01 Dez

Es lebe die Tradition!

Als Rasenballsport Leipzig in die Bundesliga aufstieg, schwor ich: “Nicht mit mir!“ Ein Spiel meiner Mannschaft gegen diesen Retortenclub wollte ich mir nicht ansehen, geschweige denn besuchen. Mein Platz im Block sollte an diesem Tag leer bleiben, kein Tweet würde von mir ausgehen, ich würde Hashtags muten und die Berichterstattung meiden. Kurzum, ich wollte diese zusammengekaufte Truppe völlig ignorieren.

Und nun? Nun steht das erste Pflichtspiel der Königsblauen bei dem Blechclub an und ich schreibe an diesem Artikel. Ist es ein Umdenken? Ist es stille Akzeptanz dessen, was wohl für alle unvermeidlich ist? Fange ich etwa auch so an wie Teile der Sportjournalisten, die sich anfangs ablehnend äußerten, mittlerweile aber „total beeindruckt“ von der Performance dieser künstlich aufgeblähten Millionentruppe sind? Nehme ich RB Leipzig schon als Teil der Bundesliga hin?

Nein, das ist es nicht. Aber ich fühle mich schlecht, denn ich fühle mich schuldig. Und darüber zu reden bzw. zu schreiben soll ja bekanntlich helfen. Also, um es kurz zur Formulieren: Ich bin (mit)schuld an RB Leipzig!

Als ich den Fußball kennen und lieben lernte, gab es nicht einmal eine Kamera bei allen Spielen. Man musste darauf hoffen, bewegte Bilder von seinem Lieblingsverein in der Sportschau sehen zu können. Schalke war zu diesem Zeitpunkt zweitklassig, also gab es eigentlich nur Infos aus dem Radio oder der WAZ am Montag. Dann kam das Privatfernsehen, die ersten Live-Spiele. Ich habe keine große Erinnerung daran, denke aber, dass ich mich eher gefreut habe als böse darüber war. An die ersten Premiere-Jahre erinnere ich mich besser und weiß, wie aufgeregt ich war, als mein Papa mich das erste Mal mit in die Kneipe nahm um das Derby gegen Lüdenscheid zu gucken, was dann allerdings ganz schön in die Hose ging, da der Premiere-Key nicht freigeschaltet war und man 90 Minuten auf des verschlüsselte Bild starren musste. Zu Hause lief dann- trotz fehlendem Abo- meist das Topspiel der Woche samstags nachmittags. Die aktuellen Zwischenstände der anderen Begegnungen, die immer am unteren Bildrand durchliefen, waren nämlich auch im verschlüsselten Modus zu erkennen.

Als sich Schalke für den UEFA-Cup qualifizierte, lehnte ich mich nicht auf gegen unverschämte Anstoßzeiten( Meiner Erinnerung nach spielten wir zum Beispiel in Kerkrade am frühen Nachmittag, damit die Sender das Spiel überhaupt übertragen konnten) sondern freute mich über den Erfolg meines Vereines sowie natürlich den bequemen Genuss der Spiele vor heimischem TV.

Mein Verein baute ein neues Stadion und ich hatte schon ein Jahr vor der Eröffnung meine Dauerkarte gesichert. Zudem war ich froh, dass ich keinen nassen Hintern mehr bekomme. Gut, die Karte war teurer, aber das war es mir wert. Mittlerweile sind wir beim ca. drei- bis vierfachen von dem angekommen, was zur Jahrtausendwende für einen vergleichbaren Platz verlangt wurde.Das Stadion ist jetzt eine Arena mit Sponsorennamen, Fanbox, gesponserten Eckbällen usw. Eigentlich widerlich. Aber was ist? Noch immer bin ich im Besitz einer Dauerkarte.

Ich habe Plastikclubs wie  Wolfsburg und Hoffenheim ohne größeres Wehklagen hingenommen. Investoren sind zwar offiziell verboten, aber z.B. bei 1860 oder dem HSV längst am Werk und in der Mitbestimmung. Auch uns und Clemens Tönnies muss man in dieser Reihe mit Argwohn betrachten. Der ungeliebte Nachbar ging sogar noch einen Schritt weiter und verkaufte sich an die bzw. der Börse. Trotzdem freute und freue ich mich immer noch auf die Derbys.

