Alles außer Fußball: Ich & Social Netzer

Mist, direkt im ersten Nicht-Fußball-Artikel die Überschrift vergeigt. Ganz vom Fußball komme ich in diesem Artikel aber eh nicht weg, denn ich werde auch häufiger auf das Web 0.4 zu sprechen kommen. Es geht, ihr ahnt es, um Facebook, Twitter und Co., allerdings aus sehr persönlicher Perspektive.

1. Aller Anfang ist … langsam

Mein Bruder ist ein Nerd. Nicht weil er es muss, sondern weil er es kann. Ich meine nicht, dass er kein Real Life hat. Er hat mehr Outdoor-Hobbies als ich E-Mailadressen, ein erfolgreiches Kleinunternehmen und eine Frau, wie sie Bilderbuchhübscher nicht sein könnte. Trotzdem hat er auch nach der x-ten Fernwartung und Kundenbespaßung immer noch die Muße, sich in Clubs, die sich mit dem Erhalt alter Computersysteme und Wasweissich beschäftigen, zu engagieren, den Lötkolben zu schwingen und an diversen Onlinetätigkeiten teilzunehmen, bei denen man auch mal zum Amokläufer mutieren kann (da er vom frühen Metal sozialisiert wurde, ist er doppelt gefährdet).

Mein Bruder ist sieben Jahre älter als ich. Als er seinen ersten C16 bekam, war ich noch nah am Kleinkindalter. Aber ich nahm schon auf. Der C64 folgte. Und immer neue Gadgets. Amigas in allen Ausführungen folgten, zwischendurch mal ein Atari. Der kleine Andy lernte. Erst beim über die Schulter gucken, dann beim aktiven mitmachen. Natürlich waren vorrangig Spiele mein Begehr. Lemmings, die Lucasfilm Games, die Sid Meier-Reihe. Als der Gamboy auf dem Markt kam, war ich im besten Zielgruppenalter. Unglaublich, wie viel Zeit man früher zum Verplempern hatte, und trotzdem hatte man noch genug Zeit, auf der Strasse zu spielen.

Und irgendwann mittendrin entdeckte mein Bruder DFÜ, kurz für Datenfernübertragung. Schnell hatte man eine eigene Mailbox, in die sich andere per Modem einwählen konnten und dort chatteten, Foren pflegten und Dateien tauschten. Grundsätzlich all das, was man auch heute tut, aber in ANSI/ASCII und mit 2400 bps. Mein Bruder ernannte mich zum CoSysOp, ich pflegte (pre-pubertär) die Mailbox, wenn er sich um Schule, Mädchen und Rock`n`Roll kümmerte. War er da, saß ich an seiner Seite, und guckte mir Computerskills und das Rauchen ab.

Zurückblickend muss ich immer wieder schmunzeln, wie ich in dem Alter mit den meist jungen Erwachsenen der Szene umgesprungen bin. Mein ausgereiften schlechten Humor habe ich wohl dieser Zeit zu verdanken. Das Gute: Alles war Anonym. Keiner dachte über Realnamen und ähnliches nach. Nicht zuletzt, weil nicht alles was man tat, zu 100% dem staatlichen Verständnis von „legal“ entsprach. Dennoch: DAS waren die ersten Social Networks.

2. Pause

Die Pubertät schlug zu. Mädchen, Punkrock, mehr oder weniger leichte Drogen… Ich nahm das volle Programm mit. Von zu Hause ausreißen und noch vor der Volljährigkeit ausziehen inklusive. In der Zeit waren Computer kaum mehr ein Thema für mich. Sozial war auf der Straße. Erst mit 18 (!) hatte ich dann meinen ersten eigenen PC, die Commodore Ära war inzwischen ja sowas von vorbei und das Internet hat schon begonnen, die Haushalte zu erklimmen… Doch ich fand mich erstaunlich schnell ein.

3. Web 1.0

HTML war kinderleicht. „What You See Is What You Get“ (kurz WYSIWYG)-Editoren taten ihr übriges. Schnell hatte ich meine erste eigene Homepage. Statisch natürlich, mit Laufschrift, Animated GIFs, Gästebuch und allem Pipapo. Ich machte eine ebenso schlechte Page für eine kleine (aber berühmte) Kneipe in Buer, in der ich aushalf. Man war teil des großen Netzes. Welch ein Spaß. Interaktivität beschränkte sich auf Foren und Gästebücher. Unsere Bandpage war natürlich ebenfalls der Hammer. Bald kam Flash und der ganze Mist. Das wiederum habe ich vollkommen ausgelassen. Grafische Aufbereitung ohne eine für mich einsehbare und verständliche Programmstruktur im Hintergrund hat mich nicht interessiert.

