28 Nov

Die Weitergabe des Feuers


Es gibt Spiele, die sind etwas Besonderes. Jeder königsblaue wird beispielsweise noch sagen können, wo er das 5:2 in Mailand gesehen hat oder wo er sich am 19. Mai 2001 befand. Ich werde auch „mein erstes Mal“ nicht vergessen. Gut, ist auch relativ einfach, war es doch der 4:1 Sieg gegen Blau Weiß 90 Berlin, der vor unglaublichen 66.000 Zuschauern den Verbleib in der Zweit!!klassigkeit sicherte. Ab hier gab es kein Zurück mehr, das blau-weiße Feuer war entfacht. Und dieses Feuer galt es gestern Nachmittag weiterzugeben. Meine zweite Tochter, stolze 04 Jahre alt, kam zum ersten Mal mit ins Stadion!

Ja, ich weiß. „4 Jahre? Viel zu früh!“ wird jetzt der ein oder andere denken. Hätte ich vor ein paar Jahren evtl. auch noch, zumal wir bei der großen bis nach dem 6. Geburtstag gewartet haben. Aber erstens ist  beim zweiten Kind alles einfacher, zweitens wollte sie unbedingt, (ihre gleichaltrige Freundin war schließlich auch schon mit und sollte auch diesen Sonntag wieder dabei sein), drittens hat der Papa mittlerweile eine Dauerkarte im Oberrang der Südkurve und nicht wie früher Stehplatz NK und nullviertens wäre ein geordneter Rückzug ja jederzeit möglich gewesen. Also, ausprobieren und schauen, wie sie es aufnimmt, wenngleich bei mir eine gewisse Nervosität natürlich vorhanden war.

Um 13 Uhr war es dann so weit, Trikot an, Schal um, Schalke-CD rein und ab ging es Richtung Gelsenkirchen. Die Stimmung im Auto war gut und spätestens beim „Ebbe Sand“ Lied wurde mitgesungen. Am Parkplatz angekommen, hieß es erstmal auf den Kumpel mit seiner Tochter warten. Ein Reisebus passierte uns und die blau-weißen Fahrgäste winkten freundlich. Hier kamen dem Kind wohl erste Gedanken über die Dimensionen auf: „Papa, war das ein GANZER Schalke-Bus? Der war aber voll!“ Mein „die wahrscheinlich auch“ verstand sie nicht, aber da hat sie ja auch noch ein paar Jährchen Zeit.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum Stadion merkte man ihr dann zum ersten Mal die Anspannung an. Den Blick auf die immer größer werdende Arena gerichtet war das Kind ungewöhnlich still und auch die „Weg-Wurst“ wurde ablehnend beschieden. Wir wollten rein! Nach den zum Glück relativ leeren Eingangskontrollen (Kurzer Hinweis für Parkstadion-Nostalgiker: Selbst Kinder werden mittlerweile komplett abgetastet, ihr müsst eure Flachmänner also auf anderen Wegen reinschmuggeln) zog es mich direkt zur Nordkurve. Ein kurzer Blick ins Stimmungszentrum soll und darf beim ersten Besuch nicht fehlen. Dachte ich zumindest. Das Kind war allerdings an der noch recht leeren Stehtribüne eher mäßig interessiert, von der Gesamtgröße des Innenbereiches aber durchaus beeindruckt.

Weiter ging es Richtung Südkurve. Nach einer Stärkung am Imbiss-Stand kam dann das unvermeidliche. Alle Eltern werden es kennen und genau deswegen Großveranstaltungen mit kleinen Kindern immer mit einem etwas komischen Gefühl besuchen: „Papa, ich muss groß!“ Bingo! Ich muss allerdings sagen, dass sich die abschließbaren Kabinen in der Arena in einem weitaus besseren Zustand befinden, als viele andere öffentliche Toiletten. Und beim nächsten Mal stimme ich dann vor der Kabine auch „Wir scheißen auf den BVB“ an, versprochen. Gestern war ich nur froh, da schnell wieder raus zu sein.