Die immer weiter auseinander gezogenen Anstoßzeiten gehen mir zwar auf den Sack, ich versuche dennoch alles, zumindest kein Heimspiel im Stadion zu verpassen. Zudem trage ich mit meinem Sky-Abo einen Teil dazu bei, dass die TV-Gelder für die Clubs astronomische Höhen erreichen. Auch die aufgeblähte Champions League ist mir ein Dorn im Auge, gucken tue ich trotzdem. Und wenn sich mein Club dafür qualifiziert, dann ist ein Spiel gegen Real Madrid auch in der Vorrunde ein Highlight.

Der englische Fußball wird mit Geld nur so zugeschissen, die Ablösesummen schiessen in die Höhe und Spieler werden wie Vieh gehandelt. Einen Vertrag verlängert man nicht, um diesen auch wirklich zu erfüllen, sondern um den Marktwert zu erhöhen und bei Abgang des Spielers ein ordentliches Sümmchen einstreichen zu können. Drehe ich mich angeekelt weg? Nein, ich freue mich insgeheim, wenn mein Verein wie bei den Verkäufen von Jule und Leroy davon profitiert. Schlimm, oder?

Die Aufzählung ist weder sonderlich chronologisch, noch abschließend. Sie zeigt aber eines dennoch ganz deutlich. Das System Fußball ist krank, sehr krank. Und ich als Teil dieses Systems bin mitschuldig an dem Ausbruch und Fortschritt dieser Krankheit, weil ich einfach nicht früh genug zum Arzt gegangen bin. Jetzt ist es zu spät, ich muss damit leben. Heilung verspricht wohl nur noch absolute, vollkommene Abstinenz. So weit bin ich aber noch nicht. Dazu ist mir das Spiel, der Verein und allen voran die Menschen, die ich in Verbindung mit dem S04 kennen lernte und die teilweise Teil meines Lebens geworden sind, viel zu wichtig. Also muss ich auch mit dieser hässlichen Nebenwirkung RB, quasi dem eitrigen Furunkel in der Sackfalte, irgendwie zurechtkommen und es eindämmen, soweit es möglich ist.

Wie also damit umgehen? Ignoranz? Lauter Protest? Spruchbänder? Wut? Ich denke, jeder sollte seinen eigenen Weg finden. Solange das Ganze nicht in blanken Hass und Gewalt umschlägt, sollte auch jeder Protest gegen dieses Kunstprodukt akzeptiert werden. Das Furunkel aufzukratzen, führt nur noch zu mehr Schmerzen und vielleicht zu gefährlichen Entzündungen.

Nein, ich denke, man sollte sich dazu aufraffen, die schönen Zeiten und Stunden zu genießen, die man trotz einer Krankheit noch verbringen kann. Das können aktuelle Situationen sein, aber auch Erinnerungen an vergangene Zeiten, vergangene Spiele oder einfach schöne Momente, die wir mit dem geilsten Club der Welt erleben  und mit gleichgesinnten Menschen teilen durften. Diese Erinnerungen nimmt einem niemand und gibt „uns“ auch einen gehörigen Vorsprung vor den Dosenkunden.

Die laufen zu RB, weil dort Bundesligafußball gespielt wird. Derzeit erfolgreich, vielleicht bald als Meister-wer weiß. Aber die Kunden dort sollten sich nichts vormachen: Sollte sich eine Möglichkeit ergeben, dass die Marketingmaschinerie der Dosenbrause woanders eine lukrativere Möglichkeit bekommt, würde auch Leipzig fallen gelassen werden wie eine heiße Kartoffel. So erleben es ja die „Fans“ in Salzburg derzeit, vom versuchten Champions League Anwärter und Serienmeister in Österreich zur zweiten Geige und zu einem Ausbildungsverein für die Deutsche Bundesliga in nicht einmal einem Jahr. Aber gut, wer zu einem Marketingprodukt rennt, muss damit rechnen, auch wie ein Marketingprodukt behandelt zu werden. Mein Mitleid hält sich in engen Grenzen.

