13 Jan

Hämmer aus Stahl und der S04

Mode konnte ich eigentlich nie leiden. Auch modisch angezogene Leute nicht. Was dachten die sich? Warum verschwendeten sie ihre Zeit und ihr Geld um modisch auszusehen, anstatt, dass sie damit etwas wirklich Relevantes schafften? Warum versuchten sie, sich dem herrschenden Status Quo so gut es geht anzupassen, anstatt ihren eigenen Weg zu finden? Warum sagten sie durch ihre teuer erkauften Outfits: „Ja, ich akzeptiere die herrschende Ordnung und bin nicht viel mehr als ein Affe des Systems, der die mich prügelnde Hand küsst“? Das ungefähr war meine Einstellung zur Mode, als ich 2005 in Tokio, Japan, unverhofft Model wurde.

Doch diese Geschichte möchte ich nicht erzählen, das habe ich in meinem Buch The Tokyo Diaries zu genüge getan. Das Problem mit den Tokyo Diaries war allerdings, dass ich sie zu 90% betrunken geschrieben habe. Was wiederum dazu führte, dass ich vergaß, einige gute Geschichten aufzuschreiben. So wie diese hier.

Ich spielte damals mit meinem besten Freund Eugene in einer Emo-Band namens The Great Circuiting. Wir klangen wie eine Mischung aus den Get Up Kids, Rocket from the Crypt  und Jawbreaker. Emo, nicht weinerlich, aber doch irgendwie soft und, naja, ziemlich unmaskuklin. Aber wir mochten das so. Die Machos konnten sich ficken gehen. Oder unsere Freundinnen, wir wussten es nicht.  So ergab es sich eines Tages, dass wir ein Konzert in einem kleinen Tokioter Irish Pub spielen sollten. Dies ist die Geschichte dazu.

„Ich treffe Eugene um 18 Uhr am Bahnhof in Asagaya, um von dort aus zusammen zu der Venue zu laufen. Auch nach über einem Jahr in Tokio habe ich die meiste Zeit nicht den Hauch einer Ahnung, wo ich eigentlich hin muss. Zum Glück scheint das meinen japanischen Freunden nicht anders zu gehen. Ein Wunder, dass hier alles so gut funktioniert. Aber ohne Scheiß, Straßennamen würden dieser Stadt wirklich weiterhelfen! Egal, ich warte also am Bahnhof von Asagaya auf Eugene, während Tausende busy hin und her laufende Businessmen an mir vorbei und in die Bars des Viertels strömen. Ein Mädchen wirft mir einen flüchtigen Blick zu, worauf ich nervös werde, mein Handy heraushole und sie nie wieder angucke.

In Eugenes letzter SMS stand etwas über die heutige Show. Er schrieb, er habe betrunken einen ehemaligen Hells Angel kennengelernt, der jetzt einen Pub in Asagaya betreibt und dort ab und zu kleine, illegale Konzerte veranstalten würde. Ob wir nicht Bock hätten, dort zu spielen. Und klar, in einer Stadt wie Tokio, in der sich alles um Geld dreht, kann man nicht wählerisch sein, wenn es um Konzerte geht. Die meisten kosten jede Band so viel Kohle, dass sich nur Kinder reicher Eltern erlauben können, regelmäßig zu spielen. Aus irgendeinem Grund bekommt die Band nämlich keine Gage, sondern der Veranstalter/Club-Besitzer. Und die bekommt er – verrückte Welt – von der Band! Wenn man den Laden also mangels Berühmtheit nicht richtig voll macht, bleibt man auf den Kosten sitzen. Die Frage, wir man in diesem System überhaupt berühmt werden könne, konnte mir bisher niemand beantworten. Spielt aber auch keine Rolle, denn die heutige Show kostet uns keinen Cent, und wir dürfen zusätzlich frei saufen. Also hin da!

Als Eugene und ich den Irish Pub betreten, staunen wir erstmal nicht schlecht. Der ganze Raum ist voll mit Ausländern, kein Japaner weit und breit zu sehen. Auch vom Veranstalter fehlt jede Spur. Dafür aber ROCKER jeglicher Couleur und Nationalität. So ziemlich jeder hat lange Haare und Jeanswesten über Lederjacken, auf denen irgendwelche Patches eingenäht sind, die auf die Zugehörigkeit einer Bande verweisen, der sie – wahrscheinlich vor ihrer Zeit in Tokio – anzugehören schienen. Als wir die kleine Treppe Richtung Bühne herabschreiten, werden wir von allen Seiten skeptisch gemustert. Eugene trägt sein MINERAL-Shirt, auf dem ein Comicjunge einen anderen Comicjungen küsst. Sowas kommt hier bestimmt ganz großartig an.

