15 Jan

Der sprechende Ball

Wir schreiben das Jahr 2014. Die erste Hälfte der Zauber-Fußballbundesliga ist vorbei und das Transferfenster somit wieder geöffnet. Die Winterpause neigt sich dem Ende zu und die derzeitigen Fußball-Zauberligaspieler machen sich wieder mal auf den Weg zu einem ihrer Stadien. Laut wechselnder Reihenfolge ist dieses Mal Schalke dran, so dass sich die Akteure aller Vereine auf den Weg nach Gelsenkirchen machen.

Wie jedes Jahr wird sodann in einer feierlichen Zeremonie entschieden, welcher Spieler bei welchem Verein bis zum Saisonende Fußball zauberspielen darf. Und das traumhafte: Ich darf diesmal dabei live sein! Am Eingang meiner Kurve halte ich das Ticket für diese Zeremonie in meinen vor Freude zittrigen Fingern, und eile nach Durchlass rasch ins Innere meines Herzstadions.

Die Arena ist bis zum Oberrang gefüllt mit all den kleinen und großen Stars und tausenden von Fans, und ich bin mittendrin. Die Vorgehensweise ist bei jedem Ende des Transferzeitfensters dieselbe: Vor der gesamten Zauberligaschaft wird nun jeder Spieler einzeln auf das Feld zum Mittelpunkt gebeten. Dort wartet „der sprechende Ball“. Dieser ist das älteste bekannte Exemplar Rundleder. Er ist abgewetzt und dreckig und man sieht ihm sein Alter förmlich an. Dennoch umgibt ihn eine Art Glitzerzauber. Und wenn der jeweilige Spieler auf dem Feld den sprechenden Ball ankickt, kommen nach dem Schuss Worte mit der respekteinflößenden Stimme eines alten weisen Mannes aus dem Ball hervor.

Denn der verzauberte Ball durchleuchtet und erkennt durch den Schuss des Spielers nicht nur seinen Charakter und seine Fähigkeiten; er weiß, wozu der Spieler in der nächsten Spielzeit in der Lage ist und was diesem Wichtig ist. Der Ball hat sogar das Privatleben des Spielers vor Augen. Er sieht beispielsweise, ob jemand in der Familie sehr krank ist oder ob dem Spieler eine Heirat, Nachwuchs oder gar Trennung bevorsteht.

Natürlich weiß der sprechende Ball zudem alles über die Zauberligavereine. Er weiß von den Gründungen, den Ab- und Aufstiegen, den Titeln, den Gebieten, den dortigen Lebenslagen, den Fans, den Leitbildern, … Kurzum: Er ist einfach allwissend. Und genau das MUSS er auch, um die jeweils richtige Entscheidung für die Spielerzuteilung treffen zu können.

Während die letzten Spieler in das Stadion einlaufen, tuscheln bereits alle um mich herum: „Wer wird uns diesmal zugewiesen?“,„Wo geht mein Lieblingsspieler hin?“ oder „DAS wäre einer für uns!“.

Es ertönt ein lauter Pfiff wie zum Spielbeginn und die Menge verstummt. Endlich beginnt die Zeremonie und mich ergreift ein Zauber, wie ich ihn nur aus besonders erlebnisreichen Spieltagen kenne. In alphabetischer Reihenfolge ruft der sprechende Ball alle Spieler nacheinander zu sich auf den Platz, und nach der jeweiligen Verkündung kommt durch das geöffnete Dach das passende Vereinstrikot auf den Spieler zugeflogen. Er streift es unter Beifall aller Zuschauer über und sortiert sich zu dem ihm zugeteilten Verein.

Freude durchstrahlt mein königsblaues Herz bei jedem Spieler, der uns zugewiesen wird. Bei zweien bin ich etwas überrascht und bei zwei weiteren muss ich erst mehr über die Spieler erfahren, doch eines weiss ich jetzt und allezeit genau: Ich vertraue dem Zauberball. Und ich vertraue meinen Knappen. Auch der Rest des vorwiegend heimischen Publikums scheint bisher zufrieden.

Nachdem der letzte Spieler sein Trikot bekommen hat, hält der sprechende, allwissende Ball noch eine herzberührende Rede über Fleiß, Loyalität, Mut, List und Klugheit. Denn genau das sind die Tugenden der Zauberliga, weil hier weder Geld noch Macht eine Rolle spielen.

Zum Abschluss verabschiedet er die Spieler, die sich nun in die Obhut ihrer jeweiligen Vereine begeben. Passend zu dem Verein, welcher ihm dieses Mal Gastfreundschaft gewährte, ruft der Zauberfußball ein lautes ‚Glück auf!‘ in mein Herzstadion.

Doch noch bevor der Applaus der Menge versiegt, bin ich zurück aus meinem Zaubertraum. Leicht verwirrt schaue ich auf die Modezeitschrift in meinen Händen, auf deren Cover die Hauptdarsteller von Harry Potter abgebildet sind. Es muss die Headline „Kleider machen Leute“ gewesen sein, die mich derart verrückt hat tagträumen lassen. Ich seufze und überdenke nochmal. Ich nicke grinsend. „Trikot´s machen Spieler“ und ein bisschen mehr Zauberliga wären allemal wünschenswert.

Libera

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Gleichstellungsbeauftragte a.D.
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eakus1904 sagt:

Zauberhaft!

Aber warum muss ich bei Kevin G. aus der Nähe von Lüdenscheid sofort an „Slytherin“ denken?? :-)

SLib sagt:

Toll! Text UND Traum. – Und dass, wo ich ge-RA-dee Band 1 zum zigsten Male (und damit Kind 3 zum ersten Mal) zu Ende vorgelesen habe.

SLib sagt:

Sorry, noch ein Gedanke: Slytherin war schwatzgelb, oder? Und Gryffindor Nullvier, nicht??

Libera sagt:

Eakus, Danke! Und Dein Gedanke gefällt mir ;-)

SLib (ein Vorlese-Papa mit Geschmack), Dir auch ein Dankeschön! Bei den Farben muss ich (LEIDER) einlenken:
Hogwarts

Ich war mir mit der Veröffentlichung des Textes erst unsicher. Aber er ist Libera. Träumen. Hirngespinste. Wunschdenken. Tja, nun. :-)

eakus1904 sagt:

Ravenclaw ist blau-weiß. Klar, dort sind ja auch die mit dem meisten Grips.

Libera sagt:

Und Gips!