14 Jan

Made in Thailand

Wer mal in seinem heiß geliebten Vollpolyestertrikot seines noch heißer geliebten Lieblingsvereins herumgeschmust hat – und dieser Verein heißt FC Schalke 04 – der und die hat an der Innennaht links unten das eingenähte Schildchen – oder auch innen auf dem Shirt, unterm Kragen – den Aufdruck Made in Thailand vorgefunden.

Für viele ist das vielleicht selbstverständlich. Irgendwo müssen die Dinger ja nun genäht werden, („der größte wertsteigernde Teil des Herstellungsprozesses“), und dass das nicht in Herzogenaurach passiert, haben wir schon lange geahnt.

Aber Moment mal: Thailand? Ist das nicht eines dieser Billiglohnländer? Die prügeln sich doch da gerade mit der Polizei … Sind die schön dicht sitzenden Säumchen unserer Hemden etwa von Kinderhänden gesteppt worden? Oder Gefängnisinsassen oder andere Sklaven haben die Knöpfchen ans schicke Revers genäht? Gehört also unser Ausstatter Adidas zu den gnadenlosen, globalmarktnutzenden Ausbeutern dieser Welt – und wir tragen das Zeug und wissen es nicht mal?

So ganz raus ist das nicht, um es vorwegzunehmen.

Tatsache ist, dass die 1924 gegründete „Gebrüder Dassler Schuhfabrik“, 1949 neu an den Start gegangen als „Adi Dassler adidas Sportschuhfabrik“, heutzutage in 62 Ländern die unglaubliche Zahl von 1.100 Lieferanten unter Vertrag hat, und zwar rund um die Welt. Die meisten so genannten „Zulieferer“ sind asiatisch, dabei liegt China mit der Anzahl von 275 (!) seiner für den Konzern arbeitenden Firmen vorne. Allein in Thailand gibt es aber auch immer noch 27 Fabriken im ganzen Land, die für Adidas nähen oder färben oder weben.

Die Textilindustrie Asiens, die zum allergrößten Teil für die USA und Europa produziert, steht ja seit den Katastrophen in den Fabriken Bangladeshs durchaus im Fokus. Auch dort, in Bangladesh, besitzt die deutsche Sportartikelklitsche mit den drei Streifen Vertragspartner, wie zudem in Kambodscha, wo in diesen Wochen speziell die Textilarbeiterinnen und -arbeiter mit ihren Massenstreiks das Land lahm legen.

Hauptinteresse der Konzerne ist selbstverständlich, möglichst kostengünstig produzieren zu können. Und hierfür schlagen eine ganze Reihe von Faktoren zu Buche, hauptsächlich der Lohn. In Thailand liegt der gesetzliche Mindestlohn derzeit bei 7,50€, das mutet vertraut an und man wundert sich – aber es handelt sich um den Tageslohn. Und ein Arbeitstag ist in Asien nicht etwa nach 7 3/4 Stunden zu Ende, sondern wie überall in den Fabriken der ausgebeuteten Weltländer nach 10, 12, bis zu 16 Stunden.

Adidas bestätigt nun, dass der Konzern seine Vertragspartner in Thailand „halten“ wolle, trotz der vergleichsweise „hohen Stückkostenpreise“. Es waren Gerüchte aufgekommen, man wolle sich ins noch weitaus billigere Nachbarland Kambodscha zurückziehen, dort, wo die Regierung den gesetzlichen Mindestlohn inzwischen von 58 auf 69€ erhöht hat – im Monat! Dass das nicht zum Leben reicht, skandieren derzeit Hunderttausende im Land. Nach letzten Meldungen geht das Regime Kambodschas mit brutaler Gewalt gegen die Protestierenden vor. Die Massen, die in diesen Tagen auch in unserem trikotproduzierenden Thailand auf der Straße sind, demonstrieren dagegen direkt gegen ihre Regierung – dass auch in den dortigen Textilfabriken derzeit nicht gearbeitet würde, bleibt undeutlich.

