07 Dez

Glück auf, Glück auf! Der Steiger kommt! – Tradition und Identität

In der Öffentlichkeit ist es ein weit verbreitetes Wort: „Tradition“. Schalke ist ein Club von Tradition, der BVB, der FC Bayern, der SC Freiburg natürlich, Hamburg und Bremen ebenso. Was aber unterscheidet diese Clubs von den schwerkapitalistisch werbetreibenden RB Leipzig/Salzburg, VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen und etwas weniger offensichtlich Ingolstadt? Was genau stellt eigentlich die Tradition mit dem Traditionsclub an? Wo fängt sie an, wo hört sie auf?

Blau und Weiß, wie lieb ich dich!

Im Lateinischen bedeutet der Begriff traditio (traditionis, femininum) so viel wie Übergabe, Auslieferung, Überlieferung. Ausgeliefert wird jedoch nicht die Familienkaterpizza Quattrostagione am Sonntagabend, sondern etwas von kulturellem Wert für eine mehr oder weniger große Gruppe. Das, was diese Gruppe für ihre Werte hält, möchte sie deshalb bewahren, weil sie sich dadurch definiert. Die Tradition stellt also die selbstbewusste Identität der Gruppe dar, spiegelt demnach das Selbstverständnis dieser Gruppe wider.

Der Zeitwert spielt hierbei begrifflich noch keine Rolle. Selbst das markige „Wir leben dich“ und knackig-selbstauferlegte Leitbilder von gerade erst neulich zählen für viele Schalker irgendwie schon zur Tradition. Und auch dem nur unwesentlich älteren BVB-Claim „Echte Liebe“ misst man genug traditionelle Bedeutung bei, um den Reviernachbarn damit beim für ihn schmerzvollen Abgang der identitätsstiftenden Sympathieträger aufzuziehen. Je länger die Tradition aber zurückgeht, umso glaubwürdiger wird sie natürlich für den Einzelnen. Jedes Vereinsmitglied hat sein eigenes Verständnis solcher Traditionen, aber dennoch gibt es bei Grundpfeilern in einem Verein durch eine besondere Akzeptanz innerhalb der Gruppe eine große Schnittmenge dieser individuellen Vorstellungen. Bestimmte kulturelle Werte und Güter sind im Verein einfach Konsens. Ein solcher Konsens stiftet dem Verein die Identität, an dem sich rückwirkend die Vereinsmitglieder orientieren können, um ihre individuelle Identität zu prägen und in einem geschützten Rahmen auszuleben. Tradition bedeutet demnach auch eine gewisse Freiheit für das einzelne Mitglied, so lange dieser Konsens zwischen dem Mitglied und dem Verein besteht.

Vereinstradition beginnt bei Konsens und in der Unterscheidung von traditionsreich/-arm liegt mutmaßlich das explosive Potenzial der Diskussionen um die entsprechenden Vereine. Wo aber hört die Tradition auf? Da für den einen Verein bestimmte Werte zu dessen Identität gehören, gibt es auch entsprechende Werte, die dem zum Teil oder komplett widersprechen. Auch diese Werte können für Menschen natürlich identitätsstiftend sein. Finden sich diese Individuen zu einer Gruppe/einem Verein zusammen, entstehen Reibepunkte zwischen diesem einen und dem anderen Verein mit entgegengesetzten Vorstellungen. Je mehr sich die Individuen dieser Gruppenidentität annehmen, umso mehr entsteht dadurch ein Gefühl von „Wir gegen die“. Selbst, wenn es nur einzelne Werte sind, die sich nicht entsprechen: Durch die Gruppenzugehörigkeit erscheinen diese beiden Vereine mitunter als komplett unvereinbar. Das Stichwort ist „Strukturalismus“. Es ist eine psychologische Eigenart des Menschen, dass er nicht nur die Zugehörigkeit zu einer Gruppe anstrebt, womit er sich schon sicher und zufrieden geben könnte, sondern dass er sich in der Folge auch klar von „dem Anderen“ abgrenzt, mitunter ziemlich gewalthaltig.

Ob ich verroste und verkalke, ich gehe immer noch auf Schalke!

Tradition ist also kein objektiver Wert, den man erlangen kann, sondern wird von jeder Gruppe/jedem Verein unterschiedlich und dauernd neu besetzt. In der Öffentlichkeit wird dies jedoch eigentlich nie berücksichtigt, denn mit Tradition lässt sich gut Story schreiben. „Tradition? Nur wir! Die anderen: Niemals!“ Zack hat man den halbjährlichen Artikel übers Revierderby ins Netzwerk der Lokalredaktion gerotzt. Gähn.

