09 Dez

Unwort des Jahres 2016

Das frisch gekürte Wort des Jahres 2016 ist „postfaktisch“. In meinen Augen vollkommen zurecht, was mal wieder mit aktueller Berichterstattung über den gestrigen S04 bewiesen wird, die (anders als die tatsächlichen Geschehnisse) die Stimmung überschattet.Pfeifen wir auf das Nullzuzwei. War eh ne verkappte Talentschau gestern, mit eigentlich tollen Erkenntnissen:
– Uchida ist wieder da. Ich habe ihn wirklich vermisst und innerlich 04 Tränchen verdrückt.
– Donis Avdijaj ist ja tatsächlich ’ne Sau aufm Platz. Er wollte so dringend seine Bude machen und suchte jede Gelegenheit dazu. Hier ein Schuss, da ein Wutausbruch… Er WILL! Und Schalke will ihn auch. Auch wenn sein Instagram-Account hier und dort einem Besuch im Paradiesvogelpark gleicht. Schalke braucht ihn sogar dringend. Es braucht Ecken und Kanten, an denen man sich festhalten kann. Damit kann man sich einfach besser identifizieren, was der Club lange Zeit sehr dringend nötig hatte. Aber es wird.
– Auch ein Thilo Kehrer wird. Als hätte er nie etwas anderes getan, verteidigte er hinten links fleißig und robust. Seine Fehler macht sogar Kante Kolasinac, wenn er nen durchschnittlichen Tag erwischt.
– Auch Fabian Reese wird. Diese jungen Dinger stehen aktuell für das, was Schalke sich schon länger erarbeitet hat: eine hervorragende Jugendarbeit, die nun ihre Früchte trägt. Traditionswürdig!

Tradition in der Presse ist in den letzten Jahren auch die totale Überdramatisierung von leisen Schleichfürzen. Sicher, Pyro ist ne blöde Nummer für den Club. Keine Frage. Das hier ist keine Rechtfertigung oder Entschuldigung. Sie einzusetzen: selten dämlich. Kackekackekacke! Pfui! Aus! Auf den Pyro-Fotos von gestern das Hugos-Banner zu sehen ließ mich dann auch erinnern: Da war mal was, in nem Heimspiel gegen Frankfurt, als sie in der Nordkurve das Veltins-Werbebanner in Brand setzten. Als „Abschied“. Ich rechne 1 & 1 zusammen und kann mir leider lediglich an den Kopf packen. Aber nun…
Noch seltener dämlich ist aber die joruanlistische Hochstilisierung jeder abnormalen Auffälligkeit während, vor oder nach eines Spiels hin zum „Eklat“. Man stelle sich nur vor, wie der Schreiberling seine eigenen Zeilen verbalisiert und vom Balkon ruft. „Eklat, Eklat, Eklat!“
Das hat die Wirkung eines aufgescheuchten Huhns, wenn es jede Woche gefühlt dreiundvierzig Mal Eklats gibt. So viele Eklats… Warum gibt es eigentlich noch keine Eklat-Verordnung, mit denen Vereinen und Fans Eklats strikt untersagt werden? Eklats abschaffen!!!!111

Das Problem hinter der Nummer ist: Wenn die kleinste Abweichung von der Norm zum Eklat wird… Was passiert dann, wenn WIRKLICH Dramatisches passiert? Wie will man das rhetorisch rechtfertigen? Wie will man den Eklat noch steigern? Klaro: Dramatische Rhetorik für mehr Klickzahlen und so, das ist sehr 2016. Aber weitergedacht: Wenn alles Drama und Eklat ist, sticht nichts mehr heraus und niemand klickt mehr, weil er abgestumpft ist. Statt die Floskelmaschine mal upzudaten, um der Leserschaft Neues und Spannendes zu bieten und sie so anzuziehen, wird so der ehrliche Journalismus verhökert. Man hat schon jetzt das Gefühl, nur noch mit computergenerierten Versatzstücken gefüttert zu werden. Die Autorennamen sind mit Sicherheit nur Software-Bezeichnungen, Synonyme für 1en und 0en. So sieht wahre Leidenschaft aus!

Enttäuschung.

 

Foto von: Wes Washington

Benjamin

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