25 Apr

Pein

Weiß noch genau, wie sich das anfühlte: wenn mir die Eltern peinlich waren. Es hatte was Verbotenes, denn es waren ja die eigenen Eltern. Aber genau deswegen wurden ja auch die Arme nicht entsetzt in die Höhe geworfen, sondern eher stieg mir eine zartglühende Röte ins Gesicht.
Auch meine eigenen Kinder waren mir schon mal peinlich; schon Tabu, das überhaupt zuzugeben. Denn ich liebe sie doch. Entkräftend ließe sich immerhin sagen: nicht die Kinder, sondern ihr Verhalten war, welches mich ungenehm berührte.
Herzenssachen, obwohl doch Herzens Sachen, die einem unangenehm sind: Sie verursachen eine bestimmte Art Pein, eine Spur Bitterschmerz, ein Rotwerden wie bei einer kleinen Lüge, ein Lippenzusammenkneifen wie bei etwas, was man eigentlich nicht zugeben möchte.

Mein Lieblingsverein ist mir derzeit peinlich.

Ein Gefühl, ein Gedanke – gespürt, gedacht, verleugnet, ihm wieder begegnet, rot geworden, ihn akzeptiert, ihn zugegeben, ihn ausgesprochen, ihn hingeschrieben.
Ich finde den FC Schalke 04 in diesen Wochen peinlich. Warum, das ist ja sichtbar. Das ganze Gefüge ist ein komplettes Nichtzueinanderpassen. Spieler hinten und vorne, Mannschaft und Team, Anspruch und Wirklichkeit, Spiele und Punkte, Ziele und Leistung, Sprüche und Leidenschaft … nix passt zum anderen.
Ich habe einige Freunde, die anderen Fraktionen angehören. Die fragen mich: Und, bist du noch Schalker?
Ich nicke. Kneife die Lippen zusammen.

Habe schon lange überlegt, was mir im Grunde wirklich fehlt … jetzt mal außer Siegen, schönen Spielen, Punktgewinnen … begeisternden, sich bestätigenden (!), außergewöhnlichen Einzelleistungen von Schalker Jungspunden … und kam zu dem (vorläufigen) Schluss: Mir fehlt, dass es PASST! Nämlich das Gebotene auf dem Rasen zu den Versprechungen, oder andersherum: eine weise, demütige Vereinshaltung zur Platzierung in einer Liga, eine Abwehr zum Sturm, ein Stürmer zur Anzahl seiner erzielten Treffer … und so weiter und so weiter.

Keine Ahnung, wie es euch geht. Mir ist peinlich, dass die Blauen auf einem Ligaplatz stehen, der ihnen immer noch eine internationale Spielberechtigung zugesteht. Mir ist peinlich, dass Einzelspieler nach wie vor als „Weltmeister“ bezeichnet werden. Mir ist die ganze Stümperei peinlich.

Und warum? Weil ich Schalke liebe.

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
André

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Andrea sagt:

Dauerhaft war es nie leicht Schalker zu sein….
was bleibt ist zu hoffen, dass diese „Phase“ möglichst bald vorbei ist.
Was fehlt?
Charakter.

Ursula sagt:

Diese Situationen haben wir immer wieder!
Warum nicht endlich mal sagen: Wir sind nicht so gut, aber wir wollen es werden. Einsehen, dass man nicht zu den oberen gehört, ist schwer aber manchmal nötig, um voran zukommen.
Spieler abzugeben die nicht zu uns passen (ich sage nicht keine Leistung bringen)
Aber auch Trainer nicht zu entlassen, sobald etwas nicht so läuft. Die Ruhe bewahren wenn mal ein Sturm aufzieht.
Zusammenhalten! Und nicht alle gegen alle, jeder will jeden entlassen. Auch dreht man sich zu sehr nach des Volkes Meinung. Hier muss mehr Standhaftigkeit gezeigt werden, zusammen mit einem Ziel das realistisch ist.
Gemeckert gibt es immer, aber wenn man sich nicht wie das Blatt im Winde dreht, geht auch das vorbei.
Bei uns spielen lt. Volkesmeinung nur überbezahlte Söldner, überschätz und charakterlos. Jeder der woanders seine Leistung gebracht hat, werden hier schnell schlecht „geredet“? Warum werden Spieler schlecht? Form? Charakter? Ist es schwierig auf Schalke zu spielen? Sind die Erwartungen zu hoch? Die Fans zu emotional? Heute Meister – morgen Abstieg. Alle entlassen – aber teuere Superstars brauchen wir. Wer hat nicht schon alle die Facetten gehört.
Ich möchte alle schütteln und sagen, durchbrecht den Teufelskreis. Baut ihn Ruhe was auf und habt Geduld wenn ein Pass nicht ankommt.
Aber hach, ich glaube auf Schalke ist das nur möglich, wenn wir so richtig auf die Fresse fliegen. Vielleicht ist das im Moment der Fall.

Andrea sagt:

Ursula, klingt ja alles gut…
aber gefühlt waren Herrn Heldts erste Worte auf Schalke: wir bauen in Ruhe was auf… Das ist wieviele Jahre her?
Ich war auch immer der Meinung: Abwarten, das wird schon.
Wirds aber nicht. Und immer noch nicht, und wieder nicht und schon wieder nicht…
Ich bin kein Siegertyp, ich brauch keine Meisterschaft, aber lebendigen Fussball brauch ich. Und ob die Mannschaft gegen den Vorstand, den Trainer oder einfach nur gegen sich selbst spielt ist mir völlig egal, ich möcht doch nur wieder Fussball gucken.

andres sagt:

und das beklemmenste an der scham, ist die ahnung, dass es nicht passen will