04 Aug

Lauthals die Fresse halten

Schalke ist den Lütten los. Die Reaktionen hierauf fallen vereinsintern und damit in der Fangemeinde wider Erwarten recht gelassen aus. Und das, obwohl die Journaillenrhetorik uns doch vielerorts anderes zu lehren versucht. Aber wir bleiben ruhig, haben trotz zunächst anders lautender Pläne alles schon erwarten können. Woran mag das liegen?

Ist es dem Schreiberprofi ein natürlicher Prozess, dass für einen frischgebackenen Pop-Star 50.000.000 (Millionen!) Euro aufgerufen werden, so äußert der analytisch-rationale Vereinsblogger mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit der ganzen Nummer Worte der Freude. In unserem Hause äußerte man sich wehmütig-stolz wie der Papa, dessen Köttel gerade das erste Mal „Schaalke“ sagte. So weit so überraschend. Nein wirklich: Es gibt keine Hasstiraden wie gegen die Judasse und Hobby-Gladbecker dieser Welt. Keine neue „persona non grata“ auf dem Berger Feld. Die Stories bleiben ungeschrieben. Der Boulevard munkelt schon, dies sei dem Ausland und damit der ausbleibenden direkten Konkurrenzsituation zuzusprechen.

Ich hingegen sehe vor allem Kapitän Heidel und seinen aktuellen und konsequenten Kurs als Grund dafür, dass man nicht wie ein Hühnerhaufen, der in jeder Fütterung den Schlachthof riecht, losgackert. Niemand zuvor konnte auf Schalke so lauthals einfach mal die Fresse halten wie der neue Manager. Kein Quatscher – ein Macher. Kein Schaumschläger – sondern ein bislang ehrlicher Mann der Tat.
Man sieht förmlich die Fragezeichen über den Schreibtischen der Redaktionen des BAMBAMBAM-Journalismus.
„Hau raus! Hau raus!“
„Ja was denn eigentlich?“
In allerhand veröffentlichten Texten liest man diese Verzweiflung mindestens zwischen den Zeilen. Nun ist das Web 0.4 schon häufiger durch Kritik an dieser Informationsaufarbeitung für den Anhänger aufgefallen, während die Empfindlichkeit der Leserschaft außer Acht blieb. Gekränkte Versuche des Öl-ins-Feuer-Gießens lassen sich in der Rhetorik des Boulevards auch derzeit immer wieder ablesen, nicht nur im Falle der Causa Leroy. Doch das laute Fan-Getümmel bleibt in dieser Saisonvorbereitung erstaunlicherweise aus. Wer derzeit den Weltschmerz in die Kommentarspalten säht, erntet nun reichhaltigen Gegenwind. Was vorher Abbild der typischen Schalker Skepsis war, ist nun ein „Verhalten non grata“.

Irgendwas macht dieser Manager auf der Großbaustelle in verdammt kurzer Zeit verdammt richtig. Er ist vorschlaghammermäßig stoisch, zeigt kreative Leidenschaft und tüchtigen Einsatz. Einem kleinen oha folgt ein nächstes kleines oha und ein nächstes großes OHA toppt die beiden vorherigen. Er inszeniert kleine Überraschungen wie der Lover sein Date. Er sammelt momentan Pluspunkte wie andere Briefmarken. Und er baut Vertrauen auf. Er ermöglicht damit Entwicklungsprozesse für die Mannschaft. Das haben ja auch andere schon irgendwie hinbekommen. Ein bisschen. Bemerkenswert ist aber, dass er auch der Anhängerschaft einen solchen Prozess anbietet, den diese – vorsichtig gemutmaßt – allmählich anzunehmen scheint. Der pragmatische Ansatz des neuen „starken Mannes“ strotzt vor Power und Selbstvertrauen, die dem Anschein nach auf große Teile der Anhängerschaft überspringen. So ist es schön. Denn wenn man zurückdenkt, ist das Schalker Selbstwertgefühl seit 2001 kaum mehr nennenswert gewachsen. Außer durch Raúl vielleicht. Mit seiner Bude gegen Hannover 96 hat er nicht nur den Ball, sondern auch unser aller Fußballseele herzig gestreichelt. „So einen wie Raúl bräuchten wir wieder!“ hieß es sehr oft in den letzten zwei Spielzeiten. Doch die Wehmut um dessen Abgang ist leiser geworden.

Sie wird übertönt durch das laute Schweigen des Christian Heidel.

Benjamin

Benjamin

Fakten:
Exilbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang '86 | Wohnt in der anderen Stadt | Mag es dort | Die Katze heißt Vlad | Unheilbar gesund | Gitarrist | Viel zu schnell unterwältigt | Hat dem Webmaster neulich das Sie angeboten | Twitter
Benjamin

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Carlito sagt:

Klasse geschrieben!

Ja, CH macht aktuell verdammt viel richtig. Und wir Fans scheinen dem Braten vorsichtig trauen zu wollen. Hoffen, dass er diesmal endlich der richtige Mann ist. Ich bin guter Dinge.

Auch wenn uns gerade mal wieder die Verletzungsseuche zu treffen scheint. :/