22 Apr

Der Erdogan-Antrag

Mit der neuen Ausgabe des Schalker Kreisels wurden die Satzungsänderungsanträge zur Schalker Mitgliederversammlung im Juni bekannt gegeben. Dabei springt ein Antrag besonders ins Auge, es ist der Antrag zur Änderung des Verfahrens bei der Wahl und Besetzung des Wahlausschusses.

Der Wahlausschuss ist in der Satzung seit den 1990er Jahren vorgesehen. Die einzige Aufgabe des Wahlausschusses ist gleichzeitig eine enorm wichtige: Er filtert aus den Bewerberinnen und Bewerbern für die alljährlich stattfindende Wahl zum Aufsichtsrat die vier Kandidatinnen und Kandidaten heraus, die sich zur Wahl stellen dürfen. Der Wahlausschuss berät intern, wie er zu seinem Ergebnis kommt und muss dies nicht begründen. Zwar soll sich der Wahlausschuss an den Kriterien der Geeignetheit der Kandidatinnen und Kandidaten orientieren, aber da hat natürlich so jeder seine eigenen Vorstellungen.

Der Wahlausschuss ist in gewisser Weise mächtig: Es gibt regelmäßig deutlich mehr Bewerberinnen und Bewerber auf die Posten im Aufsichtsrat. Man kann darüber streiten, ob es Sinn macht, dass aus diesem Pool nur vier Personen ausgefiltert werden dürfen und der Rest strikt abgeblockt wird. Aber derzeit sieht die Satzung diese Regelung nun mal vor. Andererseits sind auch aktuelle Aufsichtsräte nicht gesetzt. Wenn der Wahlausschuss andere Kandidatinnen und Kandidaten für geeigneter hält als derzeitige Amtsträger, dann braucht der Wahlausschuss auch diese nicht zur Wahl zulassen. So wurden zwei sich zur Wiederwahl stellende Aufsichtsräte in der vorletzten Wahlperiode nicht als geeignet genug gehalten und nicht zur Wahl zugelassen. Im letzten Jahr wurde Clemens Tönnies trotz erheblicher Kritik an seinem Führungsstil dennoch zur Wahl zugelassen – und schließlich mit den zweitmeisten Stimmen in den Aufsichtsrat gewählt. Aber allein die Diskussion darüber, ob Tönnies tatsächlich die Chance erhält, erhitzte die Gemüter und die Tönnies-freundlichen Medien in einer Art und Weise, dass enormer Druck auf die Mitglieder des Wahlausschusses ausgeübt wurde.

Das soll jetzt alles anders werden. In einem gemeinsamen Antrag von Vorstand(!), Aufsichtsrat, Ehrenrat, Sportbeirat und Ehrenpräsidium (im folgenden „Erdogan-Antrag“ genannt) wird nun vorgeschlagen, die Satzung zu ändern. Nicht mehr die Mitgliederversammlung soll allein über die Zusammensetzung des Wahlausschusses entscheiden dürfen. Die Mitgliederversammlung soll nur noch über fünf (von dann zehn) Posten entscheiden dürfen, die anderen fünf Wahlausschüssler sollen dann gestellt werden von -genau- Vorstand(!), Aufsichtsrat(!), Ehrenrat(!), Sportbeirat und dem Ehrenpräsidium. Also letztlich beanspruchen die Antragsteller des Satzungsänderungsantrags mal eben schlappe 50% des Wahlausschusses für sich selbst.

Das ist ein starkes Stück! Denn der Job des Aufsichtsrats war es bislang, den Vorstand zu bestellen und zu kontrollieren. Das ist sein Auftrag. Abgesehen von dieser Hauptaufgabe ist er zum Großteil für die Personalbesetzung der anderen Gremien hauptverantwortlich. Etwa den Ehrenrat schlägt der Aufsichtsrat in eigener Verantwortung vor und lässt sich das Gesamtpaket seines Vorschlags ohne Aussprache und mit einfacher Mehrheit in der Mitgliederversammlung absegnen. Auch auf seine eigene Struktur hat der Aufsichtsrat schon jetzt erheblichen Einfluss, denn er kann eigene Mitglieder bis zu einer gewissen Anzahl einfach ohne das Votum der Mitglieder hinzufügen („kooptieren“). Jetzt, nach dem Satzungsänderungsantrags, soll der Aufsichtsrat zusätzlich also auch noch massiven Einfluss darauf haben dürfen, wer überhaupt zur Wahl des Aufsichtsrats in der Mitgliederversammlung kandidieren darf.

