04 Nov

Einmal im Kreis

Ich lese momentan „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ von Walter Moers und der bauschigte Blaubär ist gerade an einer prekären Stelle angekommen. Er schlägt sich durch die Gehirnwindungen eines gewaltigen Kopfes, den ein gewaltiger Riese abgelegt hat, um am anderen Ohr wieder in die Freiheit zu gelangen. Es begegnen ihm vor allem die ganzen unbenutzten schlechten Ideen, die dem Riesen gekommen sind, aber von der Vernunft abgelehnt wurden. Denkt man nun an das Spiel gestern, scheint diese im Alltag sehr hilfreiche Schranke dem Free-TV-Reporter am Mikrofon niemals gegeben worden zu sein. Die schlechten Ideen und Gedanken sprudelten.

Es war kein herausragendes Spiel. Es war eines zum Bierholengehen und Beidehighlightsbeimpinkelnverpassen. Benjamin  Benedikt Höwedes resümierte diplomatisch: „In der ersten Hälfte lief nix zusammen, aber wir machen die beiden Tore.“ Man saß am Bildschirm und es war, als erwarte man den leicht bitteren Geschmack von Blumenkohl und bekomme dann aber den angenehm süßen Geschmack von Vollmilchschokolade. Überraschend gut, obwohl man langsam anderes zu erwarten hatte und sich freiwillig am Knappenkiosk angestellt hat. Nach dem Doppelschlag wurde es nur noch zweimal gefährlich. Man hatte einmal Glück und ansonsten Naldo, später Kolašinac, der irgendwann wohl den Wrestler-Namen „The Kante“ tragen wird. Es blieb insgesamt beim süßen Geschmack.

Lauschte man dem Sport 1-Reporter Markus Höhner, schien es jedoch bei ihm genau anders herum. Er erwartete beim gefühlt vierzigsten Pflichtspiel in vier Tagen ein Acht-Gänge-Menü und beschrieb es dann wie eine abgestandene, halbe Portion Lebertran, in welcher er die Haare des Kochs suchte. Ich bin jemand, der wirklich Spaß an Fritz „Im Wirtschaftswunder steckengeblieben“ von Thurn und Taxis haben und der sich auch an Wolf Fuss‘ affektiert-lockeren Gestus gewöhnen konnte. Woran ich mich aber nicht gewöhnen kann: durchgehend tendenziöses und einseitiges Meckerei-Rumgeballer in zwei dramatischen Akten, bei dem man merklich die Asympathien gegen den einen Klub heraushören kann. Es stört dabei ganz sicher nicht die negative Meinung über einen Verein, sondern vielmehr noch die Scheinheiligkeit, mit der das Spiel kommentiert wird. Im trügerischen Kleid der neutral-sachlichen Berichterstattung wird nur der einen Truppe böse Absicht unterstellt, wenn es Fouls gibt, die sich in der Intensität gleichen. Und „auf jeden Fall war das eine Gelbekartemindestens, also da musserja Gelb geben, achso, die Zeitlupe…“ Die Zeitlupe bekehrt dann und es sah dann ja doch gar nicht so schlimm aus. Grüne Karte. Nur den Spielern der einen Seite wird subtil konstante Spielschwäche unterstellt. Das sind in der Summe gewichtige Kleinigkeiten, die ein Reporter eigentlich kontrollieren können sollte: der Tonfall, die Wortwahl, die dann doch einen knittrigen Beigeschmack von vergammeltem Blumenkohl hinterlassen.

