21 Apr

Ajax gegen Troja

(Quelle: isso, Stadtmagazin Gelsenkirchen, Mai2017) Ajax ist ein Begriff der Programmiersprache. Ajax ist ein Allesreiniger. Und Ajax Amsterdam war im April Schalkes Gegner im Viertelfinale des diesjährigen Europa League Wettbewerbs.

Gehen wir davon aus, dass sich dieser Verein seinen Namen nicht aufgrund des Konzepts einer asynchronen Datenübertragung gegeben hat. Spekulieren wir, dass ein Putzmittel zu sein, schon eher dem Selbstverständnis der Amsterdamer Fußballer entspricht.

Und geben wir uns aber bildungsbürgerlich und wissen, dass „Aias der Große“ jener Held auf Seiten der sagenhaften Griechen war, der des Achilleus Leiche auf dem Schlachtfeld verteidigte. Und schon kommen wir dem lyrischen Bild vom Kampf um Troja näher, hier der Schalker Arena. Lassen wir an dieser Stelle einmal „Aias den Kleinen“ beiseite, denn der niederländische Club wollte sich wohl kaum diesem anderen Griechen verschreiben, welcher der Sage nach Kassandra vergewaltigt haben soll und später auf der Rückfahrt nach Athen ertrank.

Der Kassandras Rufe wiederum waren vor dem Spiel deutlich und zahlreich gewesen. Die sportliche Ausgangslage war für die Königsblauen vorsichtig pessimistisch einzuschätzen, dies charakterlich eine zutiefst typische Schalker Vorannahme.

Das Hinspiel im Stadion (!) bei Agamemnon in Amsterdam war 0:2 verloren worden, und zwar auf erbärmliche Weise, wenn man fussballerisch mal in europäischen Qualitäts-Kategorien denken darf … ja, danke. Die Schalker Bundesliga-Spielkultur ließ zuvor ebenfalls alle Wünsche offen, jene nach schönem Fußball, jene nach Kampf und Einsatz, die Sehnsucht der Fans nach heldenhaften Taten blieb nahezu unerfüllt, wie auch die Forderung danach, dass die Jungens was tun sollen für ihr üppiges Kriegersalär. Die entsprechenden Ergebnisse und der Tabellenstand waren in dieser Saison mal sowieso für die Tonne.

Mit und trotz all dem Wissen hat man mal wieder ‚ne Karte, Europa League, nicht schlecht, und „Ajax Amsterdam“: Das klingt durchaus immer noch nostalgisch nach‚ 70-er Retro, nach was ziemlich Hehrem. Zwei Tore musste Schalke aufholen und dabei keinen Gegentreffer kassieren, so einfach die Arithmetik (siehe: „Euklid“). Es ging fulminant los. In den ersten Sekunden zwei prächtige Chancen für die Schalker, einmal durch Hektor Goretzka, und einmal durch Max Meyer, den Kleinen. Das Publikum auf den Tribünen vor den Toren der Stadt sah wohl, dass seine Trojaner sich etwas vorgenommen hatten, sich der Bedeutung des Spiels bewusst waren. Aber der Gegner war eine clevere, starke Mannschaft. Mit allen (Putz-)Mitteln wusste Ajax einen Schalker Spielfluss zu unterbinden, ging mit kriegerischem Willen in die Zweikämpfe, erstritt sich mit manchen Duellen Mann gegen Mann immer wieder Freistöße für sich und näherte sich bedrohlich dem Portal von Schalkes Türhüter Ralle Fährmann an (der seinen symbolhaften Namen übrigens von seinem Großvatter Cheron hat, der den Nachen über den Styx steuerte, den Fluss zur Unterwelt). Die Trojakönigsblauen fanden keinen Zugriff auf das Spiel, wussten lediglich durch die eine und andere Einzeltat zu glänzen, man sah sich durchaus gewitzt mühende Meyer und Bentaleb, den Wüstensohn, dazu zwei Mal Hektor Goretzka mit fulminantem Antritt, der jedoch jeweils am Ende die Übersicht verliert und den freistehenden, trojanischen Burg-Staller nicht sieht. Immer winkte das Volk die Heerscharen aus ihrer Hälfte raus, lauft mehr nach vorne, wo das Tor der Griechen steht! wollte man rufen. Sie ließen sich zeitweise viel zu sehr hinten rein drängen, die Blauen. Die größeren Chancen zum Treffer hatte nämlich der Aias aus Amsterdam; es war wieder mal dem Fährmann zu verdanken, dass es zur Pause nach dieserart verschlafenen, ersten Halbzeit nur 0:0 stand.

