnert Conni sich nur noch, wie Mama sie zu Hause unter die kalte Dusche drückt. Sie kann nicht verstehen, was Mama sagt. Mama spricht abwechselnd ganz laut und ganz leise. Conni kann gar nichts sagen. Sie will nur noch von der Dusche weg.

Am nächsten Tag fühlt Conni sich sehr elend. Sie macht vorsichtig die Augen auf. Papa sitzt an ihrem Bett, hat die graue Katze auf dem Schoß und weint. Da zieht sich Conni ihre Bettdecke ganz weit über den Kopf.

Suche: Illustrator (ein Büchleinbild pro Abschnitt)! – Conni ist blond und hat immerzu einen rot und weiß gestreiften Pullover an. Schon das ist Folter.

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
André

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