25 Okt

Literaturensöhne: Die Verwandlung

Als Erwin Kollakowski eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Er lag auf einer polyesterartig weichen Rückennummer und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, schwarzgelben und von einem wirren Elektrik-Sponsor geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, kurz vorm Wegrutschen, kaum noch halten konnte. Die vielen, im Vergleich zu seiner sonstigen Farbgebung eher dezenten schwarzen Marsupilamipunkte, flimmerten ihm sinnlos vor den Augen.

„Was ist mit mir geschehen?“ dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten blauweißen Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine Menge Fotos von Stadien & Fußballplätzen ausgelegt war – Erwin war Groundhopper –, hing das Bild, das er vor kurzem aus der Vereinsillustrierten ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die mit einem Kevin Fritz Boateng-Trikot und einem Schal versehen dasaß und eine große Flasche gekühlten Getreidetee, die sie gerade noch halten konnte, dem Betrachter entgegenhob.

Erwins Blick richtete sich auf das Fenster. Der heftige Schauer versprach kein gutes Derbywetter für den Nachmittag, aber dergestalt gekleidet wollte er sich ohnehin niemandem zeigen, nicht mal seiner Gattin Ulrike, die, jahrelanger ehelicher Routine folgend, schon von draußen zum mittäglichen Frühstück rief. Erwin Kollakowski versuchte sich aufzurichten, doch sein enormer Schädel hieß ihn liegenbleiben, je öfter er es versuchte. „Ich kann nicht aufstehen,“ rief er gegen die Tür. „Der Kater bringt mich um, wenn du ihn mir versaust!“

Erwin Kollakowski schaute auf die Weckuhr, die bereits Fünfzehn Uhr Fünfzehn anzeigte. „Kacke, ich muss zum Stadion,“ sagte er zu sich, „ist doch Derby!“ Als er den schwarzgelben Stoff mit der Rückennummer 19 ausziehen wollte, musste er bemerken, dass er festsaß. Er wurde ihm wohl eng um den Wanzt genäht, und konnte ihn weder ausziehen, noch sich entsinnen. Sein Glück, denn er war schon vor dem Derby am Vortag so voll gewesen, dass er zum einen nichts vom glorreichen Sieg des schönsten Clubs der Welt, zum anderen noch viel weniger von seiner Wette um den Ausgang des Spiels etwas mitbekommen sollte. Er glaubte in seiner bierigen Vergessenheit schlicht nicht an einen guten Ausgang der Begegnung, setzte lauthals auf den Gegner, ließ sich mit Gerstensaft volllaufen und musste sich an des blauweißen Jerseys statt das schwarzgelbe überstreifen und engnähen lassen.

In seinem Zimmer fand er sich noch immer in dem Glauben, das Spiel des Jahres stünde noch bevor. Ulrike empfand Unbehagen und Misstrauen, wurde der Situation allerdings bald gewahr und ließ Erwin noch den Nachmittag über in diesem Glauben, so dass er meinte, das Spiel, das er schon gesehen, von dem er allerdings nicht viel registriert hat, zu verpassen.

Benjamin

Benjamin

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Libera sagt:

Grossartigst!
Worte wie ungeheure Ungeziefer, dezente Marsupilamipunkte, Groundhopper, gekühlter Getreidetee und bierige Vergessenheit so wunderbar zu verpacken.
Und ich hätte genau wie Ulrike gehandelt :D

Danke!