Ob Freund oder Feind, Sympathisant, Egalsager, Skeptiker… Jeder würde bestätigen, dass alle Fußballclubs auf der einen Seite viele Gemeinsamkeiten haben, auf der anderen Seite durch viele Unterschiede geprägt sind. Gemein ist allen mindestens die Absicht: Wir wollen erfolgreich Fußball spielen und einen entsprechenden Club aufrechterhalten. Die Unterschiede liegen nicht auf der Hand. Das „Die sind halt einfach scheiße“-Gefühl wird oft nicht argumentativ und genauer belegt, außer mit Bauchgefühl. Dies ließe sich in unterschiedlichen Traditionen vermuten, die jedoch kaum einer im Detail vergleichen wird. Schon das Bauchgefühl verhindert es, auch nur eine Internetseite aufzurufen, deren Hintergrundfarben vornehmlich schwarz und gelb sind.

Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabszon…

Auf Schalke wird Tradition auf vielen Wegen übermittelt und hat einen hohen Stellenwert. Die Führung nutzt ihre sozialen Kanäle, das Magazin „Schalker Kreisel“, das Stadion und dort die Lautsprecher, um an Werte und Güter zu erinnern, die den Verein schon dereinst ausmachten. Die Merchandise-Abteilung lädt ihre Produkte teilweise historisch auf, um den traditionellen Aspekt hervorzuheben. T-Shirts im Look alter Trikots, Claims wie „Kumpel- und Malocherclub“ oder allein die Jahreszahl 1904 sind allesamt Bestandteil der Clubtradition, wie sie auch hiermit „von oben herab“ gesteuert wird. Ebenso die Musikauswahl im Stadion und selbst der Name „Knappenkarte“ spielen auf die Vergangenheit der Region und des Clubs an, die vor Ort die Werte bestimmt haben: Arbeit, Maloche, Kampf und Leidenschaft, Einsatzwille, Zusammengehörigkeit, Ehrlichkeit und viele Feinheiten mehr sollen zur Clubidentität beitragen.
Das Bier und die Wurst stehen nicht unbedingt in exklusiver Bergbau-Tradition, dafür sind sie jedoch im Kontext eines jeden Fußballspiels fest verankert. Verantwortlich für all solche Dinge zeichnet sich jedoch nicht der Traditionsbeauftragte aus der Region, sondern eine Marketing-Maschine, die sich die Tradition zum Hintergrundrauschen machen möchte. Bei mir persönlich hinterlässt das Beigeschmäcker, auch wenn einiges davon seine eindrucksvolle Ästhetik hat. Der Spielertunnel in Stollenoptik ist eine Wucht. Das Steigerlied verursacht Gänsehaut und macht mich bierselig schaudern, wenn zum Abendspiel die Lichter ausgehen. Die Wurst schmeckt mir auch vom metallischen Fettgrill fast immer, so lange man sie in genügend Senf tunkt. Und die schlichten Schals in blauweißer Retro-Optik finde ich irgendwie am schönsten.

Ich bin jedoch kein Maßstab. Ich bin ein einzelnes Figürchen, das gerne gegen neoliberalistische Strukturen kotzt, dabei weltoffen bleiben und jedem noch eine und noch eine weitere Chance geben möchte. Ich bin ein Kreis, der sich in großen Teilen mit dem Kreis der Vereinsidentität überschneidet. Niemals aber komplett. Ich suche mir aus dem Vereinskreis die Traditions-Angebote aus, die der Club mir macht. Und er macht mir viele. Andere Schalker nehmen andere Angebote an und führen sie sogar weiter. Aber volle Übereinstimmung mit dem Kreis des Vereins? In meinen Augen unmöglich. Im Zusammenleben entstehen somit neue Traditionen, denn die Vereinsführung hat auf deren Bildung kein Monopol! Ich persönlich empfinde die Kneipe „Auf Schalke“ an der Schalker Meile als mein persönliches Inferno. Aber sie ist immer proppevoll mit Menschen, die es total geil finden, Malle-Schlager in der Sardinenbüchse abzufeiern. Zweihundert Meter weiter findet sich die Kneipe der Gelsenszene, die auf noch mal andere Dinge wert legt. Im Stadion sitzen auf etwa 60.000 Plätzen mal mehr, mal weniger hochprofessionelle Pöbler, die es traditionell und immer wieder besser wissen. Das ist für viele Tradition! Dat is Schalke! Das sind viele Dinge, die mir widerstreben…

Deutscher Meister kann nur Schalke sein!

