Einschüchterung der Aufsichtsräte?

Der große Vorsitzende unseres glorreichen FC Schalke 04 prescht wieder einmal mit einem mutigen Vorschlag vor. Der große Vorsitzende? Ach nee, ist nur der Vorsitzende der Kontrolleure des Vorstands. Kann man durchaus mal verwechseln. 500.000€, so heißt es in der Presse, sollen die Aufsichtsräte demnächst als Vertragsstrafe zahlen, wenn sie gegen die Verschwiegenheitsverpflichtung im Aufsichtsrat verstoßen.
Das ist ja mal schön. Ab sofort gibt es also keinen Geheimnisverrat mehr und Transfers werden erst verkündet, wenn die Tinte unter dem Vertrag getrocknet ist. Eine segensreiche Zeit steht unserem Verein bevor, dank dieser Idee unseres großen Vorsitzenden, ach nee, Aufsichtsratsvorsitzenden.
Oder kann man die Dinge auch anders betrachten? Versuchen wir das mal hier im Web 0.4, dem investigativen Blog im Schalke-Universum:

1.
Wieso erfahren wir überhaupt von diesem Vorhaben? Ist eine Vereinbarung zwischen Aufsichtsräten über eine Vertragsstrafe nicht selbst eine Sache, die der Verschwiegenheitsverpflichtung unterliegt? Oder darf man heute noch ungestraft über alle Dinge dampfplaudern, bevor man in die Portokasse greifen muss, wenn man es versehentlich doch tut? Oder gilt die Verpflichtung zur Verschwiegenheit tatsächlich nicht für den Sprecher des Aufsichtsrats, welcher der große Vorsitzender erstmal bis zum 26.06. dieses Jahres noch ist?
Gemessen an der Satzung unseres Vereins ist jedes Mitglied im Aufsichtsrat schon heute zur Verschwiegenheit verpflichtet. Das gilt dann aber konsequent auch für solche weiterführenden Ideen über Pläne, welche die Aufsichtsräte -bis hin zu deren wirtschaftlicher Existenz- sanktionieren sollen. Auch dieses Thema ist Aufsichtsrat-intern. Hat Clemens Tönnies also höchstselbst gegen die Verschwiegenheitsverpflichtung aus der Satzung verstoßen, wenn er dieses Thema publik macht?

2.
Oder ist dieser Vorschlag möglicherweise nur reine Stimmungsmache, weil es ein untaugliches Instrument zum Hüten echter Geheimnisse ist? Weil es prima klingt und der große, pardon, Aufsichtsratsvorsitzende sich im Wahlkampf befindet? Fragen über Fragen…
Was will Tönnies seinen potentiellen Wählerinnen und Wählern vermitteln? Er stellt fest, dass es in der Vergangenheit immer wieder undichte Stellen gab, wodurch Medien vom Interesse des S04 an bestimmten Spielern erfuhren. Dadurch kamen Transfers nicht oder zu überhöhten Preisen zustande. Das ist wohl richtig. Aber es schließen sich wieder Fragen an: Woher nimmt Herr Tönnies die Erkenntnis, dass dieses Leck ausgerechnet im Aufsichtsrat sei? Der Aufsichtsrat hat sich nicht in Verhandlungen mit Spielern und Beratern einzumischen. Das ist alleinige Aufgabe des Vorstands. Und erst, wenn der Vorstand mit einem Spieler dem Grunde nach handelseinig, hat der Aufsichtsrat die Daumen zu heben oder zu senken.
Dem gegenüber gibt es Dutzende von Menschen, die von potentiellen Verhandlungen mit anderen Personen wissen oder zumindest ahnen- es sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jeweils beider beteiligter Vereine, deren Familienangehörige oder ganz Externe, etwa Konferenzraumbetreiber oder auch Taxifahrer. Es gibt, was sich wohl nicht vermeiden lässt, Unmengen an potentiellen Mitwisserinnen und Mitwissern und auf der anderen Seite eine gierige Presse, die sich zwecks Auflagen- und Klicksteigerungen nicht zu schade ist, etwaigen Mitwissern Vorteile zu versprechen, wenn jemand plaudert. Business as usual. Leider. Und deshalb ist es ein völlig untaugliches Instrument, ausgerechnet denen mit Strafen zu drohen, die eigentlich als Letzte von möglichen Verpflichtungen erfahren.

