Das Web 0.4 liest: Der insistierende Fast-Sympath

Joachim Löw und sein Traum vom perfekten Spiel (Christoph Bausenwein / Werkstatt Verlag).

Freitag, 7. Oktober. Eine lange Arbeitswoche ist vorüber. Meine Freude kennt kaum Grenzen, als ich daheim ein Päkchen vor der Haustür finde. Was mag wohl drin sein? Schwer ist es. Noch bevor ich meine Jacke ablege, reiße ich gespannt die Pappe auf. Ein Buch! Großartig… Nein, Moment… Oh Gott!

Vom grünen Cover guckt ein ernster Jogi Löw an mir vorbei. „Joachim Löw und sein Traum vom perfekten Spiel“ Mehr Pathos hat wohl nicht in einen Titel gepasst?! Ich fasse es nicht! Ein ganzer Wälzer über die wohl am meisten polarisierende Gestalt des deutschen Fußballs. Beinahe verschreckt lege ich das Buch beiseite. Erst spät am Abend, nach dem Abpfiff einer überzeugenden Partie unserer Nationalelf im Qualifikationsspiel gegen die Türkei, entscheide ich mich, noch einen kleinen Blick hinein zu werfen. Schließlich will auch ein Verriss gut vorbereitet sein.

Pustekuchen! Schon das „Vorspiel“ fesselt mich. Ein Interview mit Löw selbst. Seine Stimme habe ich aus dem TV-Interview von vor 5 Minuten noch bestens im Ohr. Ich kann ihn quasi reden hören. Obwohl alle Fragen zweifelsohne in die Kategorie „Fragen, die man Bundestrainern so stellt“ fallen, kann Löw mich direkt überzeugen. Der Löw übrigens, den ich nie richtig leiden mochte. Der Löw, der so oft Entscheidungen fällte, die mir nicht zusagen wollten. Der Löw, dem ich dann letztendlich immer zugestehen musste, dass der Erfolg ihm Recht gibt. Trotzdem: Keine gute Basis für eine Freundschaft.

Doch in den folgenden Kapiteln wird mich Bausenwein mit auf die Reise durch ein Leben nehmen, welches mir den Bundestrainer gerade zu sympathisch erscheinen lässt. Bundesliga, Zweitklassigkeit, Schweiz, Istanbul, wieder Bundesliga, Klinsmann, WM, schließlich sowas wie König von Deutschland. Zwischendrin immer wieder „Einwürfe“ zu verschiedenen Themen wie die Dauernominierung von Poldi & Klose oder die „Werbestrategie“ Löws. Längst hat mich das Buch gefangen. Jogis Weg ist gespickt mit Erfolgen, Rückschlägen und einer ganze Menge Zufällen, die ihn schlussendlich ganz nach oben führen. Der oft so deplatziert wirkende kleine Mann erscheint mir plötzlich richtig angenehm und bescheiden. Wer nun glaubt, dass der Autor den Bundestrainer hier durchweg belobhudelt, dem erzähle ich gerne und wahrheitsgemäß, dass dem nicht so ist.

Letztendlich geht es trotz aller sympathischen Züge sowohl im Buch als auch in seinem Leben nur um eines: Den Erfolg. Die Idee. Das Ziel. „Der Traum vom perfekten Spiel“ eben. Der Titel, den ich eben noch als geradezu triefend empfand, wird plötzlich zur logischen Konsequenz. Knapp vier Tage nach meinem ersten Rendezvous mit Bausenweins Werk spielt die deutsche Nationalelf ihr letztes Qualifikationsspiel gegen Belgien. Ich sehe plötzlich einen anderen Löw als noch im letzten Spiel. Ich sehe einen Bundestrainer dessen Konzept ich nachvollziehen kann, dessen Entscheidungen ich nun besser verstehe und dessen Erfolg mich noch mehr beeindruckt als zuvor.

Doch nicht nur deshalb fühle ich mich durch die Lektüre dieses Buches, dass ich mir NIEMALS durchgelesen hätte, wenn ich es nicht besprechen hätte wollen, bereichert. Neben dem Misstrauen in mein Urteilsvermögen bezüglich der Sympathie einiger Personen des öffentlichen Lebens, habe ich auch eine Menge Wissen über Spielsysteme im Allgemeinen und die Taktik der deutschen Nationalmannschaft im Besonderen gewonnen, nicht zuletzt dank der augenscheinlich hervorragenden Sachkenntnis des Autors selbst.

Bausenwein hat ein wahres Wunder vollbracht. Nicht allein mit dem Werk, sondern an mir. Er hat es geschafft, mir Löw, und damit einen Menschen, der mir ferner nicht sein konnte, näher zu bringen. Hätte ich gewusst, dass er dies vor hat und letztendlich sogar schafft, ich hätte das Buch nie nicht aufgeschlagen. Wie stehe ich jetzt vor meinen Freunden da? „Jogi-Versteher“ höre ich sie schon unken. Vielleicht sollte ich Ihnen das Buch zu Weihnachten schenken. Getarnt, mit einem Charles Bukowski Umschlag. Mir selber hingegen verordne ich die Lektüre von „Wie schreibe ich richtige Buchrezensionen“ …

Das Web 0.4 liest: Der insistierende Fast-Sympath
Christoph Bausenwein
Joachim Löw und sein Traum vom perfekten Spiel

368 Seiten, 13,9 x 21,2 cm, Hardcover, Fotos
ISBN: 978-3-89533-813-7, € 24,90

Erschienen im Verlag Die Werkstatt, Göttingen

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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