4. MySpace

Ich war MySpace-Frühbucher, für Überflüssig-Empfinder und letztendlich Spätzünder. Denn schon damals galt: Ein Social Network ist nur gut, wenn die richtigen Leute da sind. Mit amerikanischen Nerds hatte ich wohl zu wenig Schnittpunkte. Erst als halb Deutschland dort war, reaktivierte ich meinen Account, und fand vor allem die Möglichkeiten für Musiker faszinierend. Diese Chance hat MySpace meines Erachtens verpasst: Sich zum Netzwerk für Musiker, Managments, Veranstalter und eben Fans zu wandeln. Denn darin lag die gr0ße Stärke. Stattdessen wurde man immer bunter, verspielter, und letztendlich überflüssig. Für Unternehmen außerhalb der jungen Musikszene war MySpace eh nie zu gebrauchen. Was nicht negativ sein muß.

5. Die Anderen

Der frühe MySpace Konkurrent Orkut kam in Deutschland nie an, ist aber in Brasilien nicht mehr wegzudenken und als Facebook an den Start ging, sprach hier auch noch niemand darüber. Die erste ernstzunehmende Konkurrenz kam hierzulande mit dem StudiVZ, dass jedoch, wie der Name sagt, Studenten vorbehalten war. Ich glaube fest daran, dass dies das Erfolgsrezept war. Ich war nie Student. Der Trend ging völlig an mir vorbei. Erst später, als man sich mit MeinVZ der Öffentlichkeit preisgab, legte ich ein Profil an, und fand es, bis auf die originellen Gruppennamen und das wiederentdecken vieler Personen aus früheren Zeiten, schnell langweilig. Hinzu kommt, dass sich keine der „Wiederentdeckungen“ richtig auffrischen ließ. Man verliert sich eben nie umsonst aus den Augen.

Netze sprangen wie Löwenzahn aus dem Boden. LinkedIn, Xing und wie sie alle heißen. Keines von denen hatte einen Nutzen für mich, auch wenn ich Features toll fand, mir fehlte der Bezug, weil ich weder Geschäftskontakte zu pflegen hatte, noch Gedichte von wildfremden Menschen auf meinem Profil als Networking empfand. Und wenn man keine Leute in einem Netzwerk kennt und niemanden kennen lernen will, macht es eben wenig Sinn.

Bei Facebook landete ich dann, weil man dort Kontakt zu internationalen Bekanntschaften pflegen konnte. Während MySpace immer hektischer wurde, wurde Facebook immer besser. Immer mehr Leute entdeckten die Möglichkeiten, und verlagerten ihr Online-Leben mehr oder weniger zögerlich in das Netzwerk mit dem komischen Namen. Viele wagten diesen Schritt vor allem wegen einer Sache erst spät: die fehlende Anonymität. Doch was will man machen? Sind erst alle Freunde dort, wird man kaum allein verbleiben. Auch ich stellte war nun zum ersten Mal nicht mehr skAndy, sondern Andreas Linke. Eine Sache, an die man sich (vielleicht zu) schnell gewöhnt…

6. Die Kleinen

Neben den großen Netzwerken kamen immer mehr Spartennetzwerke. Für Gamer, für Singles, für Angler, für Wasweissich. Einige findige Programmierer gründeten Startups, dass Otto-Normal-Usern ermöglichte, per Baukasten-Prinzip ein eigenes Social Network zu erstellen. Da ich zu dieser Zeit sehr viel mit diversen CMS beschäftigte, um dynamische Seiten für diverse Projekte zu erstellen, wollte ich dies ausprobieren. Ich erstellte ein Netzwerk, Thema Schalke, deren Nutzung mir noch gar nicht recht klar war. Es wurde das Web 0.4, auf die Geschichte möchte ich hier aber gar nicht näher eingehen. Bald hatte jeder Radiosender, jede Interessengemeinschaft und jede Zeitung ihr eigenes Social Network. Obwohl es gar nicht immer als solches begriffen wird. Herzlich Willkommen im Web 2.0

7. „Microblogging“

Und dann kam Twitter. zumindest für mich. Da war es schon parallel. Ein Netzwerk, dass in seiner Simplizität unschlagbar ist. Oder war. Du füllst eine Art Pinnwand mit Nachrichten bis zu 160 Zeichen (die ursrüngliche SMS Größe) und Leute können die sogenannten „Tweets“ verfolgen, sprich in ihre „Timeline“ aufnehmen oder nicht. Im Gegensatz zum klassischen Social Network ist also keine Freundschaft nötig, um den „Status“ des anderen zu verfolgen. Kurz: User A, B und C twittern. User A ist brennend interessiert an den Nachrichten von User B nicht aber an denen von User C, folgt also B, aber nicht C. C möchte aber A und B’s Neuigkeiten lesen und folgt ihnen deshalb. User C hingegen hat nicht das geringste Interesse an den Nachrichten von A und B und folgt ihnen deshalb nicht. So kriegen alle nur die Neuigkeiten, die sie wollen und sind glücklich. Hinzu kommt die Möglichkeit von Privatnachrichten. Ich hatte zwei Twitterphasen. In meiner ersten bin ich allem gefolgt was mich interessiert. Ich habe interagiert und agiert. Späße und Entdecktes verbreitet. Ich habe nette Leute entdeckt und mit ihnen geplaudert. Das war toll, aber ich habe nichts Anderes mehr getan. Heute nutze ich es nur noch im Sinne des Web 0.4. Ich verbreite automatisch die neuen Beiträge und folge gößtenteils nur Leuten, die ich im Sinne des Web 0.4 für interessant erachte. Ich schaue nur noch selten auf meine Timeline, habe nicht den Anspruch alles mitzukriegen. Nur wenn mein Name fällt reagiere ich dank E-Mailbenachrichtigung stets. Will ich mal was mitteilen, tue ich es einfach. So ist Twitter ein echter Mehrwert für mich und das Beste aller Netzwerke.

