Weitestgehend!

Ich hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass Schalke das Spiel für sich entscheiden wird. Zumindest seit ich entschieden habe, meiner Familie den Vorzug zu geben, und das Spiel nicht zu schauen. Denn dann finden, frei nach Murphy, immer die besten aller Partien statt. Entscheide ich mich in solchen Situationen für den Verein, gibt es meist eine sang- und klanglose Niederlage zu begutachten. Doch dank Aufnahmefunktion und Abkapselung von jeglicher Informationsquelle hatte ich diesmal ein perfektes Re-Live Erlebnis; im Hause skAndy hatten wir quasi ein 18.30-Spiel.

So sah ich weitestgehend tolle Szenen auf beiden Seiten mit einem leichten Übergewicht für den S04, nur eben drei Stunden später. Ich sah, wie viele andere auch, einen weitestgehend fehlerfreien Unnerstall, eine weitestgehende sichere Abwehr, ein weitestgehend kreatives Mittelfeld, einen weitestgehend gefährlichen Angriff und einen weitestgehend genialen wie lustigen Trainer. Ich hörte Fans, wie sie in der Bundesliga weitestgehend einmalig sind.

Und dann kam sie, die 82. Minute. Papadopolous wehrt eine Bayer-Ecke mit dem Kopf ab, der Ball fliegt zu Farfán und Schürrle, die sich jenseits der Strafraumgrenze befinden. Farfán dreht sich in den springenden Schürrle ein, lässt die Kugel weiterlaufen und hechtet ihr hinterher. Während Schürrle und die anderen sieben zur Ecke  angetretenen Werksspieler noch mit Wundern und Protestieren beschäftigt sind, haben sich auch auf Rechts Holtby und in der Mitte Huntelaar auf den Weg und laufen parallel zum Ballträger auf die beiden verbleibenen Feldspieler der Leverkusener zu. Farfán lief bis ca. 8,5 Meter vor die Seitenlinie und hätt sicher problemlos in Huntelaars Lauf spielen können, doch er entschied sich für den 45° Grad-Winkel ins lange Eck. Und traf. Weitestgehend.

Das Gefühl, welches der Schütze in dieser Situation bei einem solchen Spielstand in einer solchen Spielphase, nach einem solchen Lauf und vor allem einem solchen Tor ereilt, lässt einen Durchschnitts-Klimax sicherlich alt aussehen.

Und dann tut er es! Wobei ich mir gerade nicht sicher bin, ob er das öfters tut, und ich es nicht sehe, oder ob ei Funken Botschaft zu erkennen sein sollte. Jefferson Farfán küsste das Emblem seines Arbeitgebers. Doch Moment: Sollte es eine Botschaft gewesen sein, könnte es nicht dann auch gleichwohl die sein, dass er den S04 ins Herz geschlossen hat, auch wenn er geht? Oder signalisiert er hier seinen Verbleib? Sei es wie es sei: Lippenbekenntnisse dieser Art kommen besser, wenn die Tinte unterm hochdotierten Vertrag sitzt. Also los Jeff: Bleib, wo du hingehörst! Werde Legende!

Apropos Legende… Ich freue mich, dass den ganzen Stevens-Grantlern (und dieses Wort ist bewusst gewählt) langsam die Argumente ausgehen. Aber ihr findet sicherlich schon bald was zum Einhaken und Draufhauen, oder?

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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