Vor uns spielt eine Band, deren Namen STEEL HAMMER bereits einiges über ihre musikalische Ausrichtung verrät. Der Sänger sieht aus wie der späte Axl Rose, mit Botox-Gesicht, langen Haaren und theatralischen Gesten. Jeder Song scheint zu 90% aus den in Falsetto gesungenen Worten: „Tonight“, „Woman“ und „Yeah“ zu bestehen. Das Publikum liebt sie! Vorne stehen Rocker, die im Kreis headbangen und ihre Fäuste in die Luft Richtung Bühne recken, worauf Axl mit einem langgezogenen „Yeeeeaaaahhhhhh“ antwortet. Ich muss kurz auf mein Handy gucken, um festzustellen, ob ich noch in Japan bin. Japp, bin ich. „Oh my god“, murmelt Eugene neben mir.

Mit einem „Thank you! Good niiiiiIIIIIIiiiight“, verabschieden sich Axl und Co. unter großem Applaus von der Bühne. Inzwischen ist auch Ryûta, unser Drummer, eingetroffen, der sich mit seinen 19 süßen Jahren in dieser Gaijin-Rockerhölle sichtlich unwohl fühlt. Wer kann es ihm verdenken? Mir geht es ja nicht anders. Als wir unsere Instrumente einstecken – Soundcheck gibt es keinen – füllt sich der Platz vor der Bühne wieder mit inzwischen ziemlich angetrunkenen Bikern. „ROCK’N’ROLL!!“, schreit einer in meine Richtung, worauf ich mit „Ok!“ antworte, in einem Ton, als hätte ein Vater sein Kind gerade zum wirklich letzten Mal dazu aufgefordert, endlich den Esstisch abzuräumen.

Wir beginnen das Set mit „Family Joint“, einem Song über Eugenes zerbrochene Familie in den USA. Die ersten 3 Minuten sind komplett unverzerrt und langsam, bevor der Song am Ende laut ausbricht und wie die Hölle nach vorne geht.

So weit kommen wir nicht.

Nach ca. 30 Sekunden wird das Geraune vor der Bühne immer lauter, nach einer Minute ruft der erste Rocker unter großem Applaus der anderen: „FAAAAGOTTS!!!“. Wir spielen trotzdem weiter, was bliebe uns auch anderes übrig? Aufhören? Wir wären nicht lebend aus dem Pub gekommen! Nach einer weiteren Minute, in der Eugene mit zitternder Stimme die Entfremdung der modernen Gesellschaft anprangert, reicht es einem der Rocker. Bevor ich mich versehe, betritt er frontal die Bühne und hält meinen Gitarrenhals fest, so, dass kein weiterer Ton rauskommen kann. Dabei starrt er mir angriffslustig ins Gesicht. Die anderen hören auf zu spielen, alle gucken zu mir. Es ist totenstill im Raum.

„If you guys play another fucking tune, I will rip your goddam heads off, you fucking pussies“, eröffnet mir der Rocker. Alles applaudiert. “Alright”, sage ich, “sorry”. Er verlässt die Bühne und geht mit den anderen gröhlend an die Bar um sich einen Liter Whisky oder ähnliches in den Hals zu kippen. Wir packen derweil so schnell es geht unsere Instrumente ein und machen uns daran, the fuck out of here zu getten. Wir kommen bis zur Tür. Dann ruft jemand von hinten: „WAIT!“. Es ist der Rocker von der Bühne. Er geht langsam auf uns zu und guckt mich ungläubig an, noch einmal, guckt dann an mir herunter und sagt dann: „Is that a Schalke shirt??“

„Yes, it is“, antworte ich ihm, meines sicheren Todes gewiss.

„AAAAAWESOME!“, jubelt er! „I saw you guys play Milan the other day, that was AMAZING!”

“Well, thank you!”, antworte ich ihm mehr als überrascht, “unfortunately we didn’t win”.

Er erzählt mir, wie er Anfang der Nuller Jahre in der damals noch neuen Arena war und wie ihn die Atmosphäre im Stadion begeistert hatte. In England würde es so etwas kaum mehr geben. „Hey, sorry about coming up stage, I just didn’t like your music. But you guys played well!”.

“No problem”, lüge ich, “it’s all just a matter of taste”

“Yeah man! Do you want a whisky? I ‘ll buy!”

Wir trinken noch 2 Shots mit ihm und seinen Rocker-Freunden, reden über Fußball und das Leben in Tokio. Dann findet Ryûta eine Ausrede, und wir verlassen den Pub. „What the fuck was that?!“, fragt Eugene lachend, während wir zum Bahnhof laufen. „I habe no idea“, antworte ich ihm, „but I think Schalke just saved our lifes“.

 

David

David

Modebeauftragter a.D.
David

Letzte Artikel von David (Alle anzeigen)

derwahrebaresi sagt:

dieser beitrag ist ein gedicht, großartig.

Basti sagt:

Großartige Geschichte! <3