Aufheben

Auf Schalke. Spieltagsende. Verloren. Ich streune kopf- aber nicht herzlos um die Arena. Gehe ziellos, suche nichts, brauche nichts, warte einfach nur noch ab, und alles, was ich noch habe ist ein Schuhkarton in meiner Hand. Denn da sind diese Sätze, die ich hörte vor dem Spiel, während des Spiels und die verstummten Stimmen nach dem Spiel. Sie tanzen umher, ziehen kleine Kreise, schwerelos, wenn ein Windstoß kommt bäumen sie sich nochmal auf bis sie den Boden berühren und liegenbleiben. Manche von ihnen hebe ich auf und packe sie in den Schuhkarton, lege sie vorsichtig zu all den anderen, die schon da sind und warten, und setze den Deckel wieder darauf. In den Deckel habe ich drei Reihen kleiner Luftlöcher gestanzt, denn ich habe sogar schon königsblaue Herzen vor der Arena aufgesammelt. Das waren Spieltage, die Herzen brachen. Und auch manche Sätze brauchen Licht, und manche Sätze müssen atmen. Ich bin wachsam, denn in meinem Schuhkarton, darin ist auch etwas von mir. Es ist etwas, das vor einigen Tagen aus Versehen aus meinem Mund fiel und mit Schwung auf der Straße in einem Laubhaufen landete, oder im Büro gegen die Wand donnerte. Denn auch ich meckere, schimpfe manchmal über meinen königsblauen Herzverein. Natürlich. Sonst wäre ich kein Fan.

Ich kann die Stimmen und Herzen nicht alle aufheben, manche Spieltage bin ich zu müde, mich um sie zu bemühen, und wenn der Karton am Ende der Saison so schwer geworden ist, dass ich ihn nicht mehr tragen kann, dann lasse ich die Stimmen auf dem Boden liegen. Dann hoffe ich, dass noch jemand kommt, der die Stimmen hört, erkennt, sie vielleicht nur kurz betrachtet oder gar welche von ihnen aufnimmt und mitnimmt.

Wenn der Karton zu kalt und zu schwer wird, öffne ich ihn manchmal zuhause. Auf dem Sofa, eingekuschelt in einer warmen Decke, breite ich die langen und kurzen Sätze, die halben Buchseiten, die Wörter, die kleinen zusammenhanglosen, bierdurchtränkten Wortgruppen, beschädigt mit Flecken von Wut, andere vom Zerdenken ganz mürbe, manche schon herzzerfetzt, aus. Einige sind aber auch so wunderschön, dass ich sie kaum mit meinen zittrigen Händen anfassen mag, dass ich sie nur mit einer Pinzette berühre, nebeneinanderlege und betrachte. Es ist leise im Raum und ich kann hören, dass manche von ihnen Musik sind, dass sie noch atmen und manche von ihnen singen. Sie leben. Ihre Vereinsliebe.

Eines Tages wirst auch Du vielleicht nach einem Spiel deine dort liegenden Worte wiederfinden, die Du einst dort verloren hast.

Libera

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Gleichstellungsbeauftragte a.D.
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