26 Jun

(M)ein Blick auf die MV

Gestern stand er an, der wichtigste Termin im Vereinskalender. Die Mitgliederversammlung des FC Schalke 04 e.V. Das vorbereitete Mitglied weiß, es braucht drei Dinge, um den Tag einigermaßen zu überstehen: 1. Gutes Sitzfleisch, 2. Eine gehörige Portion Humor und 3. austrainierte Nackenmuskeln, um das ständige Kopfschütteln ohne Schleudertrauma überstehen zu können. Auch in diesem Jahr wurden wir bei Punkt drei nicht enttäuscht.

Der erste „WTF“-Moment tauchte bereits bei der Begrüßung auf. Noch bevor Clemens Tönnies die notwendigen offiziellen Regeln und Vorschriften verlas, packte er die Emotionskeule aus und holte erst Domenico Tedesco und danach Breel Embolo auf die Bühne, die sich in kurzen Reden der MV vorstellten bzw.  für die Unterstützung bedankten. Schön, aber aus meiner Sicht an dieser Stelle ziemlich unpassend.

Der nächste Punkt war ein Antrag auf Änderung der Tagesordnung. Die Berichte und die Aussprache sollten den Wahlen vorgezogen werden, damit man „wisse, was bzw. wen man hier wählt“, so der Antragssteller. Die blauen!! (Kopfschüttel Teil 2) Stimmkarten waren in der vorrangig blau gekleideten Masse nur sehr schwer zu erkennen und ergaben auch kein eindeutiges Mehrheitsbild, so dass elektronisch abgestimmt werden musste. Bei der Formulierung dieser Abstimmungsfrage wurde dann deutlich, dass man sich eigentlich nur ungern in die Suppe spucken lässt und lieber die festgelegte Reihenfolge beibehalten wollte. Aber egal, die MV hatte entschieden: Die Tagesordnung wird geändert. Der den ganzen Tag über immer mal wieder unsicher wirkende Clemens Tönnies rief dann die Redner aus dem Plenum auf die Bühne, um dann anhand der herrschenden Unruhe in der Arena festzustellen, dass der Antragssteller ja auch gemeint haben könnte, die Berichte der Gremien vorzuziehen (Anmerkung aus dem Plenum: Unten war diese Antragsstellung durchaus so angekommen).

Nach den Berichten der drei Vorstände trat dann erneut Clemens Tönnies auf den Plan, verwies bezüglich des Berichtes des Aufsichtsrates auf die ausgeteilten Wahlunterlagen und nutzte die Redezeit, um gegen Maik Deinert (Wahlausschuss) und Axel Hefer (Aufsichtsrat) zu hetzen um aber gleichzeitig deutlich zu machen, dass man mit den ewigen internen Streitigkeiten nicht weiter käme und sich auf Gegner außerhalb des Vereins besinnen sollte.

Lieber Clemens, dann fang doch damit einfach mal selber damit an! Ich finde es hochgradig peinlich, wenn der Vorsitzende eines Gremiums so dermaßen in eine Wahl eingreift, völlig unabhängig davon, wen nun in der Sache recht hat oder nicht. (Nebenbei: Die Gerichte haben dazu bislang, auch wenn unser „Ehrenrat“ dieses nicht wirklich wahrhaben will, eigentlich eine deutliche Sprache gesprochen.) Wenn man einfordert, miteinander zu arbeiten, sollte man als AR-Vorsitzender mit gutem Beispiel vorangehen oder alternativ den Vorsitz abgeben. Denn dieses Verhalten erzeugt erstens weitere verbrannte Erde und ist zweitens der Wichtigkeit des Amtes nicht würdig.

Die folgende Aussprache erzeugte neben den nächsten Kopfschüttel- auch einige heitere Momente und neben einigem inhaltsleeren Gerede wurden durchaus auch interessante Themen angesprochen. Umso unverständlicher ist es, das seitens des Vorstandes nicht auf eine einzige gestellte Frage eingegangen wurde. Eine Aussprache sieht meines Erachtens anders aus. Aber nun gut, wenn man die angesprochenen Dinge dann auch tatsächlich anpackt und verbessert (Stichwort: Server des Ticketshops) soll es mir recht sein.

