Silberhochzeit

Sonntag, der 11. Juni 1989, 15:00 Uhr, Parkstadion Gelsenkirchen. Schalke 04 gegen Blau-Weiß 90 Berlin. Ein ganz wichtiges Spiel. Mit einem Sieg bleibt Schalke 04 in der 2. Bundesliga. Verliert man, droht der Absturz in die Amateur-Oberliga und die Existenz des ganzen Vereines steht auf dem Spiel. 66000 Zuschauer wollten sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen, zu diesem Zeitpunkt der absolute Zuschauerrekord in der zweiten Liga. Ok, die Eintrittspreise waren dank eines Sponsors stark herabgesetzt, aber trotzdem, die Zahl war eine echte Hausnummer.

Mittendrin ein kleiner, aufgeregter, 9-jähriger Junge, der an diesem Tag zum ersten Mal in das Parkstadion mitgenommen wurde. Mit seinem Vater saß er auf der Haupttribüne, staunte über diese Menschenmassen, die sich in den Kurven und auf der Gegengerade breit machten. Er spürte und sah die Angst in den Gesichtern der Sitznachbarn, als die Gäste mit 1:0 in Führung gingen. Er erlebte die Freude und die Erleichterung, die nach dem Ausgleich und der Führung im Stadion vorherrschten. Und er war Teil einer Ausgelassenen Feier, die sich nach dem Schlusspfiff auf den Rängen und auch auf dem Rasen abspielte, als hätte der Verein soeben die Meisterschaft nach Gelsenkirchen geholt.

Seitdem ist viel Wasser die Emscher entlang geflossen.  Der kleine Junge ist größer und auch um einiges breiter geworden. (Nein, nicht so wie Tim Wiese, mehr um die Mitte herum.) Viele Menschen traten in sein Leben. Einige gingen wieder, andere blieben glücklicherweise da.

Schalke blieb die ganze Zeit. Und der kleine Junge blieb dabei. Zunächst weiterhin mit seinem Papa auf der Tribüne, später dann mit seinen Kumpels in der Kurve und heute, neben den Freunden auch schon mal mit dem eigenen Nachwuchs, wieder auf der Tribüne. Unzählige Spiele hat er seitdem gesehen.  An viele davon hat er gute Erinnerungen. An einige auch weniger gute. Aber auch die gehören dazu. An seiner Leidenschaft für den Verein ändert sich dadurch eh nichts, wenngleich es sicherlich schöneres gibt als schmerzliche Niederlagen oder zahnärztliche Wurzelbehandlungen in Nachspielzeiten.

Dieser kleine Junge war bzw. bin ich. Seit 9131 Tagen ist der Verein aus dem bekanntesten Stadtteil Deutschlands Teil meines Lebens. Seit einem Vierteljahrhundert bin ich Schalker. Seit 25 Jahren lebe, liebe, leide ich mit dem FC Schalke 04.  Und das schöne ist- ich bin damit nicht allein. Sicher, der Verein hat sich in diesen 25 Jahren extrem verändert. Um das zu erkennen, reicht beispielsweise ein Blick auf Fotos vom Vereinsgelände in den 90ern und auf welche von heute. Die Zeiten, an denen man spontan ein Spiel besuchen konnte und an der Tageskasse eine Karte kaufen konnte, sind vorbei. Die Eintrittspreise haben sich mehr als vervierfacht. Längst ist der Stadionbesuch nicht mehr eine relativ günstige Freizeitbeschäftigung, sondern für viele Menschen echter Luxus geworden.

Dennoch, trotz aller Änderungen, trotz aller Höhen und-vor allem-trotz aller Tiefen, die der Verein in „meinem“ Vierteljahrhundert durchlebt hat- eines ist ungebrochen. Die Leidenschaft und die Hingabe der Fans. Diese können noch so viel meckern, murren oder pfeifen. Wenn es dem Club dreckig geht, sind sie da und stehen zum Verein. Ich denke, jeder, auch ich, hat schon mal innerlich gekündigt. „Die können mich doch mal kreuzweise, da gehe ich nicht mehr hin!“ Und wo stand man in der nächsten Woche? Richtig, in der Kurve oder zumindest mit dem Ohr am Radio oder dem Auge auf der Glotze. Viele ältere werden daher natürlich über diese Zahl nur müde lächeln, halten sie doch dem Club schon vierzig, fünfzig oder gar sechzig Jahre die Treue. „Blau und Weiß ein Leben lang!“ ist eben nicht nur ein Schlachtruf und eine tolle Marketingzeile, es ist vor allem eines: Die Wahrheit!

In diesem Sinne: Auf die nächsten 25!

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
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