03 Dez

Schwarz und Weiß. Aus Tradition.

Red Bull ist Scheiße. Investoren sind Scheiße. Vielleicht ist sogar der ganze moderne Fußball Scheiße. Ich weigere mich aber trotzdem RB Leipzig komplett scheiße zu finden. Und das hat einen ziemlich einfachen Grund.

Wer sind wir eigentlich, dass wir uns anmaßen, einer Stadt oder vielleicht sogar einer ganzen Region den Mittelfinger zu zeigen? Ihr das Recht absprechen, es gut zu finden, endlich wieder einen Platz im Oberhaus des deutschen Fußballs zu besetzen? Wer sind wir, dass wir sagen „Wir haben Tradition! Ihr nicht! Das ist unsere Liga!“.

Ich finde RB Leipzig nicht gut. Und ich finde RB Leipzig nicht schlecht. Das liegt daran, dass ich RB nicht gut finde. Leipzig aber. Das liegt daran, dass der Fußball im Osten des Landes sehr wohl eine große Tradition hat. Das liegt daran, dass der Fußball im Westen diesen geradezu ausbeuten durfte. Das liegt daran, dass ich mich für die Menschen dieser Stadt und dieser Region freue, dass sie endlich wieder da sind, wo sie damals aufgrund wirtschaftlicher Unfairness nicht sein konnten und durften.

Soll ich jetzt wirklich weinen und schreien und schimpfen, dass dies durch eine ganz andere wirtschaftliche Unfairness möglich gemacht wurde? Jetzt aber mal ehrlich. Ist unser eingetragener Verein, ist die Summe unserer Mitglieder, ist unsere Geschichte, unsere Tradition und unsere Lautstärke dafür verantwortlich, dass wir da stehen, wo wir sind? Oder hat das vielleicht auch was damit zu tun, dass ein in Deutschland verrufenes Unternehmen seine Stellung in Europa stärken wollte? Und dies im Übrigen auch sehr gut geschafft hat…

Diese Scheinheiligkeit kotzt mich an. Diese Arroganz kotzt mich an. Der Aufschrei, als ein reicher Mäzen einen Club irgendwo in der Mitte von Nirgendwo aus dem Boden hat schießen lassen ist längst verhallt. Jetzt gibt es den nächsten Aufschrei. Natürlich während wir uns genüsslich die von Medienprfois aufpolierten Unternehmens-News zu den neuesten Markterschließungen in Asien und im E-Sport reinziehen.

Zu dem wundert es mich doch, dass die, die am lautesten schreien, die sind, die eine Erscheinung des modernen, kommerziellen Fußball sind. Die, deren drittgrößtes Feindbild die Leute im eigenen Stadion sind, die behaupten, dass Anfang der Neunziger noch alles besser war. Die, die sich Anti-Kommerzialisierung auf die Fahnen schreiben, aber längst einer der wichtigsten Teile der Kommerzialisierung sind.

Es gibt nun mal keine unkommerzielle Haltung außerhalb des Boykotts. Da kann man noch so viele Banner hochhalten. Da kann man noch so viele Bögen um den Fan-Shop machen. So lange die Choreo unter dem Gazprom-Logo schön genug ist, so lange der Auswärtsgesang bei der Sky-Übertragung laut genug ist, so lange wir die Ränge jeder Spielstätte füllen, sind genau wir es, die den superkommerziellen Fußball möglich machen.

Es ist mir kein Anliegen, dass irgendwer Red Bull nicht als Übel betrachtet. Es ist mir auch kein Anliegen, dass irgendwer froh ist, Leipzig auf den oberen Rängen oder überhaupt in den ersten Ligen zu sehen. Aber es ist mir ein Anliegen, dass wir vielleicht mal endlich wieder herunterkommen und ein paar Graustufen – es muss ja nicht gleich Farbe sein – in unsere Köpfe lassen.

Bleibt auf dem Teppich. Und vor allem sportlich.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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Carlito sagt:

Ein generelles Problem in unserer Gesellschaft imo. Es scheint kaum noch grau zu geben. Sondern nahezu ausschließlich schwarz oder weiß.

Ser.Tralin sagt:

Was soll denn so ein Tobsuchtsanfall? Und dann auch noch in Bezug auf sowas.

Und was hat „die Region“ damit zu tun? Leipzig war halt die einzige Stadt ausreichender Größe , die es nicht geschafft hat, einen alteingessessenen Fussballverein in einer der ersten 3 Ligen zu halten (abgesehen vielleicht von Essen, aber die haben reichlich Nachbarn…), da ist dann Firma Mateschitz halt gelandet. Hätte im Prinzip auch überall anders sein können.

GEdevil10 sagt:

Die Ablehnung von RBL hat bei ziemlich niemandem etwas mit Ablehnung von Leipzig oder gar Ostdeutschland zu tun (das sage ich als jemand, der einige Jahre seines Lebens in Riesa, einer kleinen Industriestadt zwischen Dresden und Leipzig verbracht hat und die Leipziger nie leiden konnte, weil ich sie schon immer als Opportunisten empfunden habe). An RBL ist eigentlich nichts „Leipzig“, ausser dem Spielort, da hat nicht ein einziger Ostdeutscher irgendetwas zu melden! Die wirtschaftliche Ungleichheit nach der Wende haben sie auch einem Regime zu verdanken, dass viel zu viele von denen heute wieder herbeisehnen oder glorifizieren. Und wer hat eigentlich gesagt, daß die Bevölkerung von Leipzig ihre beiden Klubs mit Anziehungskraft so runterwirtschaften muss, inklusive riesigem Gewaltproblem? Vergleichen wir doch mal die Situation des VfB/Lok Leipzig von vor 25 Jahren mit der von Mainz 05! Wer hat die sportbegeisterte Einwohnerschaft von Leipzig eigentlich daran gehindert, den selben langen und harten, aber wohlgeplanten Weg von Mainz zu gehen? Wer hat die angeblich so begeisterungsfähigen Fußballanhänger in dieser Metropole daran gehindert, auch in unteren Klassen so zahlreich die Spiele zu besuchen, dass daraus auch ein finanzielles Gesunden ihrer Klubs zu erwirtschaften ist? Neben dem völlig unangemessenen Anspruch in wenigen Jahren von den Niederungen des Fußballs an die internationalen Fleischtöpfe gelangen zu können/dürfen, wird auch immer damit argumentiert, dass ein anderer Weg heute nicht mehr möglich wäre und dabei geflissentlich der Weg Darmstadts oder eben von Mainz ignoriert.
Es wird auch durch immerwährende Wiederholungen nicht richtiger gleichzusetzen, wenn ein Klub seinen durch Erfolge und anderweitig erarbeitete Anziehungskraft erworbenen Vermarktungswert von jemandem in bare Münze umwandeln lässt (die grenzen hierfür sieht jeder ganz anders) oder ob eben sich ein Unternehmen ein Werbevehikel schafft, dass keinerlei eigene identität hat.
Im Übrigen sind die Vorwürfe gegen Hoffenheim oder Wolfsburg mitnichten verstummt und Schalke war bereits vor Gazprom CL-Teilnehmer und das Sponsoring derer macht nur ca. 10% unseres Jahresumsatzes aus, das also unser relativer Erfolg wesentlich dem Engagement dieses „umstrittenen Unternehmens“ zu verdanken sei, lässt sich nicht wirklich belegen, zumal man durchaus davon ausgehen kann, daß man im Falle einer Trennung einen anderen Sponsor in zumindest annähernd ähnlicher Größenordnung finden könnte.