Als nächstes standen die Satzungsänderungsanträge auf dem Programm. Der Antrag, die genehmigungspflichtigen Geschäfte auf einen Wert von 500.000 Euro zu erhöhen, wurde mit großer Mehrheit angenommen.  Der Antrag auf Änderung der Zusammensetzung des Wahlausschusses hat vor der MV bereits für viel Wirbel gesorgt. Das Stimmungsbild sprach für eine krachende Ablehnung des Antrages. Diese blieb sicher auch den Antragsstellern nicht verborgen, so dass man den Antrag schlussendlich zurückzog. Leider allerdings nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Man ließ nämlich in einer geschickten Fragestellung darüber abstimmen, ob man den Antrag überarbeiten und im nächsten Jahr erneut stellen soll. So kann man sich jetzt auf ein breites Mehrheitsbild der MV stützen, obwohl diese eigentlich nichts anderes wollte, als diesem Antrag die Gefolgschaft zu verweigern. Hier muss man aber auch einfach mal anerkennen: Das war der beste Spielzug, den diese Arena in den letzten Monaten gesehen hat.

Die folgenden Wahlen zum Aufsichtsrat standen sicherlich unter dem Eindruck des bereits weiter oben geschilderten aktiven Wahlkampf des AR-Vorsitzenden. Aber wie dem auch sei, es gilt die demokratisch getroffene Entscheidung der Mitglieder zu respektieren. Ich wünsche dem Aufsichtsrat, dass er sich in der kommenden Saison auf seine ursprünglichen Aufgaben konzentrieren kann. Dazu gehört meines Erachtens jedoch bei jedem Mitglied die Bereitschaft, auch mit anderen, unbequemeren Meinungen umgehen zu können und vor allem zu wollen.

Die Wahlen zum Wahlausschuss waren dann eigentlich eine Farce. Sicher, durch die- ohne Zweifel vom Antragssteller gut gemeinte- Änderung in der Tagesordnung war nun schon einige Zeit verstrichen. Aber wenn bei vorgeschlagenen drei Minuten Redezeit gejammert wird und dann, bei der schon auf etwa 90 Sekunden verkürzten Vorstellungszeit, das Hauptaugenmerk auf den Flugeigenschaften selbstgebastelter Papierflieger liegt, anstatt den Kandidaten zuzuhören, platzt mir die Hutschnur. Dieses Ehrenamt ist eines der wichtigsten in unserem Verein und mit solch einem Verhalten treten die Mitglieder ihre eigenen Rechte mit Füßen. Wegen mir könnten die Ticketvoucher für den Sonder-Vorverkauf sofort wieder abgeschafft werden. Dieses Desinteresse -auch während der Aussprache war die „Foto-Traube“ um den neuen Trainer gefühlt größer als die Zahl derer, die den Beiträgen der Redner folgten- von Teilen der Mitglieder sollte nicht auch noch mit Karten belohnt werden. Es war schon ein ziemlich peinliches Bild, welches der e.V. in diesen Minuten abgab. Die Kandidaten versuchten allesamt ihr bestes, ich hätte ihnen jedoch die Ruhe und Aufmerksamkeit gewünscht, die sie und dieses Amt verdienen.

Die Wahl des Ehrenrates wurde schlussendlich mit mal wieder recht deutlicher Mehrheit durchgezogen, auch wenn während der Rede von Klaus Bernsmann die Stimmung zwischenzeitlich zu kippen drohte. Was genau Bernsmann, der durch die Pfiffe sehr irritiert wirkte, tatsächlich sagen wollte, habe ich jedoch nicht ganz verstanden. Klang es doch tatsächlich so, als wolle er den Verein über geltendes Recht und Rechtsprechung stellen. Und das als ehemaliger Richter! Da habe ich mich bestimmt verhört….

Diese Geschichte ist sicher, wie auch der weiter drohende Satzungsänderungsantrag bezüglich des Wahlausschusses, nicht ausgestanden. Es bleibt also spannend, aber wie ich es gestern schon einmal während der MV anmerkte: Einfach kann ja jeder!

