02 Jun

Müde

Bist du nicht müde von dem ganzen Chaos? Ständig läufst du über Halden und in Stollen, über heisse Kohle und kalte Asche, schleppst dich weiter (weiter, weiter), weil das doch so sein MUSS. Los, lauf schon los, wer sich nicht bewegt, wird auch nicht bewegt und da sind doch ohnehin schon viel zu viele Dinge, die einfach geschehen. Entschieden werden. Von oben.

Dein Herzschlag. Oft meine ich die Trommler unten vorm Spielfeld schlagen ihn. Dann wiederum stehe ich auf einer der vielen wunderschönen Halden, einige Kilometer entfernt, und da höre ich ihn auch, Deinen Herzschlag, Erinnerungen flüstern leise im Wind.

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Sag mal ehrlich: Bist du nicht müde vom Ärmel-hoch und Kopf-gerade, vom Spieltagsmaskenball und dieser lächerlichen Scharade-Parade-Pressekonferenz? Alles in schwarz-weiß, bloß du bist in Farbe. Königsblaust!
Bist du nicht müde vom Veltins, vom GAZ-gefüllten-fliegenden Böklunderwürsten, vom PROMinenten Gedöns , von den Sponsoreneuros, die sich an dich reiben, bis man fast vergisst wie Du eigentlich heißt?

Bist du nicht müde vom Hoffen und Beben, vom Zetern und Zittern und Bücken und Davonstehlen? Bist du nicht müde vom Verlieren in treuen Fan-Augen, vom Wegschauen, vom Hinsehen, vom Funktionieren, vom Taugen? Bist du nicht müde vom Seufzen und vom Beschweren? Bist du nicht müde von der Leichtigkeit und vom sich alles selber Erschweren? Bist du nicht müde vom Stehen und vom Sitzen? Vom Angstschweiß und vom ständigen Überhitzen? Vom nicht-schlafen-können und vom immer-überall-aber-nie-richtig-da?

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Bist du nicht müde vom Durchhalten und vom noch-mal-die-Kurve-kriegen? Vom Finden, vom Suchen und ALLES wieder verlieren? Bist du nicht müde? Dann hast du vielleicht schon aufgehört. Hast dich verkrochen und alles weggefühlt.
Vielleicht bist du aber auch an manchen Tagen zu müde, um aufzustehen. Zu weit weg, um noch hinzusehen. Vielleicht bist du ja mittlerweile einer von oben, der sich verliebt hat in fremde Augen. Scheiss auf Traditionen – her mit den Euronen! ?

Der letzte Blick auf einen Trainer, der jetzt auf Ansage, auf Knopfdruck verschwindet. Siehst du? Er geht einfach. Siehst du? Da ist er schon kaum noch zu sehen. Siehst du es? Sieh hin! Siehst du? Jetzt kannst du ihn schon nicht mehr sehen. Einer von vielen, vielen, vielen…

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Saisonpause. Ich gönn mir auf´m Stadtfest ´ne Wurst im Brötchen. Habe mir den Mund verbrannt, mit Veltins nachgespült. Tja. Vielleicht bin ich ja die, die stolpert und fällt, sich den Mund deshalb verbrennt, weil sie nie die hoffnungsvolle Fresse hält. Vielleicht macht mich all das Königsblau momentan so atemlos und leer. Vielleicht kommt aber ganz sicher bald wieder Konfetti in den Kopf. Feuerwerk in den Bauch. Und somit bin ich mit meinem dummen Fußballherzchen bald schon wieder zu allem bereit.

Libera

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Gleichstellungsbeauftragte a.D.
Libera

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Carlito sagt:

Toll geschrieben. Die typische Schalker Zerrissenheit gut eingefangen und in Worte gefasst.

FC Schalke 04 sagt:

Angenehm zu lesender Rückblick auf die letzte Saison:

Saisonrückblick auf Schalke 14/15