Das nächste Beispiel: Es wird von einer Stammelf gesprochen, in der dieser oder jener Spieler seinen felsenfesten Platz ja eigenartigerweise nach Rotation verloren habe. Negativnegativnegativ. Damit vergisst Höhner, dass es diese Stammelf in kaum einem Verein geben kann, der auf drei Hochzeiten gleichzeitig tanzen muss. Damit schürt er öffentliche Erwartungen an Einzelspieler, die keiner von ihnen jemals wird erfüllen können. Ausnahmespieler wie Benni Höwedes oder Phillipp Lahm spielen eine ganze Saison durch und ackern sich den Arsch weg, ohne jemals auch nur niesen zu müssen. Solche Elemente der Stabilität braucht es, vor allem in der Defensive, um der ganzen Truppe und dem Torwart auf diesem Niveau Sicherheit zu geben. Statt also hervorzuheben, wie bemerkenswert stabil die nun seit mehreren Wochen gleiche Dreier-Innenverteidigung den Kräften der Gegner trotzt, sind es irrsinigerweise Kola, Baba, Geis, Schöpf, Aogo, die ihren Platz in der vermeintlichen Stammelf verloren haben. Und wenn denn mal ein Innenverteidiger ausfiele: Ja, auf wen greife man denn dann zurück?
Höhner belegt mit solchen Kommentaren seine starre Vorstellung von Fußball, die in den 1980ern schon überholt war. Eine starke Mannschaft ist heutzutage flexibel und anpassungsfähig und genau das beweist Schalke derzeit: Flexibilität in den körperlich, Beständigkeit in den psychologisch intensivsten Rollen. Eine Anerkennung dessen bleibt jedoch aus. Als hätte S04 in der Sportjournalistengilde nach wie vor den Status des immerwährenden Clickbaits, aus dem man nur ein paar Stories rausprügeln muss, den Status der eierlegenden Wollmilchsau der hierzulände lächerlich oberflächlichen Sportpresse. Welches Prestige hat eigentlich ein Berufsstand, bei dem man in seiner alltäglichen Tätigkeit auf boulevardeskes Storytelling angewiesen ist, das man selbst erst mit dauerndem Waterboarding-Geschnatter, mit Laberboarding befördern muss? Ein ähnliches Prestige wie als Autor von Scripted Reality-Formaten. Das ist alles mögliche, aber kein Journalismus. Das ist Uga Uga. „Meine Sippe ist geil, deine riecht nach Furz.“ Es soll bitte nicht jeder Schalke affentittengeil finden. Aber den Subtext der Sprache mit triefender Abneigung zu füllen… feige. Vor allem, wenn Sprache dein Hauptberuf ist.

In der zweiten Halbzeit zeigte unsere bärenstarke Truppe dann die immer öfter aufkeimende Souveränität, mit der man schon die spielstarke Brussia am Wochenende eine komplette Halbzeit lang vom Strafraum fernhielt, was in den letzten Jahren noch niemandem gelungen ist, wie ich hörte. Nabil Bentaleb, Sead Kolašinac, allmählich Júnior Caiçara, Leon Goretzka, Matija Nastasić… The Machine kann einpacken.
Der Sender vermied zum Abschluss zunächst die Vermeldung des Gruppensiegs, um sein sensationsgeiles Storytelling aufrecht zu erhalten. Benni Höwedes zerschmetterte dieses Vorhaben im Interview, als er sich ungefragt über den sicheren ersten Platz freute. Laura Wontorra versuchte zerknirscht, den Faden der Geschichte für den Zuschauer nicht abreißen zu lassen. Er jedoch hätte ein mal im Kreis gegrinst, wenn es in seinem Gesicht keine Ohren gäbe. Ich tat es ihm gleich.

 


Foto: By Graham Crumb/Imagicity.com, CC BY-SA 3.0, gefunden in der Wikimedia.

Benjamin

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Melodie 1904 sagt:

Genauso würde ich es schreiben, wenn ich es könnte. Sehr gelungen?

Ganz starker Artikel! Ich hab Sky angehabt und kann deswegen das gestrige Spiel und Herrn Höhner nicht beurteilen, aber generell sollten Sportjournalisten ein gewissen Maß an Neutralität und Sachlichkeit an den Tag legen. Dies ist scheinbar Herrn Höhner gestern nicht gelungen, passiert aber vielen seiner Kollegen leider genauso häufig.

Carlito sagt:

Dem kann ich mich in allem nur anschließen!