11 Sep

Von Identität, Identifikation und Idiotie

Schalke schlägt Stuttgart mit 3:1. Jeweils ein guter Start in die erste und zweite Hälfte sicherten uns am Ende drei Punkte. Grundsätzlich waren diese auch verdient. Aber vor allem im ersten Durchgang war es schon schwere Kost, die die königsblauen ihrem Publikum anboten. Sei es drum, mit sechs Punkten aus drei Spielen kann man schon von einem durchaus geglückten Saisonstart sprechen. Und dennoch macht sich Unmut breit am Schalker Markt.

So tauchten in der Nordkurve gestern einige kritische Spruchbänder auf, die sich vor allem gegen Christian Heidel richteten. Vom IdentifikationssCHänder war da zu lesen, von fehlender bzw. verlorener Identität und von verbrannten Millionen. Aus meiner Sicht natürlich gerade wegen dem Abgang von Höwedes in einer Art verständlich, aber im Gesamtkontext gesehen völlig übertreiben.

Zunächst mal ist es ein Schlag ins Gesicht derer, die gestern in unserem Trikot auf dem Platz standen, auch wenn sich der Protest nicht direkt gegen Spieler richtete. Es wird ihnen dennoch unterschwellig vorgeworfen, sie identifizieren sich nicht bzw. nicht genug mit unserem Verein. Wir brüsten uns immer so häufig damit, dass Herkunft bei uns keine Rolle spielt. Wichtig ist nur der gemeinsame Nenner Schalke. Plötzlich wird aber doch ein Unterschied gemacht zwischen Spielern, die bei uns ausgebildet wurden und externen Neuzugängen? Sollte denn nicht hier auch einfach nur gelten, dass derjenige sein Bestes für den Club gibt, völlig egal, wo er herkommt? Bitte nicht falsch verstehen, ich wäre der glücklichste Fan unter dem Arenadach, wenn eine Mannschaft aus 11 Eigengewächsen, die am besten noch alle vorher in der Kurve standen, plötzlich die Liga rocken würde. Dass dieses – obwohl die Knappenschmiede in der Bundesliga sicher unangefochten die Nummer 1 in der Nachwuchsarbeit darstellt – aber völlig utopisch ist, sollte jedem klar sein. Nicht aus jedem U19 Spieler wird mal ein Weltstar, aber genau so wenig ist jeder Neuzugang erstmal ein verkappter Söldner, der nur wegen dem Geld hier unterschrieben hat und dem der Verein scheißegal ist.

Der Fall Höwedes ist natürlich aus Fansicht der Super-Gau. 16 Jahre im Verein, Gesicht des Clubs, Pokalsieger, Weltmeister, in guten wie in schlechten Zeiten die Knochen hingehalten und sich nie versteckt, selbst wenn ihm der Wind noch so stürmisch ins Gesicht bliess. Ein Schalker durch und durch, soviel ist sicher. Aber das wird er doch auch für immer bleiben. Irgendwann wird er in die Ehrenkabine aufgenommen und auch die Ehrenspielführerschaft kommt früher oder später mal ins Spiel. Daran werden auch ein paar Jahre im Ausland nichts ändern. Benni wird sich immer als Schalker bezeichnen und wir ihn immer als einen von uns anerkennen. Fehlende Identität kann ich da nicht erkennen, auch wenn er jetzt ein anderes Trikot trägt. Der Abgang hätte stilvoller sein können, keine Frage. Aber hier sei mal an unser Leitbild erinnert. Meist wird es genutzt, um anderen vorzuhalten, sie hätten dieses missachtet. Hier hat man sich aber mal tatsächlich dran gehalten. Unter Punkt 6 ist klar festgelegt, dass wir Entscheidungen trotz aller Emotionalität auf rationaler Ebene treffen. Und nichts anderes ist hier doch passiert. Der Trainer stellt fest, für mich sind sportlich zwei andere Spieler erste Wahl. Der Spieler will den Konkurrenzkampf nicht annehmen und entscheidet sich für eine Veränderung. Diese Möglichkeit gesteht ihm der Verein – eben weil er weiss, wie viel er Benni zu verdanken hat – dann auch so kurz vor Transferschluss noch zu und lässt ihn, verglichen mit den Ablösesummen, die derzeit gezahlt werden, für einen absoluten Schnäppchenpreis ziehen. Oder hätte der Trainer dann doch lieber nach Vereinszugehörigkeit und nicht nach Leistung aufstellen sollen? Das kann doch niemand ernsthaft wollen.

