25 Apr

Och, Jochen

Wenn in der Liga der Zug abgefahren scheint, der Strohhalm Europa-League auch weggebrochen ist, und die Gazetten zudem mit Artikeln gefüllt sind, die unsere letzten verbliebenen Identifikationsfiguren dem Inselfußball zuschreiben, ist man froh, wenn einen – neben dem normalen Wahnsinn – etwas Besonderes ins Stadion lockt.

Da reicht es schon, wenn ein Wiedersehen mit einem viel zu lang nicht getroffenem Freund ansteht. In diesem Fall war es Jochen, der mich Mitte der Woche fragte, ob ich mit ihm zusammen das Spiel besuchen mag. Das Umwerfen des längst geplanten sonntags war schon eingeleitet, als er mir zudem offerierte, dass es sich um einen Logenbesuch handeln würde.

Ich kenne tatsächlich Leute, für die das ein Grund gewesen wäre, rasch zurück zu rudern, aber tatsächlich freute ich mich nun noch mehr. Ich war schon öfter Gast im sogenannten Hospitality-Bereich der Arena, und glaubt mir – ich habe mich lange genug von Aldi-Toastbrot mit Analog-Käse und Ketchup ernähren müssen, um das nicht jedes Mal aufs Neue wie ein Braunbär im Honigtopf zu genießen.

Und jedes Mal bin ich fasziniert, wie viele Menschen sich auf dem Ring zwischen Ober-und Unterrang tummeln und die Vorzüge der kulinarischen Flatrates genießen. Sicherlich denken viele, wie auch ich zuvor, dass man dort vor allen Dingen auf Krokodillederhandtaschen und Kaschmirschals stößt, aber diese machen nicht mal zehn Prozent des Publikums aus.

Der Rest ist so durchgemischt wie überall anders im Stadion auch. Horst und Jupp von nebenan, Horst und Jupp aus dem Sauerland, Horst und Jupp aus dem Unternehmerverband und Horst und Jupp aus der Ehrenkabine. Alle sind sie da und laben sich gemeinsam an Kaffee, Bier, Weinschorle, Currywurst und/oder Champions-League-Küche.

Zugegeben, es war schon ein seltsames Gefühl, auf dem Weg in die Loge an all den Leuten vorbei zu marschieren, neben denen man sonst steht oder sitzt, in der Hand den am Eingang entgegengenommenen Zettel, der mir erklärt, warum Red Bull eben doch böse ist. Na dann gehen wir mal schön auf die gepolsterten Sitze und setzen ein Zeichen gegen den kommerziellen Fußball. Und wenn wir verlieren, kann man immer noch auf den Business Seat stellen und „Scheiß Millionäre“ brüllen.

Spaß beiseite – ich weiß nicht, ob ich zu alt für sowas geworden bin, oder ob es an der ernsten Weltlage und auch der Zustände vor der Haustür liegt – Ich schaffe es nicht, mich über RB Leipzig aufzuregen, oder ihnen auch nur einen besonderen Wert beizumessen. Für mich war es ein Fußballspiel wie jedes andere, und ich war sogar froh, diesmal nicht in der Kurve zu stehen, in dem Bereich, in dem der positive und vor allem kreative Support immer weniger Platz findet und den „Scheiß ABC“ und „XYZ Hurensohn“-Gesängen weichen muss. Mich langweilt das. Schade, dass so viel schönes Liedgut in dieser Saison keine Beachtung mehr findet. Und ich wunder mich, dass sie sich wundern, dass sie so selten das ganze Stadion mitnehmen. Für mehr „Kohle unter unseren Füßen…“ und Co.

Aber egal, was interessiert diesbezüglich schon die Meinung eines Event-Fans, welcher sich gerade am Hertener Hühnchen labt. An dieser Stelle mal ein großes Kompliment an den Chefkoch des Caterings, welcher so viele Münder auf so hohem Niveau zu stopfen weiß und noch die Zeit findet, sich während des Spiels mit Fußvolk wie mir rum zu spaßen. Großer Typ. Apropos Großer Typ. Hier auch nochmal kurz ein Gruß an Bernd, welcher bis vor kurzem Schalkes größte Sponsoren-Social-Media-Seite betreute, und mich mehrmals während des Nachmittags besuchte. Wer ihn kennt, weiß nicht nur, dass er ein unfassbar guter Typ ist, sondern versteht wahrscheinlich genau so wenig wie ich, dass nicht mindestens Schalke selbst ihm schon den roten Teppich ausgerollt hat, um von seiner hervorragenden Arbeit zu profitieren.

Ach, genau, es war ja Fußball. Na, was soll ich sagen. Ich war in meiner Enttäuschung bestätigt, als das 0:1 fiel. Und ich war noch beim Dessert, als das 1:1 fiel. Und ich ertränkte meinen Frust über zwei fehlende Punkte in dieser herrlichen Kurzeit-Dekadenz, weil die Tabelle es meines Erachtens einfach nicht zuließ, über einen gewonnenen Punkt nachzudenken.

Noch 04 Spiele, noch 04 Mannschaften vor uns, die es zu überholen gälte, noch 04 Punkte Abstand. Wenn, ja wenn man noch ernsthaft in der Lage wäre, daran zu glauben. Vielleicht bin ich auch – zwei Tage danach – einfach immer noch zu satt, um hungrig zu sein. Vielleicht kommt das, mit dem nächsten guten Auftritt meines Teams. In Leverkusen. Beim Auswärtssieg. Vielleicht auch erst in Freiburg, wenn wir mit diesen dann in der Tabelle gleich ziehen.

Vielleicht habe ich dann das Vertrauen, dass wir nicht ausgerechnet gegen Hamburg und Ingolstadt – also gegen den aktuell 15. Und 17. Der Tabelle – verlieren. Ich glaube aber, dass genau dieses Gefühl mich in dieser Saison nicht mehr ereilen wird. Schade eigentlich.

Und somit verabschiede ich persönlich mich an dieser Stelle schon in die Sommerpause und überlasse den anderen Schreibern das Feld. Die sind schließlich noch jung und voller Elan und Glaube.

Und nächste Saison dann Meisterschaft…

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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Herrlich! Könnte ich noch zig Seiten davon lesen… bitte weitermachen!

Carlito sagt:

Immer wieder eine Freude, deine Artikel zu lesen, Andi! Auch dieses Mal wieder mit dem einen oder anderen Schmunzler, aber auch ernsthafteren Gedanken, Stichwort Schmähgesänge statt die eigene Mannschaft anfeuern, welchen ich ausdrücklich teile. Genieße die Sommerpause! ;)

Benjamin sagt:

Wo ist eigentlich dieser Mythos vom Supermarkt?

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