01 Sep

Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen!

Jens Grembowietz, Kevin Kisyna, Salih Altin, Noah Korczowski, Djordje Babic, Hendrik Lohmar, Maurice Neubauer- Hand aufs Herz, wem sagen diese Namen auf Anhieb etwas? Na?

Ich löse auf: All diese Jungs sind bzw. waren Fußballspieler, die mit dem FC Schalke 04 in den letzten Jahren Deutscher U19-Meister wurden und sogar im Endspiel aufgelaufen sind. Ich gebe ehrlich zu, die letzten beiden Namen kann ich mit unserem Club in Verbindung bringen. Bei allen anderen hätte bzw. hat nur Google geholfen. Diese Spieler sind wohl nur unseren vielen Experten bekannt, welche die Spiele der Jugend häufiger und intensiver verfolgen, als ich es tue.

Ich hätte aus den Meistermannschaften natürlich auch Özil, Höwedes, Kolasinac, Meyer oder Sane raussuchen können. Hier hätte niemand nur ansatzweise überlegen müssen, wer das denn ist. Im Gegenteil. So ziemlich jeder Schalker könnte noch Details wie Marktwert, Ablösesumme, Trikotnummer, Schuhgröße oder Lieblingsgetränk beisteuern.

Zwischen Weltmeister und Westfalenliga liegen Welten, keine Frage. Nur ein paar Jährchen vorher sind die Unterschiede aber gar nicht so groß. Ich denke, wer es in den Kader einer U19-Meistermannschaft schafft, wird sicherlich Fußballspielen können. Oft entscheiden dann aber Nuancen über den weiteren Karriereweg. Die wenigsten schaffen es und werden zu Weltstars im Fußball. Einige mehr spielen immerhin in den höchsten europäischen Ligen und müssen sich um ihr Einkommen in den nächsten Jahren keine Sorgen machen. Die meisten aber verschwinden  in die unteren Profi- oder gar in die Niederungen der Amateurligen. Der Übergang ist fließend. Vom kommenden Topstar in den erweiterten Kader der Reservemannschaft geht es ganz schnell. Eine Verletzung und schon hat man den Anschluss verpasst, der neue Trainer hat seinen Kader gefunden und man kommt nicht zum Zug. Manchmal passt es auch menschlich nicht oder aber zwei meiner Mitspieler sind auf meiner Position eben einfach besser. Es gibt viele Gründe, warum es mit einer großen Karriere eben nicht klappt.

So -vielleicht- auch bei Kaan Ayhan. Eigengewächs, seit 1999 im Verein. U19-Meister. Bundesligadebüt. Champions-League. Das nächste hoffnungsvolle Talent der Knappenschmiede. Aber eben auch leider noch nicht mehr. Kommt in der letzten Saison trotz Verletzung von Höwedes und Nastasic nicht zu vielen Einsätzen. Auch beim Ausleihgeschäft mit Frankfurt in der Rückrunde kam er kaum zum Zuge. Wäre nun hinter Höwedes, Nastasic und Naldo maximal Verteidiger Nummer vier. Dahinter scharren mit Thilo Kehrer und Joschua Bitter zwei weitere große Talente schon mit den Hufen. Also nun der Weg in die Zweitklassigkeit zu Fortuna Düsseldorf. Ein völlig normaler Vorgang und derzeit wohl die beste Lösung für alle Beteiligten. Und wer weiß, vielleicht hat „Option-Don“ (Vielen Dank an Torsten Wieland vom Königsblog für diese Wortschöpfung) ja auch eine Art Rückholmöglichkeit, wie es ja auch bei Marvin Friedrich der Fall sein sollte. Alles in allem natürlich schade, wenn uns ein Eigengewächs verlässt, aber eben im Profifußball ein völlig normaler Vorgang.

 

Und dann kam:

„Der Heidel verschachert die besten Nachwuchsspieler der Republik. Holt dafür irgendwelche Nobodys und Hoffnungsträger aus dem Ausland. Kein einziger deutscher Spieler ist dabei. So etwas gab es auf Schalke noch nie!“

So war es gestern in einem Facebook-Kommentar zum Wechsel von Kaan Ayhan zu lesen. Klar, ist nur Facebook und auch nur die Meinung eines einzelnen. Mich ärgert so etwas trotzdem. Erstmal ist es respektlos den neuen Spielern gegenüber. Ich kann verstehen, wenn man sich mit Eigengewächsen besser identifizieren kann. Aber man sollte zunächst einmal jedem, der das königsblaue Trikot überstreift, die Chance und auch die Zeit geben, sich zu beweisen.

Zweitens wird damit Christian Heidel und auch Markus Weinzierl indirekt unterstellt, sie setzen lieber auf zugekaufte Spieler als auf die eigene Jugend. Der ein oder andere Schwarzmaler wird da sicher auch schon ein Ende der Knappenschmiede prognostizieren. Für mich völliger Bullshit. In der Startaufstellung beim ersten Bundesligaspiel standen mit Fährmann, Höwedes, Meyer und Kolasinac vier Spieler, die allesamt die Schalker Jugend durchlaufen haben. Bis auf Fährmann sind sie auf Schalke zudem zu Nationalspielern gereift. Mit Reese, Avdijai, Kehrer, Bitter und Neumann stehen fünf weitere Eigengewächse im Profikader. Auch Sivodedov und Tekpetey zählen im weitesten Sinne dazu, sind aber natürlich noch nicht solange im Verein. Ich glaube ein Team, in dem auf die eigene Jugend verzichtet wird, sieht anders aus. Und wer weiß, vielleicht ist die zusätzliche Konkurrenz auf den einzelnen Positionen für den ein oder anderen sogar Ansporn, sich noch weiter ins Zeug zu legen und zu verbessern.  Ich glaube zudem, das CH und MW ganz genau wissen, was sie da tun. Lassen wir sie doch einfach mal machen und sparen uns diese unsäglichen Beurteilungen nach gerade mal einem Spiel.

