29 Nov

Gib dem Realismus eine Chance

Deutschland. 2017. Eigentlich gibt es kein Grund zu sonderlich guter Stimmung. Die Nazis präsentieren sich im Internet als Sprachrohr, die Bundespolitik windet sich von links nach rechts und findet keine Mitte, die Welt scheint sowieso am Arsch. Und doch gibt es da diesen euphorisierten Haufen Menschen, quer über die Republik verteilt, mit einer extremen Ballung in einer der ärmsten Städte des Landes.

Tja, es war Derby, und nein, sie haben es nicht mal gewonnen. Sie haben lediglich durch ein im Verlauf des Spiels völlig überraschendes Remis die Bestätigung bekommen, dass sie a) einen ziemlich geilen Trainer haben, b) dass sie eine ziemlich geile Mannschaft haben und c) dass sie nicht ständig Elfmeter und Standards erzwingen müssen, um mal einen Treffer zu machen.

Auch vier Tage später scheinen die Körper, welche die königsblauen Herzen einbetten, noch 19,04 Zentimeter über dem Boden zu schweben. Mindestens Zweiter, vielleicht ja sogar mehr scheint nun die Devise zu lauten. Doch ist das wirklich drin? Immerhin haben wir erst in vier Spielen die Hinserie abgespielt und müssen dann nochmal gegen alle Gegner ran. Im jeweils anderen Stadion.

Schauen wir doch zuerst einmal, wer da noch in der Hinrunde auf uns wartet: Köln und Augsburg zu Hause, und je ein Gastspiel in Gladbach und Frankfurt. Klar, das Heimspiel gegen den Tabellenletzten sollte man gewinnen. Aber jeder weiß, was passieren kann, wenn ein ums sportliche Überleben kämpfender Verein auf euphorisierte, junge Spieler trifft. Und nehmen wir an, dem, also DEM anderen, nämlich dem Übleren, wäre so, dann würde man geknickt nach Gladbach fahren. Das Gladbach, das plötzlich punktgleich hinter uns steht, oder eben bis dahin vielleicht auch schon vor uns. Und dann bist du ganz plötzlich Achter oder Neunter.

Auf diesen Plätzen befinden sich bis dato die beiden letzten Gegner, die dich bis dato eventuell überholt haben. Das könnte gut sein, da du sie wieder einfangen kannst, aber wenn du die Linie nicht wiederfindest…

Natürlich befinden wir uns hier nicht im Bereich des Realismus, sondern des bitteren antrainierten Schalker Pessimismus. Dem Einzigen, was es auf Schalke neben der Euphorie zu geben scheint.

Nehmen wir einfach die Mitte. Lass uns auf Platz 4 oder 5 die Hinrunde beenden. Und dann? Dann kommt der Moment, in dem du feststellst, dass du gegen Bayern, Leipzig und Leverkusen nun auswärts ran musst. Andererseits gegen Teams wie Dortmund und Gladbach nicht mehr. Trotzdem bleibt ein Gefühl, dass es durchaus sein könnte, dass wir trotz guter Gesamtleistung ein paar mehr Punkte liegen lassen, als in der Hinrunde.

Was will ich denn jetzt gerade eingentlich? Ich glaube, meine Sorge äußern. Meine Sorge darüber, dass mit der aktuellen Platzierung und dem Jahrhundertderby plötzlich wieder Schluß mit Schonfrist ist, und die Pfiffe so schnell wieder da sind, wie sie mit der Verpflichtung Tedescos weg waren. Es gibt sie eben nicht auf Schalke, diese langen Phasen der Dankbarkeit und der puren Freude an schönen Momenten wie dem am vergangenen Samstag.

Aber was ist denn jetzt realistisch? Ich denke wir sollten nicht viel erwarten. Oder zumindest relativ wenig. Unser Ziel sollte es sein, wieder europäisch zu spielen, also Platz 6 zu erreichen. Wir dürfen enttäuscht und traurig sein, wenn das nicht klappt. Und wir sollten uns den Arsch abfreuen, wenn wir am Ende Platz vier erreichen. Nicht mehr, und nicht weniger. Und dann sollten wir einfach Spaß daran haben, wieder dort vertreten zu sein, und dem Club der Milliardäre etwas von unserem Glanz zu verleihen. Ist ja nicht zu ertragen, so ein Wettbewerb ohne uns…

Foto: Stefan Brending, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de, Link

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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Andrea sagt:

Wie schön wieder mal von Dir zu lesen :)
Ich gebe Dir recht, es wird die Leute geben, die jetzt denken, es ist alles möglich, die dann um so lauter fluchen und meckern wenn was schief läuft. Und wie Du schon sagst, wie sahen gegen Platz 17/18 in der Liga oft nicht gut aus (hat das mal jemand kontrolliert oder brennt sich das nur so in mein Hirn ein weil wir dem HSV seit Jahren zum Klassenerhalt verhelfen?)

ABER ;) mein fußballromantisches Herz hat wieder mal Futter bekommen.

– ich bin die, die nie verstanden hat, warum man qualitativ etwa gleichwertigen Mannschaften bei einem 3:0 in der Halbzeit sagt: das Spiel ist durch.
Die anderen können doch in der 2. HZ genauso 3 machen.

– ich bin die, der Herz in der Hand wichtiger ist als kontrollierte Offensive

– ich bin die, die auch im Fußball die 3 (11) -Musketier-Tradition sehen will, einer für alle, alle für einen

– ich bin die, für die es zählt, dass unsere Jungs alles, aber auch wirklich alles gegeben haben.

– ich bin die, die meint, Tore schießen ist die beste Verteidigung

– ich, für die die Championsleague nur bedeutet unsere Jungs gegen Real (2015) oder gegen Arsenal (2012) gewinnen könnten

-und ich bin die, die nicht doof ist. Ich wusste trotz aller Trauer vor Jahren nach einem grandiosen Spiel gegen Unterhaching, dass wir die Meisterschaft gegen Stuttgart und Bochum verdaddelt hatten.

und und und…
Bin ich damit so alleine?
Ich bin so unendlich dankbar für dieses Spiel!
Denn ich habe mit diesem Spiel viel mehr gewonnen, als es 3 Punkte, oder in dem Fall sogar nur einer, je ausrichten könnten.

Mein fußballromatisches Herz ist wieder neu geeicht worden und es hält jetzt wieder die nächsten 20 Jahre :)

omenanto sagt:

<3 da iss er ja endlich wieder unser Skandy

derwahrebaresi sagt:

sehr schön!
aber warum so pessimistisch und dazu noch gepaart mit
dem bild dieses unauthentischen schlagersängers?

Andreas sagt:

Ich bin kein Stück pessimistisch. Ich erwarte nur keine Wunder. Und das Foto: „Ich bin wieder…“ ;)

derwahrebaresi sagt:

… aber du willst dich doch nicht ernsthaft mit diesem kasper vergleichen wollen? ;-)

Andreas sagt:

Tatsächlich habe ich mit dem „Kasper“ nix zu schaffen. Ich besitze keinen Tonträger, er hat es in keine Playlist geschafft und manchmal wechsel ich den Sender, wenn er mich nervt. Es war lediglich eine Anspielung auf ein „Es tut gut wieder zurück zu sein, obwohl ich nie weg war“-Gefühl, ohne dies in den Text fliessen zu lassen. Boah. Ich erklär mich schon wieder… ;)

derwahrebaresi sagt:

… hättest du ja nicht machen müssen.
habe dich auch ohne erklärung verstanden. ;-)

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