Mir jedenfalls sind Erinnerungen und Erlebnisse wichtig, da ich mit dem FC Schalke viel mehr verbinde als 90 Minuten Fußball gucken. Und wie mir geht es auch ganz vielen anderen. Beispiele: Matthias Berghöfer ruft zum Sammeln von Storys über Schalke auf, über 500 Texte kommen zusammen und bilden die grandiosen „1904 Geschichten“. In jüngerer Vergangenheit begaben sich hunderte Schalker auf die Mythos-Tour, standen im Smog von GE an einer vielbefahrenen Straße und fühlten sich durch Olivier in den Beginn des 20. Jahrhunderts zeitversetzt. Tausende Schalker sind es gar mittlerweile, die die Arena besichtigt haben. Menschen schauen sich ein leeres Fußballstadion an, betreten voller Ehrfurcht eine Umkleidekabine und fühlen sich ein bisschen wie Raul, wenn sie am Rand des Rasens stehen und auf die meist menschenleeren Ränge blicken. Gelebte Tradition allein durch Erzählungen, Erinnerungen und ein wenig Phantasie.

Ich mag so etwas und bin gerne bereit, auch meinen eigenen, ganz persönlichen Teil dazu beizutragen. Ihr auch? Dann macht doch mit bei der Web 0.4 Traditionswoche, mit der wir hier im Blog die anstehenden Spiele thematisch begleiten wollen. Freut euch auf die kommenden Artikel, kommentiert die Beiträge, schildert eigene Erlebnisse, zeigt euch und der interaktiven Fußball-Welt, was es für euch heißt, Schalker zu sein. Zeigt, dass Fußball mehr ist, als ein Werbeobjekt für koffeinhaltiges Bullenurin.  Es lebe die Tradition!

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

Letzte Artikel von Henning (Alle anzeigen)

Phipser sagt:

Der Fan einer Traditionsmannschaft erinnert mich in seinem typischen Gebaren gegen Retortenklubs, Investoren und hier RB Leipzig leider zunehmend an den clichéhaften AfD-Wähler: „Mein (Traditions-)Verein gehört hierher in die erste Liga, weil wir schon immer hier waren.“

Clickbait finished. Kommen wir also zum Punkt:
Tradition ist mittlerweile wenig mehr als das Marketingkonstrukt der alteingesessenen Erstligavereine. Das Schalke von heute hat herzlich wenig mit unserer letzten Meistermannschaft oder der legendären Schalker-Kreisel-Truppe zu tun. Der Fußball hat sich spätestens seit Einführung der Bundesliga zunehmend kommerzialisiert und Traditionsvereine sind diesem Trend nicht nur gefolgt, sondern haben ihn selbst initialisiert!

Traditioneller („reiner“) Fußball hat in der modernen Zeit keinerlei Überlebenschance mehr. Warum wohl sind zahlreiche DDR-Meister und Spitzenteams (wie der erste deutsche Meister überhaupt: der VfB Leipzig) nach der Wiedervereinigung sang- und klanglos untergegangen? Nicht wegen fehlender Tradition!

Es ist ganz einfach der Lauf der Dinge, dass der monetäre Wert hinter der zunehmend erfolgreichen Sportart Fußball entdeckt und genutzt wurde. Dabei rede ich nicht nur vom Sponsoring, also dem Verein als Werbefigur für fußballfremde Branchen. Nein, der größte ökonomische Wert liegt im vereinseigenen Fußball selbst als Unterhaltungsprodukt. Leipzig mag nur dazu da sein, um einen Getränkehersteller zu bewerben. Aber Schalke existiert auch nur noch dazu, um Geld aus der Unterhaltungsbranche Fußball und dem eigenen Fanpotential zu schöpfen. Der Verein gleicht gewissermaßen einem Filmstudio: die Schauspieler arbeiten nicht aus Spaß an der Freude oder Verbundenheit zur Kunst, der Konsumenten soll in erster Linie Geld für das Produkt bezahlen und die Fankultur wird auch nur deshalb unterstützt, weil die Verkaufsmöglichkeiten (beispielsweise durch jährlich neu erscheinende Kostüme oder nicht mehr zeitgemäße Feindschaft zu den Superhelden des schwarz-gelben Filmstudios) schlichtweg höher sind.