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

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eppinghovener sagt:

Zum Ehrenrat:
Ich denke er wollte sagen – und da stimme ich ihm inhaltlich auch zu – dass das Gericht seine Kompetenzen überschreitet wenn es vereinsinterne Regelungen und Entscheidungen für ungültig erklärt.
Schlussendlich sind diese Regeln (Ehrenrat als Schiedsgericht) etwas, was der Verein für sich beschließt, wenn man so will vergleichbar mit Papa sagt zu Hause wann die Kinder ins Bett gehen sollen. Eine von allen beschlossene Autorität beschließt, und an dem Entschluss hat ein Gericht jetzt eigentlich nichts zu rütteln, sofern es nicht gegen geltendes Recht verstößt.
Kurz: Bernsmann wollte sagen: es wurde kein Vereins- oder gar anderweitiges Recht gebrochen, also ist es egal was ein Richter dazu sagt.

Die Wortwahl dafür war allerdings katastrophal. „Ein Richter!! Wir sind 5!!!“ und „ein anderer Richter sieht das wahrscheinlich völlig anders“ ließ so eher vermuten er wüsste nicht wie das Rechtssystem so funktioniert.

Thomas sagt:

Hier hat Papa nicht bloss entschieden, wann die Kinder ins Bett gehen müssen. Hier hat Papa Ehrenrat entschieden, dass die 17-jährige Tochter für drei Monate im Bett bleiben muss. Und gegen solche Willkürentscheidungen darf ein Staat durchaus auch in die Familie regulierend eingreifen.

Andreas Goßmann sagt:

Hallo Eppinghovener, Herrn Prof. Bernsmann hat tatsächlich gesagt: „Ein Richter und wir sind 5“ und damit ein äußerst seltsamen Rechtsverständnis zu Protokoll gegeben. Sein Vortrag war aber auch insgesamt sowohl inhaltlich als auch rhetorisch äußerst schwach und unverständlich. Deine Rechtsauffassung, dass ein Vereinsmitglied kein Gericht anrufen darf ist übrigens nicht richtig. Sofern die vereinsinternen Wege ausgeschöpft sind, kann ein Vereinsmitglied ein Gericht anrufen. Der Bayerische Landessportverband führt hierzu unter anderem aus: „Es ist grundsätzlich nicht möglich, die gerichtliche Überprüfung von Vereinsmaßnahmen, insbesondere Beschlüssen der Mitgliederversammlung
in der Satzung vollständig auszuschließen.“ Wenn Du Dich etwas tiefer einlesen möchtest, empfehle ich Dir https://www.blsv.de/fileadmin/user_upload/pdf/bayernsport_archiv/recht/bayspo_recht_2015_10_Anfechtung_von_Vereinsbeschluessen.pdf. In „unserem“ Fall sprach das Gericht in seiner Urteilsbegründung sogar von Willkür und grober Unbilligkeit. Ich hätte in Anbetracht der deutlichen Worte erwartet, dass dies den Ehrenrat nachdenklich macht. Leider war das jedoch nicht der Fall. Unsere Vereinsmitglieder wollten zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich nach Hause. Dadurch kam es auch nicht zu der eigentlich notwendigen Diskussion hinsichtlich der Qualität und Unabhängigkeit des Ehrenrats. Das Verhalten einiger Mitglieder bei den Wahlen zum Wahlausschuss hat Henning schon treffend kommentiert. Dies war neben den inakzeptablen Ausführungen von Clemens Tönnies zu Maik Deinert und Axel Hefer ein Tiefpunkt unserer Mitgliederveranstaltung. Um unseren Verein in allen Bereichen Champions League tauglich zu machen, gibt es also noch viel zu tun. Alexander Jobst hat mit seinem exzellenten Ausführungen gezeigt, wie es geht. Ich hoffe, andere Vereinsverantwortliche und auch noch mehr Mitglieder nehmen sich daran ein Beispiel und diskutieren nächstes Jahr engagiert und mit Sachverstand, um das Beste für unseren Verein zu erreichen.

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