12 Mrz

Lieber WDR,

ich mag dich ja. Bin mit dir aufgewachsen. Und über das, was der WDR für fußballaffine kleine und große Menschen im Land immer bedeutet hat und noch immer bedeutet, müssen wir gar nicht mehr lang‘ sprechen.

Aber gestern hast du eine schlechte Sendung aufgezeichnet! Es geht um das WDR5-Stadtgespräch, gestern zum Thema „Damit Fußball wieder Spaß macht: Wer bändigt die Hooligans?“ im Harenberg-City-Center in Dortmund. Als einer von ca. 180 Besuchern im Säälchen und ein paar Dutzend mehr draußen vor der Tür habe ich die Themenführung live verfolgt.

Ich bin enttäuscht. – Warum?
Weil nicht eine mögliche Antwort auf die Fragestellung der Sendung probiert worden ist. Weil nicht einmal auf das Thema „Hooligans“ eingegangen worden ist. Weil damit allzu offensichtlich auf die Schnelle ein boulevardesker Begriff redaktionell verwendet worden ist, dessen Bedeutung während der Veranstaltung nicht erklärt und seine Schattierungen nicht geklärt worden sind. Weil mit einer derartigen Benennung einer konkreten, gesellschaftlich relevanten Zielgruppe deren Abgrenzung und Überlappungen zu anderen, zum Teil soziologisch verwandten Gruppenphänomenen hätte klar gestellt werden müssen. Die „Neuen Rechten“, neonazistische Bewegungen, Rassisten im Land, um und zunehmend wieder in den Stadien wurden zu Beginn der Veranstaltung zwei Mal seitens des Publikums ins Gespräch gebracht, diese Beiträge aber nicht aufgegriffen. Der Frage, mit welcher Definition sich hiervon wiederum die (in nicht übersehbarer Gruppenstärke im Saal und zahlreicher noch vor dem Raum anwesenden) immer wieder zitierten „Ultras“ abgrenzen, wurde nicht nachgegangen.
Enttäuscht bin ich, weil das Wort „Straftäter“ in regelmäßigen Abständen als common sense gedropt worden ist, immer aber in Verbindung damit, dass es ja nicht alle Ultras oder nicht alle Fußballfans seien. Nein, aber gewalttätige Nazis sind es – und zwar immer. Das festzustellen, hätte m.M.n. die Hooligan-Frage nach sich ziehen müssen, inklusive dessen, dass diese wiederum (Hooligans) auch nicht per se gewalttätig und damit Straftäter sind.

Ich bin enttäuscht, weil dein Moderator, lieber WDR, dem Thema nicht gewachsen war. Thomas Koch ist ein netter Weichkocher, aber kein Freund unangenehmer Wahrheiten. Seiner Funktion als Moderator hat er selbstverständlich „vermittelnd“ entsprochen, seine Furcht vor einem erbosten Publikum war jedoch spürbar.
Und weil die Gäste nicht wirklich in die Vertretung des Themas gegangen sind, einzig noch der Vertreter der Initiative „Sicher im Stadion“ mit seinen Zurechtstellungen gegenüber dem Innenminister. – Der BvB-Fanbeauftragte hatte keine Lust, sich in irgendwelche Nesseln zu setzen (Das kann ich nun nicht dir, WDR, vorwerfen. Aber Fanbeauftragte gibt es alternativ auch von anderen Vereinen …). – Die junge Praxisfeld-Forscherin hat sich mit ihren Beiträgen selbst überflüssig gemacht. Da hättest du, WDR, bestimmt auch gerne eine geschliffenere Kandidatin sitzen gehabt, denke ich mir. Aber auch diese Wahl bringt mich auf die heiße Nadel zurück, mit welcher mir das Programm gestrickt gewesen scheint. – Und der Minister, nun, dass er Meinungen und Stimmungen aus der Bevölkerung gerne an sich abtropfen lässt und seinen Polizeioberen dagegen wesentlich ernst zu nehmenderes Gehör schenkt, war bekannt. Dass er nun aber seitens des Moderators nicht aufgefordert wird, die anwesenden Leute als Fußballfans zu begreifen, ihre Stimmen zu hören, die in keinster Weise zielführende Wirkung martialischer Schutzkleidung von Beamten zu registrieren, statt das Publikum höhnisch zu verunglimpfen („Hier scheinen ja kaum Stadiongänger im Saal zu sein“), sorry, das war ein Beitrag zur weiteren Verfestigung der Kommunikationsblockaden zwischen den Staatsverwaltern und ihrer Exekutive (Polizei) auf der einen und „den Fans“ auf der anderen Seite. Diese aufzulösen sei doch vorrangiges Ziel, hört man, und dabei mitzuhelfen, schmückt sich der WDR. Weit gefehlt – nicht so wie gestern Abend, umso weniger, als dass Thomas Koch am Ende deiner Aufzeichnung nochmals beschwichtigend deiner Sendung zuschrieb, gerade diesen Dienst geleistet zu haben.