Letztlich unterscheidet Schalke 04 sich von RB Leipzig im Wesentlichen nur noch dadurch, dass Schalke langsam zum Kommerzkonstrukt umgewandelt wurde und den Fans immer noch (erschreckend erfolgreich) das Gegenteil weiß gemacht wird. Und darin, dass die Leipziger Schauspieler sowohl in den Werbeblöcken, als auch im Film selbst genüsslich die selbe Brause trinken.

André sagt:

Henning! Phipser! – Großartig! Jeweils inhaltlich treffend und plausibel formuliert! – Kann mal bitte jemand diesen ARTIKEL von Henning und daneben diesen KOMMENTAR von Phipser in einer groß angelegten Disputationsinitiative jeweils auf eine Doppelseite als „Pro und Contra“ in die Fanzines, ach, was sage ich, in die Wochenzeitungen der Republik, ach, Europas setzen lassen?? – Und dann vermute ich, dass die Leserschaft – wie ich – dem einen zu 98,5% zustimmen, während sie dem anderen zu 1,5% widersprechen wird.

Anto sagt:

Wie immer verneige ich mich vor euren Texten. Chapeau bas (sagt man in meinem Wohnort) vor euren Texten

Peter, Paul & Mary sagt:

Nun, es steht jedem frei zu einer Sportveranstaltung zu gehen, oder eben auch nicht. Du hast das „die Geister, die ich rief…“-Phänomen sehr schön auf den Punkt gebracht und geschildert, wie die Traditionsclub sich selbst peu a peu ad absurdum geführt haben. Und nein, Du hast nicht – wie zu viele andere – mit dem Finger auf DFB und DFL gezeigt – Chapeau! An einer stelle will ich mir erlauben, mal verbal reinzugrätschen. Du schreibst ja, dass es passieren könne, dass Red Bull die Lust verlieren könne und dann alles in Leipzig den Bach runtergeht und Du dann kein Mitleid hättest. Nun, aus Leipziger Sicht kann ich sagen, dass den allermeisten das bewusst ist, und dass auch keiner Mitleid erwartet. Wer gesehen hat, wie sich der Leipziger Fußball zwischen 1990 und 2010 so entwickelt hat – mit Feindschaften, Animositäten, egoistischen Führungsentscheidungen der beiden größeren Leipziger Traditionsvereine, ungezählten Insolvenzen, Neugründungen, Aufspaltungen, Refusionierungen, Startrechtübernahmen (Nein, das Thema ist keine Erfindung der Rasenballer!), usw. – wird feststellen, dass sich in Leipzig bei denen, die einfach nur Fußball genießen wollen (Mitwirken kann man ja immer noch beim kleinen Verein um die Ecke), so viel Ratlosigkeit breit gemacht hat und dann tatsächlich der Pragmatismus siegt: Unterhaltungsfußball gibt’s im Zentralstadion (das erledigen die Profis) und da wo ich mitbestimmen kann und will, kicken wir in der Stadtliga. Somit ist das von vielen herbeigesehnte „Schreckensszenario“ am Ende keins. Die Anhänger werden es schade finden, aber sich freuen, ein paar Jahre bei etwas hoch spannendem und interessantem dabei gewesen zu sein. Kann und muss man als Schalker vielleicht Scheiße finden, aber unter Berücksichtigung der Leipziger Fußballhistorie kann _ich_ den Pragmatismus gut nachvollziehen.

Liebe Grüße!

Peter, Paul & Mary!

Carlito sagt:

Kann mich den Vorrednern nur anschließen, großartiger Text Henning! Aber auch den Kommentaren von PHIPSER und PETER, PAUL & MARY kann und will ich nicht widersprechen. Wie ANDRÉ schon schreibt, „Und dann vermute ich, dass die Leserschaft – wie ich – dem einen zu 98,5% zustimmen, während sie dem anderen zu 1,5% widersprechen wird.“. Passt. ;)