Im Block angekommen folgte das erste echte Highlight für das Kind. Erwin, live auf dem Rasen und ganz groß auf dem Videowürfel! Es ist immer wieder erstaunlich, was für eine Faszination diese Maskottchen bei den kleinen auslösen. Die Laune war also bestens und es konnte nun losgehen. Ich bin jetzt nicht unbedingt der große Gefühlsmensch, aber gemeinsam mit seinem Kind beim Vereinslied den Schal hochzuhalten und „Blau und Weiß“ zu singen, das sorgt schon ordentlich für eine Gänsehaut, das dürft ihr mir glauben! Kaum saßen wir, fiel auch schon fast das 0:1 für Darmstadt. War es vor dem Spiel noch ihre größte Sorge („Papa, wenn ich da bin, verlieren die bestimmt!“) nahm das Kind den Gegentreffer erstaunlich gelassen hin. Nicht so der Papa.  Kurz nach dem Gegentor und einem Einwurf für uns, bei dem so niemand die Anstalten machte, auch nur halbwegs in die Nähe des Balles zu gehen, musste ich meinen Unmut mal ein wenig impulsiver rauslassen. Gab aber nur einen etwas verstörten Blick von der Seite, so nach dem Motto: „Die hören dich doch da unten gar nicht!“ Recht hat sie, aber es geht nun mal nicht anders. So langsam wurde das Schalker Spiel auch besser und Sead nickte verdientermaßen zum 1:1 ein. Da es sich um eine gefährliche Szene handelte, standen die Leute bereits vor uns und das Kind konnte bei ihrem ersten Schalker Live-Tor leider nicht viel sehen. Gejubelt wurde trotzdem. Und wir hatten ja knapp eine Minute später schon die Chance, die nächste Hütte-dieses Mal vorbereitet auf Papas Arm- zu bejubeln, wenn Choupo den Elfmeter nicht so jämmerlich versemmelt hätte.

Durchatmen, weitermachen. So sahen wir eine drückend überlegende Schalker Mannschaft, die sich das 2:1 in der 2. Halbzeit redlich verdiente. Das nun schon jubel-erfahrende Kind brüllte artig den Spielstand mit und wedelte den blau-weißen Schal durch die Luft. Einfach schön! Kurz danach jedoch ein Stimmungsumschwung: „Ich möchte nach Hause! Die verlieren immer!“ Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich verstand was sie meinte, denn der Spielstand konnte es ja nun nicht sein. Es waren die leicht vertändelten und damit an die Orangenen abgegebenen Bälle, die ihr „Angst“ machten. „Kind, das ist der Choupo-Moting, das passiert ihm auch, wenn du nicht hier bist!“ reichte ihr dann als Antwort und sie stimmte munter in den „Schalalala“-Wechselgesang mit der Nordkurve ein. Die kurze Drangphase der Darmstädter haben wir dann verpinkelt, waren aber pünktlich zum dritten Tor der königsblauen wieder am Platz. Die Arena kochte, das Kind war glücklich und Papa in aller erster Linie erstmal froh über die drei wichtigen, völlig verdienten Punkte.

Ich kann also festhalten: Das Kind war in den 90 Minuten mal euphorisch, mal ein wenig gelangweilt, hatte zwischendurch keinen Bock mehr um kurz danach wieder inbrünstig mit schiefer Stimmlage Anfeuerungsrufe zu brüllen und verbrachte wichtige, potentiell spielentscheidende Minuten auf dem Klo. Oder kurz: Ganz der Papa! :-)

Auf dem Heimweg hatten wir den Parkplatz noch nicht ganz verlassen, da waren die Augen auch schon zu. Ich dachte mir nur: Zum 18. Geburtstag bekommt sie den Link zu diesem Artikel. Ich hoffe, dass wir uns dann gemeinsam in der Arena an ihr erstes Spiel erinnern können. Ich werde es jedenfalls so schnell nicht vergessen.  Der CD-Player spielte „Blau und Weiß ein Leben lang!“ Alles war gut.

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

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derwahrebaresi sagt:

Schöne Geschichte.
Ich werde dennoch nicht schon jetzt mit meiner Kleinen ins Stadion gehen.
Sie wird am Jahresende fünf.
Ich finde es ist zu laut für die „Zwergis“ in diesem Alter.

Carlito sagt:

<3 <3 <3

Hört sich nach einem gelungenen Tag an! :)

Schade, dass mich der TMS ereilte und es bei mir nicht für den Stadionbesuch und somit für ein kurzes Treffen vorm Spiel reichte. :/

Tobias sagt:

Wunderbarer Text.
Wir waren gestern nicht das erste mal da, aber mit drei Generationen. Ein Achtjähriger kann die Lieder wunderbar aus voller Brust gröllen. Und die Gänsehaut könnte sich auch auf die Augen ausweiten.
Immer wieder. Einmal das Feuer gezündet, brennt es hoffentlich ewig.

Johannes sagt:

Hach. Schöne Geschichte. Danke dafür und Glück auf!

MaikMcKenzie sagt:

Schön für Henning und seine Tochter. Wird mir denke ich mal auf Jahre nicht so gelingen. Erstens is schalke bei meiner Tochter „blöd“. Sie tendiert leider zum VFB. Was wissen 4 jährige schon :D
Ist halt 500km von GE entfernt. Wenn Sie älter ist irgendwann :-)

Maik sagt:

You made my day, kann mich den Vorrednern nur anschließen…eine sehr schöne Geschichte und vor allem noch schöner erzählt ;)