Richtig idiotisch wird es, wenn plötzlich ein Spieler wie Dennis Aogo von den gleichen Leuten ausgepfiffen wird, die noch beim Auftritt in Hannover per Spruchband den respektvollen Umgang mit verdienten Spielern anmahnten. Natürlich kann man Aogo nicht mit Höwedes vergleichen. Aber auch er war jahrelang Schalker, der nach einer schweren Verletzung nie wieder richtig den Anschluss gefunden hat, sich aber auch nicht hängen liess und bis zum Ende die Reservisten-Rolle ohne großes Murren angenommen hat. Also niemand, auf den man jetzt einen großen Hals schieben müsste. Kann man diesen Spielern dann nicht auch einfach mit dem gleichen Respekt gegenübertreten, den man auf anderer Seite fordert? Oder ist Identifikation hier tatsächlich nur eine Einbahnstrasse? (Kurzer Einschub: Evtl. galten die Pfiffe auch nicht Aogo persönlich, sondern einfach nur dem Freistoss vor der eigenen Kurve im Allgemeinen. Dies sollte man der Vollständigkeit halber anmerken.)

Ich möchte bei weitem nicht alles schönreden, was Christian Heidel veranstaltet. Einige Entscheidungen lassen mich auch mit dem Kopf schütteln und ich glaube, insbesondere der Abgang von Oliver Ruhnert wird uns irgendwann nochmal richtig weh tun. Ich glaube aber auch, dass unserer sportlichen Leitung durchaus bewusst ist, welches Juwel sie mit der Knappenschmiede haben. Nur kann diese eben auch nicht jedes Jahr zehn Draxlers, Kolasinac´ (den übrigens vor zwei Jahren noch gefühlte 80-90% der Fans liebend gern vom Hof gejagt hätten, aber das nur am Rande) oder Sanés rausbringen.

Viel zu lange haben wir jetzt durchschnittlichen, oftmals sogar schlechten Fußball gesehen. So ziemlich alle waren sich einig, dass sich da etwas ändern muss. Dann kommt jemand und ändert: Auch wieder falsch. Dass man es gerade in so einem „emotionalen Hochofen“ wie Schalke nie immer allen recht machen kann, ist völlig klar. Aber wir als Fans sollten uns dann hier auch einfach mal auf unsere grössten Stärken besinnen, nämlich Loyalität und Unterstützung. Kritik ist sicher auch dabei richtig und wichtig, aber aus meiner Sicht zumindest im Augenblick noch nicht angebracht. Erst einmal sollte man die Entwicklung der (immer noch sehr jungen!!) Mannschaft abwarten.

Und als Hoffnungsschimmer am Rande: Die besten drei Spielzeiten der vergangenen Jahre gingen einher mit umstrittenen oder zumindest von aussen schwer nachvollziehbaren Personalentscheidungen. Der Möller Transfer 2001, der Austausch Rost-Neuer 2006/2007 und die Magath-Knickbuszeit sowie die Glücksgriffe Moritz, Schmitz und Matip 2009/2010. Mit einigen dieser Entscheidungen war eine Identifikation auch nicht gerade einfach. Dennoch hat die Mannschaft hinterher sportlich überzeugt. Warum nicht noch ein 04tes Mal??

Foto: degust, Flickr

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

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Andre V. sagt:

Klasse!! Toll mir aus der Seele gesprochen.
Kleine Anmerkung zum Spieltag noch ergänzend: 6 Scorer-Punkte durch „Heidel-„Transfers.
Die Ultras haben einen stolz gemacht mit dem Verhalten am ersten Spieltag eben nicht jeden Mist mitzumachen und „Scheiß DFB“ zu jolen – aber diesmal haben Sie sich eher vereinsschädigend verhalten, da so die Presse wieder Themen hat. Meinungsfreiheit ist wichtig, aber diese Kritikl war eben auch nicht gut zum jetzigen Zeitpunkt. Muss man halt mit Leben als Schalker. Wir kömpfen halt am liebsten mit uns selbst.

Gino sagt:

Wir haben ein Jahr lang mehr oder weniger alles mitgetragen und nun wollten wir nur die Finger in die Wunde legen !
CH ist auf Schalke, nicht woanders.
BWG

Angelo sagt:

Du sprichst mir aus der Seele….respekt

8.5.15 sagt:

Was stört mich mein Geschwätz von Gestern. Es ist noch nicht lange her da hat die Kurve geschrien „Außer Fährmann könnt ihr alle gehen“, da war den Schreihälsen die Identität scheißegal. Jetzt so eine Nummer abzuziehen ist unterste Schublade und etwas was niemandem nützt.

Uwe sagt:

Hervorragend geschrieben, so isset

Carlito sagt:

Hervorragender Kommentar, Henning! Danke dafür! Leider werden ihn diejenigen, die ihn lesen und mal drüber nachdenken müssten, gerade eben nicht lesen.

Finde es auch seltsam, dass die UGE Heidel und Tedesco vorwirft, Höwedes abgegeben zu haben. Es war ja schließlich Höwedes der, aus seiner persönlich Sicht ggf nachvollziehbar, weg wollte. Weder Heidel, noch insbesondere Tedesco wollten, dass er geht.

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