06 Dez

Alles Wie Immer

Traditionswoche im Web0.4: Weil das einzige, was gleich bleibt, ist, dass sich nie was ändert

Februar 1964: Ein kleiner blonder Junge, 7 Jahre alt, geht zum ersten Mal auf Schalke. Mit Vatta, weil auf Dauerkarte ist für Kinder umsonst. Damals als die weißen Hemden an den Leinen im Pott noch schwarz wurden vom ganzen Ruß in der Luft und die Welt auch sonst noch schwarz-weiß war.
Keine anderthalb Kilometer sind es von zu Hause zur Glückauf-Kampfbahn. Vater und Sohn nehmen auf der Haupttribüne platz. Frauen gibt es hier nicht. Fußball ist Männersache. Pommesbuden sind so modern, dass sie es noch nicht in die Stadien geschafft haben, aber vielleicht gewinnt Schalke und Vatta hat auf dem Rückweg 50 Pfennig übrig.

Mai 2001: Ein junges blondes Mädchen, 5 Jahre alt, geht zum ersten Mal auf Schalke. Papas alte Heimat ist drei Auto-Stunden entfernt, aber immerhin kein Eintracht-Fan wie alle anderen im Kindergarten.
Vorm Spiel zeigt Papa seiner Frau und den zwei Töchtern die Glückauf-Kampfbahn: Nur die Haupttribüne steht noch. Das Spiel findet im Parkstadion statt: Gegengerade. Noch schnell einen Döner mit viel scharf. Die Kleine klettert gespannt auf die Sitzbank. Das Spiel beginnt…

Und gleich zu Anfang eine große Chance für die Schalker: Braunschweigs Kaak fälscht eine Ecke ungünstig ab und entgeht dem Eigentor nur knapp. In der Folge ist ausschließlich Königsblau am Drücker, sodass die Eintracht sich nur noch in der eigenen Spielhälfte befindet. Nach einem Freistoß von Willi Schulz in der 23. Minute geschieht es: Gerhardt köpft an die Latte und Mattischak verwandelt im Nachgang auf gleiche Weise. Die Zuschauer in Gelsenkirchen sehen kein gutes Fußballspiel, denn der BTSV mauert auch nach dem Rückstand weiter. Doch Schalke kämpft und belohnt sich in der 65. durch einen Flachschuss von Waldemar Gerhardt. Schlusspfiff. Der Tabellensechste schlägt den Zwölften hochverdient mit 2:0. Ein kleiner Junge auf der Haupttribüne jubelt.

Der VFL Wolfsburg verfolgt seinen defensiven Spielplan zunächst konsequent und schafft es Böhme und Asamoah weitgehend auszuschalten. Die Tabellenführer finden keine Antwort und lassen gute Chancen des Gegners zu. Erst nachdem Libero Nemec vorrückt und mit Möller den Spielaufbau in der eigenen Hälfte vorantreibt gelingt es den Blau-Weißen anzugreifen. Ein langer Ball auf Sand bringt die Gastgeber in Führung. Kurz darauf dasselbe, nun schließt Mpenza ab: Eine 2:0 Pausenführung, die das Spiel merklich beruhigt. Keine weiteren Großchancen sind zu verzeichnen. In der 89. Minute herrscht Aufbruchsstimmung auf der Gegengerade. Man will den Mädchen das Getümmel nach Abpfiff ersparen.

Es geht nach Hause. Mama vom Sieg erzählen. Vatta setzt den Kleinen daheim ab, geht in die Kneipe „Zum Kreisel“ auf dem Schalker Markt. Wenn er dort klammert, knobelt oder Skat spielt, steht Wirt Bernie Klodt hinter der Theke und verkauft Glück Auf-Bier, Ültje-Nüsschen und Frikadellen. Wenn der Vatta dann angesoffen nach Hause kommt, bringt er vielleicht den einen oder anderen Schalkespieler mit. Dann muss Mama Schnittchen schmieren und der Junge wird geweckt: „Kumma wer da is!“

Hupkonzert auf dem Heimweg. Heiser von den Fangesängen und müde vom Jubel schlafen die jungen Schwestern auf dem Rücksitz ein. Am nächsten morgen werden Mama und Papa erzählen, das Spiel sei 2:1 ausgegangen. Unmöglich! Wir waren doch da! 2:0 stand auf der bunten Tafel. Die Eltern haben sicher nicht richtig hingeschaut. Der darauffolgende Stadionbesuch ist bereits in der neuen Arena auf Schalke, zunächst im Familienblock, aber seit dem Wolfsburg-Spiel immer bis Abpfiff.

Ein paar Jahre später hat man neue Methoden gefunden, um für umme ins Stadion zu kommen. Man spricht vorm Eingang alte Männer an: „Onkel nimmse mich mit rein?“ Wenn nicht, zum Zaun. Zwei Jungs lenken die Ordner mit den Hunden ab, die anderen Klettern über die Barrieren und rennen um ihr Leben Richtung Tribüne. Und bei Auswärtsspielen? Selbst bolzen. 2 gegen 2 auf Kellerfenster bis die Straßenlaternen angehen und Mama zum essen ruft.

Die Stadionbesuche inspirieren ein neues Spiel im eigenen Garten: „Dicke Männer schießen aufs Tor“: Es geht darum, den Ball aus möglichst weiter Distanz ins kleine Tor zu treffen, angelehnt an die Prä-Match-Animation in der Arena, bei der Fanclubs gegeneinander antreten. Papa gewinnt immer.

Das schöne an Tradition ist Nostalgie.

22.02.1964 21. Spieltag,
FC Schalke 04 – Eintracht Braunschweig 2:0 (1:0)
Schalke: Broden, Nowak, Horst, Becher, W. Schulz, Berz, Bechmann, Karnhof, Libuda, Matischak, Gerhardt
Braunschweig: Jäcker, Brase, Meyer, Schmidt, Kaack, Bäse, Moll, Dulz, Wuttich, Hosung, Weschke
Tore: 1:0 Matischak (23.), 2:0 Gerhardt (65.)
Spielstätte: Glückauf-Kampfbahn
Zuschauer: 13.000

05.05.2001 32. Spieltag,
FC Schalke 04 – VfL Wolfsburg 2:1 (2:0)
Schalke: Oliver Reck, Niels Oude Kamphuis, Tomasz Waldoch, Marco van Hoogdalem, Gerald Asamoah, Jiri Nemec, Michael Büskens, Jörg Böhme (Christian Mikolajczak), Andreas Möller, Emile Mpenza (Youri Mulder), Ebbe Sand
Wolfsburg: Claus Reitmaier, Waldemar Kryger, Thomas Hengen, Stefan Schnoor, Frank Greiner, Zoltan Sebescen, Dorinel Munteanu (Sven Müller)
Zwei stunden fahrt, aber immerhin nicht eintracht fan.
Tore: 1:0 Ebbe Sand (31.), 2:0 Emile Mpenza (34.) 2:1 Andrzej Juskowiak (89.)
Spielstätte: Parkstadion (Gelsenkirchen)
Zuschauer: 58.400

Zita

Zita

Fakten:
Pöbelbeauftragte | Studentin | Stimme der Witwen und Waisen | war beim UEFA-Cup Sieg zwei | Currywurst & Hackepeter
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Elchkuh04 sagt:

Gänsehaut pur!

Carlito sagt:

In Erinnerungen schwelgen. Sehr schön! Ja, da gibt Hühnerpelle! :)