Leider ist mir an dem oben genannten Post noch etwas negativ aufgefallen. Ich kenne den Verfasser nicht und weiß daher nicht, ob er sich nur ungeschickt ausgedrückt hat oder tatsächlich eine „Besorgter Schalker“-Einstellung an den Tag legt und Wert auf die Herkunft eines Spielers legt. Ich hoffe ersteres, da es vollkommen egal ist, woher ein Spieler kommt. „Wichtig is auffem Platz!“ passt hier glaube ich ganz gut.

Und falls doch letzteres gemeint war und der Kommentator nun der Meinung ist, das „man das ja wohl noch schreiben darf!“: Klar, darf man. Aber dann ist man halt kacke!

Bild: Von Steindy (talk) 14:08, 18 November 2013 (UTC) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29705431

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

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Phipser sagt:

Schalke bot in den vergangenen Jahren stets ein einzigartiges Biotop für das junge Gemüse.
Da die Devise in den letzten Jahren stets hieß: SCHULDENABBAU, war der Profikader nie breit genug für drei Wettbewerbe aufgestellt, gleichzeitig aber gespickt mit diversen Spieler auf internationalem Niveau (und mit dem dazugehörigen Gehalt) um nicht komplett chancenlos da zu stehen, auch weil der gemeine Fan ja zufriedengestellt sein will. In der Transferphasen konnten also immer nur die nötigsten Löcher im Kader gestopft werden und über die Saison wurden dann Jugendspieler auf alle sich ergebenden Probleme geworfen (oder für die nun folgende Metapher besser: geschossen).
Das bringt natürlich auch seine Vorteile mit sich: Die Jungen erhalten früh viel Wettkampfpraxis, auch international und wer dem Druck standhält kann einen Raketenstart hinlegen. Gleichzeitig lockt die Aussicht auf Einsatzchancen talentierte Jugendliche aus aller Herren (Bundes-)Länder nach Gelsenkirchen. Ein stetiger Nachschub an Munition – meisterlich von Norbert in der Knappenschmiede geschliffen – ist also gegeben.
Sobald eine solche Rakete also durchstartet und mehr von der Welt sehen will als nur den kohleverstaubten Ruhrpott oder sie sich im Flug gehindert fühlt vom Rest des Teams und all dem zusätzlichen Gepäck – den Erwartungen aus der Fankurve, kann sie für viel Geld exportiert werden. Und man wird sogar noch von allen zukünfitigen Waffenbesitzern weiter subventioniert.
Und somit schließt sich der Kreis, denn was braucht man für einen Schuldenabbau, wenn nicht Geldeinnahmen?!

H3 sagt:

Kann man so stehenden lassen – d’accord!

Carlito sagt:

Klasse geschrieben, Henning!!!

Herr Wieland sagt:

Ich hatte den Kommentar in Facebook auch gelesen, und mein Puls ging auch sofort ein bisschen schneller. Letztlich versuche ich mir in solchen Fällen immer klarzumachen:

Schalker sind viele.
Es gibt immer alle Meinungen.
Machen sehen immer alles negativ.

Schwierig ist es, zu unterscheiden ob jemand ein kritischer Kopf ist oder zur „Sieht immer alles negativ“-Gruppe gehört. Dazu muss man sich eigentlich die Namen merken und häufiger auf diejenigen achten. Mir ist das trotz des Aufwands aber wichtig, denn ein Austausch mit kritischen Köpfen ist das Bereicherndste an social networks und immer ein Ziel von mir. Ein Austauch mit „Sieht immer alles negativ“-Leuten hingegen saugt mich aus wie es Dementoren mit Harry Potter tun, das versuche ich unbedingt zu vermeiden.

Zum Glück gehören zu dieser schlimmen Gruppe nach meiner Erfahrung gar nicht so viele, wie man gemeinhin denkt.

Jörg sagt:

Wie nahe Weltmeister und 5. Liga beieinander liegen, kann man im fall Grembowietz bei der WAZ nachlesen.

http://www.derwesten.de/sport/fussball/s04/jens-grembowietz-war-meister-den-schalker-weltmeistern-id9600409.html

Manchmal ist auch einfach die Stufe zu hoch, um sie auf einmal zu nehmen. Es benötigt dann 1 oder 2 Schritt mehr um in der Bundesliga zu landen. Beste Beispiele sind Danny Latza und Phillip Max. Um sich weiter zu entwickeln muss man spielen. Und das wird Ayhan auch. Ich bin überzeugt, dass wir ihn noch in der Buli sehen werden. Vielleicht auch wieder beim S04

BWG

Jörg