Das Web 0.4 liest: Im richtigen Moment das Richtige

HELDEN – 50 deutsche WM-Legenden
(Sascha Theisen / VERLAG DIE WERKSTATT)

Wie passend: Der Schalker Kapitän bereitete sich gestern Abend auf die WM in Brazil vor, spielte in Mailand 1:1, da spielen wir ja immer gerne. Länderspielpause. Zeit über ein neues Buch zu reden, pünktlich fertig für den Gabentisch, direkt neben dem neuen Web 0.4-Schal.

Doch, ein schönes Buch. Ein Fußball-Bildband, wie er auf den ersten Blick bereits in der Nussbaum-Schrankwand des Schwiegervaters stehen könnte, eingereiht zwischen „Die EM 1988“ und „Die schönsten Momente des Weltmeisters 1990“.

In der Tat brilliert „Helden – 50 deutsche WM-Legenden“ unter anderem durch seine reiche Fotografie-Auswahl, natürlicherweise sowohl in s/w wie color, großformatig, teilweise bekannt wie Herberger im Mantel oben auf Spielerhänden oder der zutiefst niedergeschlagene Uwe Seeler, wie er in Wembley vom Rasen schleicht. Daneben dürfen wir uns aber auch an seltenerem Bildwerk erfreuen, zum Beispiel Edmund Conen 1934 gegen Belgien oder die sich gegenseitig tröstenden Rudi Völler und Toni Schumacher „nach dem missratenen WM-Finale 1986“.

Zusammengestellt hat’s Sascha Theisen – dem Erfinder von TORWORT, der kultigen Lesereihe in der Kölner Hammond Bar – ein Fußballautor von lockerer, früher hätte man gesagt „flotter“ Schreibe, zeitgenössisch magazinjournalistisch, im guten Sinne boulevardesk. Er weiß zu plaudern (im Miro Klose-Beitrag über Ronaldos Übergewicht und seine Auftritte in einer brasilianischen TV-Show), Allgemeingut wiederzugeben („Große Trainer sind immer auch große Pädagogen“), aber auch Nähkästchen zu öffnen (Paul Breitners Schweißausbrüche einen Tag nach seinem Elfmetertor im Finale 1974, als er im TV sah, wie nachlässig er den reingemacht hatte).

Eine anregende Zusammenstellung also, diese Heldengeschichten, nicht etwa chronologisch, sondern thematisch (u.a. „Helden der Momente“, „Die echten Chefs“, „Die Malocher“).
Man kann, was man sich von so einem Buch wünscht: es von vorne bis hinten durchlesen, es kapitelweise konsumieren (zum Beispiel erst mal „Die Unbezwingbaren“ über die Torhüter oder als allererstes den Beitrag über Klaus Fischer) – oder einfach nur durchblättern und sich fünf Minuten Zeit nehmen zum Erinnern. Je mehr Lebensjahre der/die BetrachterIn zu liefern hat, je mehr WMs zur eigenen Lebenschronik zählen, desto weitergehend die Erinnerungen.

Ich selbst habe ja an der Mutterbrust quasi noch Willi Koslowski 1962 in Chile erlebt, das Wembley-Tor auch (während ich gerade Hermann Hesse las, glaube ich). Nein: Ernsthaft fängt mein aktives Fußballsozialisierungsprogramm, was WM am TV betrifft, tatsächlich mit dem Jahrhundertspiel Deutschland-Italien 1970 in Mexiko an. Und wird schon äußerst bildscharf beim Zurückdenken an den Titel 1974, inklusive des Parkstadion-Besuchs anlässlich des Jahrtausendspiels Niederlande-DDR. Ja, ich habe Cruyff spielen sehen!

Aber zurück zum Buch. Helden. Bezüglich des Titels darf ich gerne vertreten, dass Helden für mich letztlich doch etwas anderes sind als jene, denen ein Volleyschussversuch misslingt, die Pille dennoch aufsetzt und ins Tor humpelt und die deutsche Elf dadurch dann doch noch für die WM 1990 qualifiziert ist (Thomas Hässler, letztes Quali-Spiel, in Köln gegen Wales, 2:1). Helden sind Menschen, die im richtigen Moment das Richtige tun, obwohl sie gar nicht wussten, dass sie’s können. Dein oder mein Kind dem Arsch von Lehrer zum Beispiel ein eindeutiges Nein entgegenstellen. Oder sich gegen den Pöbel mit einer sozialökologischen Vision auf den Weg machen. Oder, noch ganz anders, so hat’s wohl Fritz Walter gesehen, „Helden, die sind im Krieg gefallen“.

Aber gut. Im richtigen Moment das Richtige tun, ein paar haben es getan, jedenfalls im Sinne ihres jeweiligen Fußball-Teams. Rahn hat nicht nur schießen müssen, er hat geschossen. Einverstanden: ein Held. Immerhin hat er mit seinem Tor in Bern die Bundesrepublik gegründet. Und gehört neben Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer (aus bekannten gründen zwei Mal) und Gerd Müller zu den „Gesetzten“, wenn 50 deutsche WM-Helden zusammengesucht werden müssen. Und ein bisschen wirken sie auch als dem Autor (selbst-)auferlegte Pflicht, die 50, denn weniger wäre wohl nicht attraktiv genug gewesen („26 deutsche WM-Legenden“?) und das Buch zu dünn.

