Mitten ins Herz

Der Gladiator steht bereits in der vollbesetzten Arena. Seine Rüstung glänzt in der tief stehenden Frühlingssonne. Unter dem noch offenen Visier seines Helmes blitzt ein hämisches Grinsen hervor. Er weiß, dass er auch diesen Kampf gewinnen wird. So wie er bisher jeden Kampf gewonnen hat.

Zwar ist der heutige Gegner gewiß mehr als nur Löwenfutter. Aber einem Spitzen-Gladiator wie ihm kann ein Knappe wie er nicht wirklich etwas anhaben. Außerdem ist dieser Knappe geschwächt. Denn bereits in der Woche zuvor stand er in der Arena und ging schlußendlich zu Boden. Gegen einen Gegner, der schon eher in die Kragenweite des Gladiators passen würde. Nur mit Glück hat der Knappe überlebt. Nun will das Volk sehen, dass der Gladiator ihm den letzten Rest gibt.

Auch die Familie und Freunde des Knappen sitzt unter den Zuschauern. Und auch sie wissen, dass der Knappe kaum eine Chance hat. Doch insgeheim hofft jeder von Ihnen auf ein kleines Wunder. Und sollte es auch am Ende nicht reichen: Sie hoffen wenigstens, dass er sich, wenn er schon dem Tod geweiht ist, wenigstens erhobenen Hauptes verabschiedet und dem Gladiator bis zuletzt die Stirn bietet.

Doch es kommt es, wie es kommen muss. Als der Knappe unter dem Spott des restlichen Publikums in die Arena gelassen wird, stürzt der Gladiator direkt auf diesen zu und rammt ihm seinen langen Speer in die Brust. Das Kurzschwert des Knappen reicht hingegen nicht mal in die Nähe seines Kontrahenten. Nur einmal, als der Gladiator ungeschickt seinen Arm in Richtung des Schwertes schlägt, verletzt er sich und blutet etwas. Doch er lacht nur höhnisch und versetzt dem Knappen einen weiteren, letzten Hieb, der daraufhin endgültig zu Boden geht und nicht mehr aufsteht.

Der Gladiator verlässt unter tosendem Applaus die Arena und schenkt dem Knappen keine Beachtung mehr. Dieser liegt röchelnd auf dem sandigen Grund der Arena. Doch er grinst. Zwar wurde er nahezu abgeschlachtet, aber er lebt noch. Er kann sich nicht bewegen, jedoch weiss er, dass er wieder auf die Beine kommen wird. Er wird sich ein weiteres Mal in der Arena beweisen müssen, aber die stärksten Kontrahenten hat er nun überlebt.

Er dreht langsam den Kopf und sucht mit letzter Kraft die Tribüne nach seinen Freunden ab. Er will sich bemerkbar machen, zeigen, dass er noch lebt, und das alles halb so schlimm ist. Doch als er seine Familie und seine Freunde endlich auf der Tribüne ausgemacht hat, sieht er, dass diese sich schon längst von ihm abgewandt haben. Manche prosten sogar beglückwünschend dem Sieger zu.

Er lässt seinen Kopf zurück auf den Boden fallen, schließt die Augen und denkt: „Okay! Viel schlimmer kann die Hölle nicht sein.“

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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