Wir wissen nicht, ob dies von Anfang an erdachter Schlachtplan war oder ob der Trainer Priamos Weinzierl eine entsprechende Kabinenpredigt zu halten in der Lage war („Jungs, DAS ist ein Ball! Das muss in das ECKIGE!“) – Herr Oberschulte-Beckmann, seines Zeichens Stadionsprecher auf Schalke, gab aufmunternd seine Sicht zum Besten, dass „der Drops noch nicht gelutscht“ sei – Da beginnt die zweite Hälfte, und Ajax hätte prompt derbe zugeschlagen. Dann wäre er gelutscht gewesen, der Drops, dachte das Volk (siehe: „Arithmetik“). Aber sodann beschrieb die Sage sage und schreibe eben jene beiden geforderten wie erforderlichen beiden Tore, daran kunstvoll beteiligt Sead, der stürmende Verteidiger Kolasinac, der Burg-Staller und vor allem der Held Hektor! 2:0, Einstand, alles wieder offen, singende Ränge auf den Zinnen rundum. Drehbuchreif erschien zudem nun noch der alte Recke Klaas-Jan Huntelaar, der „Jäger“, auf dem Areal, jener, dessen fußballerische Heimat einst die des griechischen, Verzeihung, Amsterdamer Gegners war. Nun machten die Schalker das Spiel, schienen den Niederländern den Schneid abgekauft zu haben (Händlervolk, das die Holländer ja sind). Die Königsfamilie im weiten Rund erlebte, wie ihre Helden kämpften, nun auch vermehrt Balleroberungen tätigten, in den Zweikämpfen den Kopf erhoben: So wollte man die Eig’nen auf dem Felde sehen! Mit dem Kopf fast erzielt hätte den gewinnbringenden Treffer der Höwedes, wir wissen, einst wurde er Aeneas genannt und gründete später dann Etruskien. Jedoch, der entscheidende Stoß, er wollte nicht gelingen. Zwar verloren die Ajax-Männer sogar noch einen der ihren durch Gelb-Rot (ein Krieger namens „Veltman“, sic) und mussten sich in Unterzahl weiter erwehren. Hektor aber schließlich musste mit ausgerenktem Kiefer und Gehirnerschütterung (besser als umgekehrt) vom Platze, jubelnd der dankende Applaus der Trojaner.

Nach 90 Minuten gab es keine Entscheidung, der sportliche Krieg ums Halbfinale ging also ins zehnte Jahr. Zunächst wurden die Klingen nurmehr zurückhaltend gekreuzt, dann aber sah man sichtbar einen sehenswerten Angriff der Schalker, vom Flügel her schickt Kola das Spielgerät hinein ins Getümmel vors Tor und Daniel Caligiuri, nennen wir ihn den schönen Paris, köpft’s ins Netz. Es steht 3:0, das wär‘ der Sieg, alle wissen es und können es kaum glauben und schütteln über Kassandra ihre Köpfe und schwenken ihre Schals.

War es der nochmalige Seitenwechsel, waren es die zunehmenden Wadenkrämpfe der Krieger, wer steckt schon drin. Es begannen die letzten 10 Minuten des Spiels, und ich sag‘ noch, jetzt beginnen die schlimmsten 10 Minuten des Spiels, da erleben wir den Aias, den Großen, wie er die Leiche des Achilleus verteidigt … Freistoß Ajax, pariert. Einwurf Ajax, hineingepasst in den Strafraum, und Tor durch einen jungen Sportler mit Namen Viergever, den er wohl aufgrund seiner Schwertkampfweise trägt. Da laufen die Agamemdamer hin vor ihre Fanblockecke und recken ihre Fäuste hoch, denn, Arithmetik, mit einem 1:3, da sind sie der Sieger! – Die Schalker indes versuchen es natürlich weiter, mit einem vierten Treffer wären es wieder sie, die jubelten. Trainer Priamos bringt noch einen weiteren Stürmer, Donis Avdijaj, ja, diesen Vornamen trägt er tatsächlich. Aber und jedoch und schade, schade, schade: Die Mannen scheinen zu erschöpft, es ist ja auch schon halb zwölf Mitternacht. In der Schlussminute schließlich gelingt es dem Ajax noch, die Trojaner davon zu überzeugen, für ein scheinheiliges Geschenk ihr Tor zu vergrößern: einzig, damit ein Grieche namens Younes, später Odyounes der Irrfahrer genannt, ein letztes Mal den Ball, einem hölzernen Pferde gleich, in der Stadt versenken kann. 3:2, das reicht nicht. Gewonnen, aber Troja ist verloren. Raus aus dem Wettbewerb, als letzte deutsche Mannschaft raus aus dem europäischen Geschäft. Keine Chancen mehr auf nix in diesem Jahr, versunken im Niemandsland der Bundesliga-Tabelle, eine Saison, die man als Schalker so schnell nicht vergessen wird als eine, die man vergessen kann.

Aber es war dann mit allem Drum und Dran doch ein Spiel, dem beizuwohnen mich erinnern lässt, warum es uns manchmal so unfassbar fiebern lässt.

Danke – Bitte – Glück – auf!

 

Bild: https://www.google.de/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fupload.wikimedia.org%2Fwikipedia%2Fcommons%2Fthumb%2Fa%2Fa3%2FAjax_body_Achilles_Louvre_F201.jpg%2F220px-Ajax_body_Achilles_Louvre_F201.jpg&imgrefurl

André

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Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
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Phipser sagt:

Ob die Fußballgötter den Amsterdamern jetzt auch zürnen und den Rest der Saison zu Odyssee machen?

Und warum hast du nicht erwähnt, dass die schöne (Jägerin?) Helenaar einstens den Amsterdamern entrissen und nach Troja gebracht wurde… über Umwege.

Ansonsten ein hervorragendes Epos!

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