Nun hält der global player Adidas der Welt das ehrenwerte Banner der verlässlichen Nachhaltigkeit vor, zu der sich der Konzern selbstverpflichtet hat. Hierfür in der Produktion ein hohes Maß an Umweltstandards einzuführen, zu kontrollieren und weiter auszubauen, ist dabei die eine Sache. Workplace standards einzuhalten, ist das andere Versprechen. Hierzu hat der Sportartikler ein Nachhaltigkeitsteam gebildet (mehr als 60 Leute!), auch „Sozial- und Umweltteam“ (SEA) genannt, eine Art task force in Sachen Einhaltung der Standards. Sie soll der „Beschaffungsabteilung“ in der europäischen Zentrale (Adidas International Marketing B.V. in Amsterdam) immer erst grünes Licht geben, bevor diese irgendwo auf der Welt mit irgendeinem „Zulieferer“ vereinbart, dass dieser ihr irgendetwas zuliefert, näht, herstellt.

Es ist kaum zu glauben, worauf die tausendeinhundert vertragspartnerschaftlichen Fabrikchefs in den Billiglohnländern angeblich alles achten, damit sie für die adidas-group arbeiten dürfen: Zwangsarbeit und Kinderarbeit ist nicht erlaubt. Schutz vor Diskriminierung und Disziplinarmaßnahmen muss gewährleistet sein. Mindestlohn und Überstundenzuschläge müssen gezahlt werden. Der Lebensstandard der Arbeitenden soll durch die Tätigkeit am Shirt für Adidas ausdrücklich erhöht werden! Wöchentliche Freizeit- und jährliche Urlaubsregelungen sind gefordert. „Vereinigungen nach eigener Wahl“ müssen erlaubt sein (Adidas hätte hier gleich „Gewerkschaft“ sagen können), und ebenso, ihnen beitreten zu dürfen! Ach ja, Maßnahmen zur Gesundheit und Sicherheit sind zu treffen, Umweltbestimmungen einzuhalten und dergleichen mehr. So steht es im Selbstverpflichtungskatalog der Sportschuhfabrik. – Wer allerdings glaubt, dass es so funktioniert, darf selig gesprochen werden.

Liest man das alles, was bei der Herstellungen unser Trikots also standardisiert beachtet worden sei, fragt man sich nämlich, warum der Konzern nicht gleich in, sagen wir, Bochum-Langendreer im ehemaligen Werk II produzieren lässt. Da wären die Transportwege geringer, jedenfalls jene Richtung Deutschmarkt. Ich werde da diesbezüglich mal vorsprechen in Herzogenaurach, sie sollen da auch eine schöne Wellnessfarm haben.

Wie kommt es nun, dass Adidas u.a. vom CCC kritisiert wird, der weltweiten Kampagne für saubere Kleidung, vor allem wegen mangelnder Transparenz in der Lieferkette? Es heißt dort, „Adidas ist beim Umgang mit Zulieferbetrieben nicht besser als Discounter wie X, Y und Z“ … (Die Namen kennen wir alle. Dort einzukaufen verbietet sich schlechterdings.)

Zudem tönte der Sport- (und natürlich inzwischen stylebestimmende Mode-)artikelhersteller noch Ende 2012, er wolle einen Hilfsfond für unterbezahlte Arbeiter in der Textilindustrie aufmachen und sei dazu bereits in Gesprächen mit Mitbewerbern (u.a. Nike). Auf den vielfältigen Internetseiten von Adidas ist inzwischen davon nichts mehr zu finden, obwohl dieses Ansinnen doch erheblichen Imagegewinn versprochen hatte. In Indonesien klagten 2.800 entlassene ArbeiterInnen auf eine Abfindung, die ihnen zugesagt worden war – Suchwort „Hilfsfond“ bei Adidas: 0 Ergebnisse. Eine erste der lukrativen US-Hochschulen hat deshalb mit viel Tamtam ihren Sponsorenvertrag aufgekündigt.

Nicht müde zu werden, so genau wie möglich hinzugucken, bleibt angebracht. Gerne hätte ich hier die Vision der Thai-Näherin kreiert, die sich nach freudvollem Arbeitstag zusammen mit ihren 5 Kindern in eine meeresbrisenromantische Strandbar auf Ko Samui begibt, um dort entspannt bei einem Thai Soda Syrup die Live-Übertragung des europäischen Champions-League-Finales verfolgt und dabei dem Club die Daumen drückt, dessen Shirt sie heute hergestellt hat. Leider verbietet sich solcherart Sarkasmus, vermiest er uns allen doch unsere frisch freie Leichtigkeit im Glauben an unseren reinen Sport.

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
André

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Ernst Kuzorra sagt:

+1

alles gesagt