Da kann man dann in geselliger Runde – ohne das Buch schon zu kennen – mal spekulieren, wer noch so „drin“ ist. Unvermeidlich noch Schnellinger, Brehme, Matthäus, auch Breitner, Ballack. Auch Vogts (als Spieler) und Briegel dürfen. Weil’s ohne ihn nicht geht, ist natürlich Jürgen Sparwasser dabei. (Ja, ich habe Sparwasser spielen sehen! – Sein Tor, das, um das es geht, allerdings auch nur im Fernsehen, aber: im „Moment“, als es fiel!) Gut. Aber Oliver Neuville? Podolski? Odonkor??
Lehmann, ja gut. Komisch wird’s bei Thomas Müller und Mesut Özil – Helden? Muss man dafür nicht zumindestens fußballerisch so gut wie tot sein?

Jedenfalls wird deutlich, dass Sascha Theisen ziemlich zusammenkratzen musste, um die „50“ zu erreichen. Da werden selbstverständlich auch die Trainer (jene, die was gewonnen haben) dazugenommen, drei Masseure, drei Radioreporter, der lustige Schiri Walter Eschweiler (dessen Heldentat aus einem Purzelbaum 1982 im Spiel Italien-Peru bestand), sowie jene nicht-deutschen Schiedsrichter der drei siegreichen Finalspiele, weil sie in diesen Begegnungen allesamt zumindest fragwürdige Entscheidungen zugunsten der deutschen Mannschaft getroffen haben. Ehrlich gesagt: Sonst kommst du auch nicht auf ein halbes Hundert „Helden“.

Eine andere Methode der Sammlung: dass es wohl oft eher die „magischen Momente“ als die Herren selbst waren (Lothar Emmerichs „unmöglicher Winkel“ oder Wolfgang Webers Ausgleich zum 2:2 kurz vor regulärem Schluss im Endspiel 1966), die einen zum so genannten „Helden“ machten. Vielleicht passt „Legende“ besser. Auch gut. Denn insgesamt ist es gerade diese letztlich reichhaltige Mischung, die dieses Buch durchaus lesens- und anschauenswert machen.

Dabei lässt Theisen keinen seiner Protagonisten ins Messer laufen, er diffamiert seine Helden nicht, wenn man ihm hier und da auch anmerkt, dass er diesen und jenen Gladiator persönlich nicht ganz so verehrt, wie es dessen Status in der deutschen Fußballgeschichte eigentlich verlangt. Man kann sich denken, bei welchen Göttern in Weiß mich dieses Gefühl beim Lesen überkam – ist Sascha Theisen doch im Westen der Republik aufgewachsen, wo ja bekanntlich das Herz des Fußballs schlägt.
Er versucht redlich neutral zu bleiben, und ich nehme ihm das ab.
Bei einem allerdings schimmert die persönliche Wallung besonders durch: beim einzigen Schalker in dieser Riege der 50. Die Rede ist natürlich von Klaus Fischer – drin im Buch aufgrund seines Fallrückziehers 1982 in Spanien gegen Frankreich (den ich übrigens nicht gesehen habe, weil ich da gerade heftig mit anderen Arten von Fallrückziehern beschäftigt war). Das hat dem Autor Gänsehaut produziert, das ist spürbar im Beitrag. „Ich nahm ihn direkt und drin war das Ding“, sagte Fischer laut Theisen. – Der Rest ist beim Thema „Helden“ dann allerdings die hausgemachte Not, mit Superlativen um sich werfen zu müssen: „der vielleicht beste Spieler“ (Fritz Walter), „der vielleicht beste Spieler in einem Spiel“ (Jürgen Klinsmann), „mit ihm begann gleich ein neuer Fußball“ (Mesut Özil), „der vielleicht beste Fußballer, den Deutschland hat“ (Philipp Lahm), „der vielleicht größte deutsche Fußballer“ (Franz Beckenbauer), „in jenen Tagen der sicherlich beste Fußballer der Welt“ (Lothar Matthäus), „einer der größten aller Zeiten“ (Gerd Müller).

Ach ja. Hinten sind alle Kader der deutschen WM-Teilnahmejahre aufgelistet.
Erste Quizfrage: Wie viele Schalker waren in den 17 Teams dabei?
Und zweite Quizfrage: Welchem Verein gehörte der ’62er Torwart Hans Tilkowski an?

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Sascha Theisen

HELDEN – 50 deutsche WM-Legenden

ISBN 978-3-7307-0063-1, 19,90€
169 Seiten, 23×32 cm, gebunden, Fotos

Erschienen im VERLAG DIE WERSTATT, Göttingen

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
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