8. Meeeehr!

Gerade aufgrund des Erfolgs von Twitter ist es mir unbegreiflich, warum die großen Netzwerke nicht daraus lernen. MySpace hat sich kaputtgefeatured, Facebook ist auf dem besten Weg. Nicht anders zu erklären ist der große Ansturm auf Google+. Google+ war Facebook in schlank und übersichtlich. Eine schlecht getimten Betaphase und dem immer ein gut reagierendes Facebook sind wohl Schuld, dass der große wechsel ausgeblieben sind. Ein weiterer Faktor für den ausbleibenden Bombenerfolg ist die fehlende API (Programmierschnittstelle) um Google+ automatisiert mit Inhalten (beispielsweise per RSS) zu füllen. Stattdessen bringt man Spiele und manuelle Unternehmensseiten. Ich hatte mir von Google+ erhofft, die Fehler von Facebook auszulassen, statt dessen featured man sie, weil man den ausbleibenden Wechsel nicht an den richtigen Dingen festmacht, nach. Sowieso ist aufgrund der „Kreisstruktur“ Google+ näher an Twitter, als an Facebook, aber man will natürlich das Facebook-Publikum. Schade. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf.

9. Das Web 0.4 in den Social Networks

Ohne Vernetzung keinen Blog. Das ist so. 60 % der Klicks kommen von Facebook, Twitter & Co., 20% von anderen Blogs, und nur weitere 20% sind Direktzugriffe oder andere Quellen wie z.B. Onlineportale, Suchmaschinen und Foren. Dafür reicht dem Web 0.4 Präsenz auf Facebook, Twitter und Google+, wobei der Zuspruch über Facebook am stärksten (obwohl uns bei Twitter mehr Leute folgen) und bei Google+ ein Witz ist. Denn, was man nicht vergessen darf: Ein Großteil der Klicks kommt nicht von den Einträgen der eigenen Präsenz, sondern von den empfehlenden Lesern. Diese sind sich jedoch ihrer Macht oft gar nicht bewusst.

10. Networken statt Socializen

Endlich komme ich zu dem Punkt, der mich veranlasst hat, diesen Artikel zu schreiben. Ich werde oft gefragt, warum ich mir nichts dir nichts, immer mal einen Schwung Facebook-Freunde entlassen habe, mein Profil lösche, ein neues erstelle, es dann wieder lösche und so weiter und so fort. Kosten-Nutzen ist die Antwort. Die Frage ist doch: Was erwarte ich von einem Netzwerk? Will ich was an den Mann bringen? Oder mich an die Frau? Will ich Kontakte pflegen, oder einfach in eine Parallelwelt versinken? Klar, ich will mich austauschen. Will Entertainment. Aber ich will gottverdammt nochmal nicht tausend Freundschaften, die ich pflegen muss. Ich will nicht mein Privatleben in die Öffentlichkeit stellen. Doch genau das ist der Haken. Ich kann mich noch so anstrengen, es endet immer gleich. Selbst wenn ich mein Profil abschotte, schon mit einem Kommentar bei einem anderen, stelle ich meinen Output öffentlich. Zudem trifft man auf eine Erwartungshaltung von Freunden, die unsäglich ist (Wie? Nicht erzählt dass wir heiraten? Stand doch auf Facebook!). Ich schaffe es nicht, einen gut verträglichen Grat zu finden.

Inzwischen habe ich auch bei Facebook kein gepflegtes Profil mehr. Nur noch eine öffentliche Seite für mich und eine für das Web 0.4. Ich habe mich damit den Pinnwänden meiner Kontakte entzogen und schreie jetzt nur noch, wie bei Twitter, Sachen in die Öffentlichkeit. Natürlich findet trotzdem Interaktion statt und das ist gut so. Ich habe sehr viel Spaß mit den Bloggerkollegen, Lesern und Freunden des Web 0.4, und ohne sie wäre mein Leben ärmer, aber es ist eben eine andere Ebene, die höchstens ein Startschuss zur nächsten sein kann. Denn DAS ist das Internet. Und eben kein Platz zum Socializen. Denn dafür gibt es ein Real-Life. Und wer das möchte, darf mich gerne anrufen, besuchen, treffen oder sogar SMS und E-Mails schreiben.

Stay rude,

skAndy

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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