15 Jan

Mein Schal(ke)

„Ein Schal ist ein langes, schmales, rechteckiges Tuch, das um den Hals getragen wird.“ So weit, so Wikipedia. Dass so ein Schal auch modisch absolute Extraklasse sein kann, dürfte unter anderem unser Bundestrainer längst bewiesen haben. Auch zur modischen Grundausstattung eines jeden Fußballfans gehört ein – im Optimalfall blau-weißer – Fanschal. Egal ob Ultra, Kuttenträger, Fußball-Opi, Anzugfan im VIP-Bereich oder Steppke im Familienblock. Der Schal vereint die unterschiedlichsten Anhänger wie kein anderes Fanutensil. Demzufolge überrascht es wenig, dass es den Schal in unzähligen Varianten gibt. Schlichte Blockschals, dekadente Karo-Schals, Schals mit Liedzeilen oder Treueschwüren auf den Herzverein, Schals des Sponsors in Vereinsfarben, Schals zur Spielstätte, zu jedem einzelnen Titelgewinn und – in meinen Augen leider –  auch Schals, auf denen die Abneigung gegenüber anderen Vereinen ausgedrückt werden soll. Kaum ein Fanclub, der keinen eigenen Schal hat. Kaum ein Spiel, zu dem es ihn nicht gibt: den ultimativen Spieltagsschal.

Meinen ersten eigenen Schal dürfte ich vermutlich 1999 im Zuge meines ersten Besuchs im Parkstadion bekommen haben: „Olaf Thon 10“ und „Schalke 04“ prangt in fetten weißen Buchstaben auf dem königsblauen Stoff. Seit 2008 stehe ich bei so ziemlich jedem Spiel in der Nordkurve. Der Schal war immer mit dabei. Manchmal um den Arm geknotet, manchmal locker über die Schultern geschmissen, manchmal um den Hals gewickelt. Immer so, wie ich es grade am coolsten fand. Vor irgendeinem Spiel habe ich ihn dann nicht mehr wiedergefunden. Ein Drama! Nicht weil ich diesen Schal so besonders fand, sondern weil es für mich ein absoluter modischer Fauxpas gewesen wäre, mich ohne Schal in der Kurve blicken zu lassen! Also bekam ich für dieses Spiel den Schal meines Vaters – ein Traumschal!

Zunächst einmal einfach nur deswegen, weil es Papas Schal war und Sohnemann stolz wie Oskar war, den tragen zu dürfen. Auch nachdem mein alter Schal im Chaos meines Zimmers wieder auftauchte, wollte ich ihn nicht mehr zurück. Denn der neue – aber alte – Schal hatte es mir angetan. Das „Baujahr“ 1991 war in den äußersten Rand des Schals gestickt. Damit war dieser Schal zwei Jahre älter als ich. Und wer kann schon von sich behaupten, einen Schal zu tragen, der älter ist als man selbst? „Die Superfans vom Parkstadion“ stand unter anderem auf diesem Schal. Ich, der ich nur ein einziges königsblaues Pflichtspiel im Parkstadion gesehen hatte, war stolz darauf!

Der Schal wurde zu meinem stetigen Begleiter in der kalten Jahreszeit, und zu einem blau-weißen Stachel in meiner zeckenverseuchten Schulklasse. Keine Jugendfreizeit, kein Urlaub und kein Wochenendtrip, bei dem er fehlen durfte. Für mich war klar: mit diesem Schal wollte ich die Welt bereisen ;-). Doch es kam anders: Seit dem Auswärtsspiel in Mainz, im September vergangenen Jahres ist mein Schal spurlos verschwunden. Ich hätte lieber mein Trikot, mein Portemonnaie oder sogar mein Handy verloren. Das mag verrückt klingen, geht es doch schließlich nur um ein Stück Stoff, dessen Enden nur noch spärlich befranst waren, da die kleinen weißen Fäden mit Vorliebe in den Reißverschlüssen meiner Winterjacken verendeten. Aber dieses Stück Stoff ist für mich mehr gewesen als nur ein 0815-Schal. Darin hängen Geschichten, Erinnerungen und Flecken der Currysauce vom Würstchenstand vorm Sportparadies, wo ich eine spieltägliche Zwischenmahlzeit einzunehmen pflege. Vielleicht steckt auch noch etwas Berliner Luft vom Pokalgewinn 2011 in ihm, der Geruch des Derbysiegs in der verbotenen Stadt oder Bissspuren vergangener Schalke Krimis.

Eines steht jedenfalls fest: mit diesem Schal wurde man angesprochen. Unzählige Male wurde mir während des Vereinsliedes mit dem freundlichen aber bestimmten Hinweis auf die Schulter getippt, ich halte meinen Schal falsch herum. Ich habe ihn nie (!) falsch herum gehalten, der Schal war lediglich so „konstruiert“, dass eine der beiden Seiten immer auf dem Kopf stand – also die, die hinter mir stehende sehen konnten. Beim Auswärtsderby 2012 stand neben mir jemand mit dem gleichen Schal und wir sind darüber ins Gespräch gekommen, fast so wie Autoliebhaber über einen seltenen Oldtimer ins Gespräch kommen. Es war eben ein ganz besonderer Schal. Um meine Trauer über den Verlust  zu mildern ist mittlerweile zwar für einen optisch identischen Ersatzschal gesorgt worden, aber das Gefühl mit dem ich ihn trage ist nicht das gleiche. MEIN Schal ist weg. Modisch ist das wahrscheinlich kein Verlust, trage ich diesen Winter (falls man ihn als solchen bezeichnen kann) doch zum ersten Mal einen modernen grauen Schal. Aber ich vermisse ihn trotzdem: meinen Schal!

Gastautor: Tulemani

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Kuzorra sagt:

Schöne GEschichte.

Den einen besonderen Schal kann man halt nicht ersetzen.

Thomas Busch sagt:

Jupp , sehr schöne Geschichte , so geht’s mir auch , nur das -MEIN – SCHAL aus den 90igern war und meine Verflucthe Ex Ihn Entsorgt hat . Hab selbst ein Double bis heute nicht gefunden .