26 Nov

Weiße wat dat Schöne is?

Wenn du vier zu vier spielst und trotzdem gewinnst. Wenn du das Gefühl hast, Teil des großen Ganzen zu sein, selbst als popeliger TV-Zuschauer. Wenn du nicht mit Worten beschreiben kannst, was da gestern eigentlich los war. Wenn der geilste Club der Welt dich so umhauen kann. Wenn du begreifst, was da für ein geiles Team auf dem Platz aufläuft, angeleitet vom geilsten Trainer der Liga. Aber hömma, eins nach dem anderen.

Die Vorzeichen waren furchtbar. Alle hatten sie dicke Eier, blau und weiß von zu vielen zu guten Ergebnissen am Stück. Und eine große Fresse, weil der Gegner aus der Nachbarschaft die letzte Zeit über Migräne mit schlimmer Aura zu klagen hatte. Das wird doch ein Kinderspiel.

Nach ner halben Stunde hast du das Spiel dann verloren und dein Schicksal akzeptiert. Hast du halt auf die Schnauze bekommen, kann passieren bei dem Druck im Stadion und dem jungen und naiven Team. Das kommt halt auch von der großen Fresse. Karma und so. Du schreibst mit deinen Freunden aus dieser anderen Stadt, versuchst es mit frühen Glückwünschen und trockener Analyse. Irgendwie musst du dieses unerwartete Extrem ja verarbeiten. Abschalten geht auch nicht, das hat das tolle Team nicht verdient. „Ja, hier. Kehrer müsste runter, Aytekin nicht ganz astrein, blabla. Achso, einsvier übrigens. Immerhin.“

Das war der Startschuss für das, was man wohl Magie nennen kann. Ein noch größeres Extrem trat ein, das man noch viel schwieriger verarbeiten kann, obwohl es natürlich ungleich positiver ausfiel. Wie ärgerlich es für diejenigen sein muss, die ausgeschaltet haben. Oder wie ärgerlich für diejenigen, die nicht ins Stadion kamen. Oder wie ärgerlich für diejenigen, die in der Halbzeit das Stadion verließen, weil sie nicht ans Team glaubten und das eigene, nachvollziehbare Leid der Schmach über den Teamspirit stellten. Sie haben nicht mitbekommen, wie neue Schalker Legenden geboren wurden. Naldo, der zwei Tore köpfen muss, um eines zugesprochen zu kommen. Amine Harit, der eine Bude selbst macht und sich mit zernichteter Wade noch aufs Feld schleppt, um dem Team helfen zu können. Was für ein Signal! Leon Goretzka, der nach seiner Einwechslung dafür verantwortlich ist, dass sich das Spiel überhaupt erst beruhigen kann. Benjamin Stambouli, der sich trotz des Eigentores nicht beirren lässt und einen sagenhaften Pass auf Guido Burgstaller bringt, der mit seinem Kopf das erste Tor des Schalker Irrsinns erzielt. Guido Burgstaller selbst, weil er einfach mal wieder Guido Burgstaller ist. Allen voran aber Domenico Tedesco, der in der Halbzeit anscheinend genau die richtigen Worte findet, um das Team einzustellen und der mit den richtigen Auswechslungen die richtigen Signale gibt. Und alle anderen Spieler auch. Es war einfach legendär. Ein Einzelner kann gar nicht hervorgehoben werden.

Gestern haben wir im kleinen Kreise eine sehr interessante Tour de Ruhr unternommen (Drehscheibe, Spirit, Hirsch-Q: alles muss, nix kann!), bei welcher Pepo, der einzig wahre SkAndreas und ich uns liebestrunken fragten, was wir am Fußball eigentlich so lieben. Und wie das bei der Liebe so ist, konnten wir es einfach nicht verbalisieren. „Ach, weiße wat dat Schöne is? Können wa gar nicht so richtig sagen,“ waren wir uns einig, nicht wissend, dass wir den Beleg für diese Sprachlosigkeit nur wenige Stunden später, am nächsten Tag bei unserem nächsten Spiel in Reinform serviert bekommen sollten.

Auch vielen TV- und Radiokommentatoren flog diese Sprachlosigkeit um die Ohren. Steffen Simon versuchte in der Sportschau bedeutungsschwanger, seine Stimme kontrolliert entgleisen zu lassen, als Naldo das 4:4 erzielte. Für seine exzentrische Aussprache von Spielernamen (Konoppeljanka, Stambujie…) könnte ich ihn immer wieder schubsen. Sabine Töpperwien lud im Radio jede ihrer live gesprochenen Silben mit wenig authentischer Tiefe auf. Frank Buschmann hat die Konferenzschaltung bei Sky gesprochen. Live kann ich das nicht beurteilen, aber seine Zusammenfassung verlor sich in Ankündigungen und Vorausschauen auf das, was da ja noch zu erwarten wäre. Wolf Fuss konnte bei der Sky Live-Sendung seine Gefühle noch treffend in spontane Worte und Sätze verpacken, aber allen anderen hörte man ihre Überforderung mit der Situation an. Sie haben es einfach nicht geschafft, sich auszudrücken und gleichzeitig in befriedigender Weise selbst darzustellen. Schade! Aber samma, weiße, wat dat Schöne is? Der gestrige Moment ist auch ohne besonders stimmigen Kommentar legendär.

Benjamin

Benjamin

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Exilbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang '86 | Wohnt in der anderen Stadt | Mag es dort | Die Katze heißt Vlad | Unheilbar gesund | Gitarrist | Viel zu schnell unterwältigt | Hat dem Webmaster neulich das Sie angeboten | Twitter
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Kowall sagt:

Sagt doch einfach der geilste Club der Welt

Tom sagt:

Hömma dat war einfach geil! Glück auf.

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