31 Jul

Typisch Schalke

‚Typisch Schalke‘ muss für etwas Positives stehen, für Leidenschaft, Fan-Treue für eine erfolgreiche Fußball-Philosophie, mit der sich die Anhänger identifizieren.“

Christian Heidel lässt kaum eine Gelegenheit aus, dieses Thema anzusprechen. Und natürlich hat er Recht. Aber woher kommt das Verhalten vieler Schalker? Warum lachen wir über uns selbst? Warum haben wir keine Waffe und lachen mit, wenn jemand Schalen-Witze erzählt?

Natürlich lässt sich diese Frage nicht vollumfänglich und abschließend beantworten, aber mögliche Ursachen finden sich reichlich. Vielleicht ist es auch einfach die Summe vieler Geschehnisse.

Auch wenn dieses Verhalten zu dieser Zeit noch nicht so – oder nach dem UEFA-Cup Gewinn 1997 nicht mehr so – präsent war: Eine dicke Wurzel findet sich natürlich im Jahr 2001. Erklären muss man hier nichts mehr: Wir sind der einzige Verein, der je ein solches Titeltrauma erleben musste. Nie habe ich gesehen, wie irgendwer sich schon als Meister wähnte. Frauen und Männer warfen sich schreiend auf die Knie, streckten die Arme in die Luft, umarmten sich, flippten komplett aus. Naja, eigentlich wie bei jedem Tor zu dieser Zeit. Aber in der Intensität eben mal Neunzehnhundertvier. Freudentränen schossen sogar in die Augen jener Kerle, die die Geburt ihres Erstgeborenen wegen eines Freundschaftsspiels verpasst haben.

Über die Gefühle, die Sekunden später eintraten rede ich höchstens mit meiner Therapeutin – hier werde ich sie nicht zu beschreiben versuchen. 2007 wurde dieser Stachel noch ein wenig mehr in das königsblaue Fleisch gerammt, als man sich wenige Spieltage vor Saisonende ausgerechnet mit miserablen Auftritten gegen die Revierrivalen die eine großartige Saison um ihren Abschluß brachte. Wir konnten einfach kein Meister.

Aber nicht nur diese offensichtlichen Wunden tragen zum Selbstbild bei. Vielmehr sind es die vielen, vielen Nadelstiche, die Schalke seither begleiten.

Ich denke zum Beispiel an die vielen erfolgreichen Stürmer, die auf Schalke plötzlich keinen Stich mehr machten. Oder andersherum. An die vielen, vielen Spieler, die nach ihrem Abgang plötzlich woanders aufblühten. Kaum ein Gelsenkirchener kann sich über die steile Karriere des türkischstämmigen Goldjungen aus der eigenen Stadt freuen – jagten wir ihn doch hier geradezu vom Hof.

Als nächstes wäre da natürlich das langanhaltende, unfassbare Verletzungspech in den letzten Jahren. Ungeachtet dessen, ob wir da objektiv gesehen wirklich schlimmer dran sind als andere Clubs: Wann immer wir das Gefühl hatten, ein konkurrenzfähiges Team auf den Platz stellen zu können, brach gefühlt mindestens eine Säule weg.

Für das einzige – im Nachhinein teuer bezahlte – Pflaster sorgte Felix Magath, als er zuerst die schillernde Figur Raúl und den Top-Stürmer Huntelaar aus dem Hut zauberte und uns kurze Zeit später – wohlgemerkt bei unterirdischen Vorstellungen in der Liga – ins Viertelfinale der Champions League und ins DFB-Pokalfinale führte. Auch wenn unter dem Nachfolger Rangnick die Reise bis ins Halbfinale weiterging und der Pokal gewonnen wurde – spätestens als der vermeintliche Heilsbringer nach nur sechs Monaten das euphorisierte Schalke wegen eines Burn-Out-Syndroms verlassen muss, ist alles wieder ‚Typisch Schalke‘: Sein Nachfolger, der Jahrhunderttrainer Huub Stevens, überwarf sich angeblich mit dem Team und scheiterte ebenfalls.

Man könnte diese Liste mit tausend kleinen Anekdoten fortführen.

Dass währenddessen der fast schon am Ende gewähnte Reviernachbar einen Titel nach dem anderen feiert und einen Spitzenspieler und Erfolgstrainer nach dem anderen aus dem Hut zaubert, ist das berühmte Salz in unseren offenen Wunden.

Die Stachel, die Nadelstiche, das Salz. Es schmerzt. Und wir alle hoffen, dass dies nun ein Ende hat. Wir alle hoffen, dass nun jemand am Ruder ist, der unsere Wunden zu verbinden weiß. Wir alle hoffen, dass wir wieder einfach stolz auf Schalke sein können. Wir alle wollen wieder Eurofighter sein. Wir alle wollen mit breiter Brust Derbys gewinnen und Favoriten schlagen. Und nicht viele zweifeln daran, dass das neue Schalke dies schaffen könnte.

Aber der erste Schritt – und das ist weniger eine Forderung als eine medizinisch Notwendige Maßnahme – muss auf dem Platz geschehen. Denn wir haben zu oft all unsere Emotionen in die Waagschale geworfen. Wir wurden zu oft enttäuscht. Wir sind nicht mehr bereit, euphorisch und optimistisch zu sein. Denn irgendwann ist die Fresse vom Hinfallen einfach zu blutig. Und dann helfen eben nur noch Galgenhumor oder eine minimale, geradezu destruktive Erwartungshaltung.

Herr Heidel, machen Sie ihren Job so weiter, wie Sie ihn bisher gemacht haben. Bringen Sie Schalke wieder in die Spur. Haben Sie Geduld mit uns, und fordern Sie Geduld von uns ein. Lassen Sie die Spieler am Saisonende Zwanzig-X etwas hochhalten. Und wenn es nur die Hände der Mitspieler sind. Und dann werden Sie auf den Rängen etwas erleben, was die Liga so seit langem nicht mehr gesehen hat. Versprochen!

Foto: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=175914

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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Jörg Kossin sagt:

Respekt, genau das ist es, was ich denke und fühle. Es ist alles gesagt mit diesen Worten, sensationell geschrieben.

Carlito sagt:

Typisch Schalke sehr gut in Worte gefasst!

m04 sagt:

Super Beitrag Andreas!
Glück Auf aus ebenfalls Bochum :-)