3.
Geheimnisse des Aufsichtsrats müssen aber nicht nur solche über Transferverhandlungen sein. Auch wenn Herr Tönnies das in seiner Wahlkampfveranstaltung meinte. Man kann durch eine Vertragsstrafenverpflichtung jedwedes Weitertragen von Informationen unterbinden. Mancher Aufsichtsrat müsste um seine Existenz bangen, wenn er sich entschließt, etwas “öffentlich” zu machen oder nur einen anderen Menschen um Rat zu fragen, auch wenn er es für erforderlich hielte.
Wir haben im vergangenen Jahr ein Stück aus dem Tollhaus miterleben können, als das Aufsichtsratsmitglied Axel Hefer von seinen Kollegen im AR, dem Ehrenrat und dem Vorstand vorgeführt und sanktioniert wurde, weil er es gewagt hat, einen zur Verschwiegenheit kraft Gesetzes verpflichteten Rechtsanwalt mit einer Frage, den AR betreffend, zu beschäftigen. Der Ehrenrat sanktionierte Herrn Hefer mit einer dreimonatigen Suspendierung. Anschließend sanktionierte das Landgericht Essen unseren FC Schalke wegen dieser grotesken Fehlentscheidung. Natürlich durfte Hefer einen Anwalt beauftragen, die Geschäftsordnung des Aufsichtsrats zu hinterfragen. Er muss sogar dieses Recht haben.
Da stellt sich die nächste Frage: Soll durch eine drastische Geldstrafenandrohung solch ein Verhalten unterbunden werden? Sicherlich, wenn “nur” der Ehrenrat Maßnahmen ergreift und die auch noch so rechtswidrig, dass sie das Landgericht sofort wieder aufhebt, dann denkt man nicht zweimal darüber nach. Aber wenn es an die Existenz geht, ist man vielleicht doch eingeschüchtert und lässt es. Und tanzt weiterhin nach der Pfeife des Vorsitzenden.

4.
Man darf sich generell fragen, was der Aufsichtsrat überhaupt zu verbergen hat. Diese Frage stellt sich zumindest nach der Causa Hefer. Was ist so geheimnisvoll an der internen Geschäftsordnung des Aufsichtsrats, wenn allein die Weitergabe an einen zum Schweigen verpflichteten Rechtsanwalt als Kapitalverbrechen gebrandmarkt wird? Wieso dürfen die Mitglieder des Vereins Schalke 04 nicht wissen, wie das höchste Kontrollorgan organisiert intern organisiert ist? Es geht ja hier nicht um inhaltliche Geheimnisse, sondern allein um die Form der Entscheidungsfindung. Nun ja, aber es wird sicherlich seinen Grund haben, wenn die Veröffentlichung solcher Formalia schon Teile der Vereinsöffentlichkeit verunsichern würde. Ein Schelm….

5.
Und schließlich: Was ist, wenn man innerhalb des Aufsichtsrats unterschiedlicher Auffassung ist, wenn zum Beispiel Aufsichtsrat Q der Meinung ist, Aufsichtsrat X würde ständig und andauernd gegen Satzung und Leitbild des Vereins verstoßen? Natürlich dürfte er das nicht per se öffentlich machen, das erwarte ich von einem kollegialen Gremium. Aber wenn der Vorwurf krasserer Natur ist – darf er dann auch nicht unter Androhung einer eigenen Geldstrafe justiziable Schritte einleiten? Weil schon die kleinste Weitergabe von Informationen an einen Dritten intern bestraft wird mit einer horrenden Geldstrafe? Wer das fürchten muss, der wagt es im Zweifel nicht und nimmt die Satzungsverstöße des anderen Mitglieds einfach in Kauf. Nein, solche Verhältnisse kann man im Sinne des Vereins schlicht nicht gutheißen. Man soll und darf den gewählten Aufsichtsräten durchaus zutrauen, sich im Sinne des Vereins zu verhalten – dazu gehört auch ein kritischer, aber sachlicher Umgang untereinander. Eine Strafandrohung für geäußerte Kritik darf jedoch niemals sanktioniert werden. Wir sind und bleiben ein demokratischer Verein.

Fazit: Dieser neue Vorstoß von Herrn Tönnies ist blanker Populismus und wird dem Ziel, das er vorgibt, nicht gerecht. Sicher, ein Ziel, das sich jeder wünscht. Aber die gemeinten Lecks liegen woanders und nicht beim Aufsichtsrat. Stattdessen wäre eine Vertragsstrafenandrohung ein hervorragendes Instrument zur Unterdrückung der vereinsinternen Opposition, die sich im Aufsichtsrat immer mehr wiederspiegelt. Ich verstehe jeden im Aufsichtsrat, der diesen Knebelvertrag nicht unterschreibt.

Thomas

Thomas

Fakten:
Optimismusbeauftragter | linker Verteidiger |Höchststrafe | Veltinsultra
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