Dass dieses Thema zwei Wochen vor dem Derby ausgerechnet in Dortmund und nicht an neutralerem Ort stattfinden musste, verstehe ich überdies nicht. Dass ein groteskes Aufgebot an Sicherheitskräften die Besucher einer Diskussionsveranstaltung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt empfangen muss, verstehe ich nicht. Dass man nichts anderes als einen viel zu kleinen und „ungelenken“ Raum für diese Aufzeichnung hat bekommen können, verstehe ich nicht. Und wenn ich vieles nicht verstehe, bin ich auch deswegen enttäuscht.
Verstehen kann ich allerdings gut, dass ins Harenberg fast nur BvB-Fans gekommen sind. Wirklich von Interesse wäre gewesen, an einen Ort, sagen wir, auf der Grenze zwischen Herne und Castrop-Rauxel einzuladen. Dann hätte ich mich als Schalker wahrscheinlich nicht ganz so einsam gefühlt.

Wann Fußball wieder Spaß macht? – Fußball macht Spaß!! Das ist es ja gerade. Und deshalb wünsche ich mir, dass die Begleiterscheinungen Begleiterscheinungen bleiben, aber weder verniedlicht, noch dramatisiert, auf jeden Fall aber besser differenziert werden. Ich denke, das darf ich von meinem WDR erwarten, oder?

Auf ein hochgradig emotional bewegendes Fußballspiel in zwei Wochen, ohne Hass, ohne Missbrauch dieser Großveranstaltung und ihres Medienhypes, aber mit Leidenschaft!

Glück auf, dein SLib

Die Sendung wird morgen, am Donnerstag, 13.3., um 20.05 Uhr auf WDR5 gesendet, und am Sonntag, 16.3., um 23 Uhr wiederholt.

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
André

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skAndy sagt:

Sehr treffend. Weiterhin fragwürdig fand ich sowohl die Auswahl der Gäste, als auch die Moderation.

Der gesunde Menschenverstand abseits von den Extremen und ‚Gewalt ist blöd‘ kam leider kaum zu Wort und war auch scheinbar gar nicht so willkommen. Will ja auch keiner hören.

Dass sich, während im Innenraum diskutiert wird, ob eine übermässige Polizeipräsenz bei Fußballspielen von Nöten ist, draussen Polizisten formieren, obwohl schon der WDR-Sicherheitsdienst ‚drüber‘ war, ist dann schon sehr skurril.

Die Rhetorik des Herrn Jäger, der Fußballfans von Bürgern unterscheidet, aber Erstere in ihrer Vielfalt in allen Kategorien wild durcheinander wirbelt, muss hier gar nicht besprochen groß werden.

Strom sagt:

Sehr guter Artikel. Ich stehe auch im selben Fahrwasser deiner Kritikwut,wenn nicht sogar noch wütender,denn: Alle paar Tage erhält der WDR eine Lesermail von immer wieder enttäuschten Ex-Ruhris ,dem Ehepaar Hagemann. Kern der Kritik: Selbstüberschätzung und vormoderner Lokaljournalismus.