Und trotzdem sind wir qua Vereinszugehörigkeit eine Familie und ein Großteil der Familie käme nie darauf, ein Familienmitglied Hadehadeho-Hurensohn zu schimpfen. Ich frage mich immer wieder, warum wir nicht qua Sportart eine Familie sind? Oder noch schlimmer: Warum nicht qua Menschengeschlecht? Das ist mein Wert. Aber in der Vereinstradition zählt nicht nur mein Wert, sondern der gemeinsame Nenner, den bestenfalls alle verkörpern. Aber der Verein stirbt nun auch nicht, wenn ich Einzelheiten widerspreche. In der großen Gruppe gibt es viele individuelle Traditionen und alle gehen ihre Kompromisse ein. Wenn jetzt alle den Werner lynchen wollen, muss ich das nicht auch wollen. Ich bin ein weitgehend mündiger Bürger. Ist es Vereinsidentität, dem Gegner von vornherein Menschlichkeit abzusprechen, ihn „abschlachten“ zu wollen, wie es auf den Bannern zu lesen ist? Niemals. Ist es die Traditionsarmut, die „den Anderen“ wie RBL und RBS undsoweiter den Hurensohnstatus zukommen lässt? Auch dort gibt es mit Sicherheit Traditionen. Gewiss auch solche, die ich persönlich sehr zweifelhaft finde, aber immerhin ordnet sich Leipzig gerade sehr erfolgreich in die Tradition ein, recht erfolgreich Fußball spielen zu wollen. Nun noch nicht so lange wie mein geliebter S04, aber Zeit und Tradition… Es ist halt eine verhältnismäßig kurze Tradition.

Hadehadeho! Hurensöhne!

Und dennoch bekomme ich schwere Männergrippe bei dem Gedanken, solche Erscheinungen wie Wolfsburg, Leipzig und Salzburg einfach zu akzeptieren. Ich weiß auch, woran es liegt. Die andere, kürzere Tradition allein reicht mir nicht. Auch nicht, dass den entsprechenden Vereinen ihre Tradition vielleicht nicht so wichtig ist. Es ist das, was mir in meinem eigenen Club auch schon Grippe bereitet: Es ist das Gefühl, verarscht und ausgenommen zu werden und die Scheinheiligkeit, mit der dies betrieben wird. Es ist das Gefühl, benutzt zu werden. Es ist das Gefühl, dass der Sport missbraucht wird. Ideelle Wertevorstellungen und Gefühle fühlen sich künstlich an, wie Plastik. Das betreibt jeder Club mit seiner scheiß Marketing-Abteilung, nicht nur der böse Mateschitz. Das betreibt der Fanclub Nationalmannschaft powered by Coca Cola, wenn er zum Klatschen auffordert. Das wird vielleicht noch mürrisch belächelt. Red Bull tut dies jedoch so invasiv und hinterlistig, dass es mich schmerzt. „Ein Verein darf keinen Firmennamen tragen? Dann suggerieren wir den Firmennamen halt anderweitig,“ dachte sich ein gewitzter Marketingmensch. Studiert hat er sicher. Allein der Vereinsname ist ein arroganter Mittelfinger an den Sport, der zur Werbebande instrumentalisiert wird, mit der dann synthetisch Sympathien geweckt werden sollen. Dahinter steht der stumme Schrei nach Liebe eines werbetreibenden Großkonzerns, damit ich sein Produkt kaufe. Na wenn mein Geld ihm Liebe bedeutet… Bekommt er es erst recht nicht! Abschlachten muss ich ihn aber auch dafür nicht, denn es bleibt mir noch immer die Möglichkeit, anderen Traditionen zu folgen. Ich bin ein mündiger Mensch. Keiner will mir damit was wirklich Böses. Keiner will mir meine Freundin, mein Dach über dem Kopf, meinen Job, meine Identität stehlen, denn sie ist stark. Auch durch Schalke. Ich muss mich also auch nicht wie ein Gorilla verhalten und Uga Uga machen. Aber ich kann es unterlassen, die Brause zu trinken. Ich kann die geilen Extremsport-Videos „sponsored bei Red Bull“ auf Youtube vermeiden. Ich kann vermeiden, mich by Coca Cola powern zu lassen. Ich kann einen anderen Weg gehen und andere Kreise suchen, mit denen ich mich mehr überschneide. Niemand hindert mich, ich selbst zu bleiben. Das ist mein Wert und das ist meine Tradition, für die mein Lieblingssport steht.

Benjamin

Benjamin

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Exilbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang '86 | Wohnt in der anderen Stadt | Mag es dort | Die Katze heißt Vlad | Unheilbar gesund | Gitarrist | Viel zu schnell unterwältigt | Hat dem Webmaster neulich das Sie angeboten | Twitter
Benjamin

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Phipser sagt:

Danke für deinen großartigen Text.
Dass ich nicht in allen Punkten mit dir übereinstimme, liegt ja in der Natur der „persönlichen Tradition“. Bemerkenswert für mich war, dass du trotzdem so viel Raum für abweichende Meinungen gelassen hast. Einfach nur weiter so!

Benjamin sagt:

Vielen Dank! Freut mich sehr. Weiter mache ich selbstverständlich. ;-)