Dieser Vorschlag ist nichts weniger als der Versuch, das letzte Gremium des Vereins, auf das der jetzige Aufsichtsrat keinen Einfluss hat, auch noch mitzubestimmen. Der Mitgliederversammlung traut man offenbar nicht zu, linientreu abzustimmen. Die Vergangenheit hat es gezeigt. Wie kann es sein, dass über die Zulassung amtierender Aufsichtsräte zur Wahl überhaupt diskutiert wird? Nun hätte man dies durch eine andere Satzungsänderung regeln können, etwa durch eine Erhöhung der Kandidatenanzahl, die sich in der Mitgliederversammlung den Mitgliedern präsentieren darf unter der Bestimmung, dass amtierende Aufsichtsräte quasi automatisch das Recht zur Kandidatur erhalten. Aber offenbar geht das Vertrauen in die Mitglieder dann doch nicht soweit. Durch einen Einfluss der amtierenden Gremien in Höhe von garantierten satten 50% und der hohen Wahrscheinlichkeit, dass von den restlichen 5 Positionen zumindest eine oder einer dabei ist, der die herrschende Meinung des Aufsichtsrats teilt, kann aus Sicht des Aufsichtsrats zweierlei sichergestellt werden: Erstens kommen dann nur noch genehme Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl durch. Kritiker an dem Kurs des Aufsichtsrats hätten per se keine Chance. Und zweitens können auch derzeit im Aufsichtsrat vereinzelt sitzende Kritiker durch diese Einflussmöglichkeit komplett verhindert werden – sie dürften dann bei einer folgenden Wahl gar nicht erst kandidieren

Letztlich haben wir dann ein selbstbefruchtendes System. Aufsichtsrat und Vorstand(!) suchen sich selber die Kandidatinnen und Kandidaten aus, die den bisherigen Kurs im Sinne der bisherigen Amtsträger weiterführen werden. Kritische Stimmen werden so von vornherein ausgeschaltet. Die Mitgliederversammlung hat letztlich keinen Einfluss mehr darauf, wie der Verein ausgerichtet wird.

Und das ist nichts anderes als Erdogan-Style. Etwas, das sich nach außen demokratisch nennt, aber doch inhaltlich weit davon entfernt ist. Stimmabgabe nur noch als Feigenblatt. Die Kritik an dem Verfassungsreferendum von Herrn Erdogan war und ist sehr ähnlich: Wenn diese Satzungsänderung angenommen werden sollte, dann zementieren sich bestehende Führungsstrukturen ein für alle mal. Die jetzige Vereinsführung wird das begründen mit einer Stabilität, die „in heutigen Zeiten doch so wichtig ist“. „Wir wollen keine chaotischen Strukturen. Das wollen auch unsere Sponsoren nicht.“ Auch Erdogan ist angeblich die Stabilität so wichtig und er lässt natürlich nur deswegen die Kritik an seinem Führungsstil verstummen. Zugegeben auf gewalttätige und existenzvernichtende Art und Weise. Und dennoch drängt sich dieser Erdogan-Vergleich einfach auf: Schalke 04 wird danach behaupten können: „Wir sind einer der letzten eingetragenen Vereine ohne Ausgliederung in der Bundesliga.“ Kleiner Schöhneheitsfehler: Die Mitglieder haben faktisch gar nichts mehr zu sagen. Sie dürfen dann noch abstimmen über Vorschläge des Aufsichtsrats selber. Sie dürfen noch über Nuancen abstimmen. Aber nicht mehr über größere, andere Visionen der Idee, was aus Schalke 04 einmal werden soll. Alles für die Sponsoren, alles für die Strahlkraft der Marke „Schalke 04“. Soziale Verantwortung, Einbettung von Faninteressen, aktive Arbeit gegen die Kommerzialisierung des Fußballsports sind dann nur noch Minderheiteninteressen und werden auf lange, lange Zeit wenn überhaupt, dann nur pro forma stattfinden. Wenns den Sponsoren gefällt.

Nicht, dass das zum großen Teil auch nicht heute schon so wäre. Aber mit dieser Satzungsänderung im Erdogan-Style gibt der eingetragene Verein FC Schalke 04 seine letzten wirklichen Rechte der Mitglieder aus der Hand. Zu Gunsten der bestehenden Führungsgremien. Diese sichern sich ihre Macht. Und das nicht nur für eine Wahlperiode, sondern für alle Zeiten bis zu einer etwaigen neuen Satzungskorrektur.

Das ist dann aber nicht mehr der eingetragene Verein, auf den wir bislang zurecht stolz sind. Schalke 04 ist ja derzeit nicht instabil. Es braucht diese angebliche Stabilität, die uns vorgegaukelt wird nicht. Clemens Tönnies ist nun stabile 23 Jahre im Aufsichtsrat, davon 16 Jahre als Vorsitzender. Was uns diese Stabilität insbesondere in den letzten Jahren gebracht hat, kann sich derzeit jeder auf dem Spielfeld, der Tabelle und den Diskussionen in der Mitgliederschaft anschauen. Wer diesen Weg okay findet und niemals über etwas anderes nachdenken kann, stimmt auf der Mitgliederversammlung mit evet!

Wem Mitgliederrechte wirklich etwas bedeuten, wer das „e.V.“ nicht nur als Worthülse sieht, sondern wem es wichtig ist, dass sein Mitgliedsbeitrag mehr Wert ist als das Recht auf Vorkaufsrechte für Tickets, wer mitbestimmen möchte, der lehnt diesen Erdogan-Antrag der Gremien auf der Mitgliederversammlung ab!

Thomas

Thomas

Fakten:
Optimismusbeauftragter | linker Verteidiger |Höchststrafe | Veltinsultra
Thomas

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Zu welcher etwaigen neuen Satzungskorrektur? Eine solche wird es nicht mehr geben, weil sie gar nicht erst zugelassen wird. Der Aufsichtsrat hält sich selber für von der Mitgliederversammlung demokratisch legitimiert, zu entscheiden, worüber die Mitgliederversammlung als oberstes Vereinsorgan überhaupt befinden darf…

Andres sagt:

Der Schalker Kreisel war eh nie das Papier wert, auf das er gedruckt wird, aber gestern musste ich ihn wutentbrannt in die Ecke pfeffern…
Wenn der Antrag durchgeht, trete ich aus

Olaf Neumann sagt:

Ich finde Thomas Beitrag richtig gut, frage mich aber zum Thema Demokratische Mitbestimmung:

Wer legitimiert eigentlich dem Wahlausschuss, der in seiner Entscheidung sakrosankt zu sein scheint?

Wo kann man eigentlich mal unsere Vereinssatzung mal nachlesen?
Denn ich würde gerne mal bei der nächsten Mitgliederversammlung das Thema Viagogo diskutieren wollen und weiß nicht, wie und wann der Antrag gestellt werden muss.

Phipser sagt:

@Andres

Und was genau bringt das austreten aus dem Verein? Es mag vllt so aussehen, als ob damit ein Zeichen gegen die aktuelle Politik gesetzt wird, aber letztlich heißt es nur, dass die Oposition an Mannstärke verliert.

Ein ähnliches Problem ist übrigens das nicht-zu-Spielen-gehen, wenn der Verein eine Niederlagenserie hat oder sonstwie feststeckt. Genau dann nämlich brauchen die Spieler der Support!
Die Spielweise mag einem zum Beispiel anfangs der Saison nicht gefallen haben, aber wer nur deshalb nicht mehr zu Spielen geht, für den ist Schalke dann auch keine Herzensangelegenheit, sondern lediglich ein Unterhaltungsprodukt…

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin absolut gegen den Antrag. Aber ändern kann man nur etwas, indem man sich engagiert.

Homer sagt:

Nach der Geschäftsordnung des WA braucht man noch nicht einmal ein weiteres WA-Mtglied, es reicht, wenn die anderen 5 nicht einhellig entscheiden (wenn ich mich recht erinnere). Es werden der Reihenfolge nach die Leute genommen, die am meisten Stimmen auf sich vereinen konnten. Nehmen wir eine Pattsituation an, dann müssen die gewählten 5 WA-Mitglieder schon gleich abstimmen, um wenigstens noch die 5 Stimmen zusammenzubekommen wie die 5 Stimmen der Orga-WA-Mitglieder