24 Okt

Derbymomente

Für viele war es das Derby, in dem es Andi Möller allen gezeigt hat. Für mich war es die letzte richtig große Sternstunde von Olaf Thon und der Beginn einer großen Saison, die in mit einem der schlimmsten und gleichzeitig schönsten Momente meines Lebens endete. Mit Toren von Böhme, Mpenza, Sand und einem Eigentor starten wir eine Derby-Serie: Von nun an wird es Dortmund sechs Jahre lang nicht schaffen, uns zu schlagen. Schon zur Halbzeit verlässt ein sehr guter aber fußballtechnisch fehlgeleiteter Freund ob unsere Dominanz den Biergarten, in dem wir gemeinsam das Spiel schauen. Ich freue mich trotzdem.

Ebbe Sand hat seit Wochen nicht getroffen. Der Typ, der bei jedem Heimspiel hinter mir sitzt, nennt ihn nur noch den „Blinden“. Auf dem Weg ins Westfalenstadion zeigt unser Trainer Jupp Heynckes der Legende nach im Bus ein Video mit den schönsten Toren von Ebbe. Das Spiel läuft nicht gut. Dortmund hat unfassbar viele Chancen. Irgendwie halten wir aber das 0:0. Ebbe kommt in der 72. Minute für Mike Hanke. Kurz danach hält Frank Rost den zweiten Elfmeter der Dortmunder. Schalke mittlerweile – wie auch der BVB – nur noch zu zehnt. Und dann in der 89. Minute: Ebbe Sand wird mit einem langen Ball geschickt, er läuft auf Weidenfeller zu und macht das verdammte Ding rein. Ich befinde mich zu dieser Zeit vor dem Fernseher bei Freunden, die mit einer Ausnahme alle Fans des BVBs sind. Dennoch ist mein Jubel grenzenlos. Wie einst nach einem anderen Derbytor Olaf Thon in Jens Lehmanns Arme sprang, hüpfe ich dem einen Schalke-Kumpel in die Arme und er trägt mich – ebenfalls laut jubelnd – durch die Wohnung.

Das erste Derby nachdem wir mal wieder die Meisterschaft verspielt haben – zu allem Überfluss beim Spiel in und gegen Dortmund. Der arg kriselnde BVB schaffte es nach Jahren mal wieder gegen uns zu gewinnen und stopft so einigen Schalkern das – vielleicht zu vorlaute – Maul. Es folgen Flugzeuge über der Arena und Aufsichtsratsvorsitzende, die ankündigen, nie wieder auf der Dortmunder VIP-Tribüne platznehmen zu wollen. Aber das ist Vergangenheit – nun also Derby auf Schalke – am zweiten Spieltag. Und es läuft gut. Gott persönlich (in Gestalt von Marcello Bordon) macht schon früh das 1:0. Dann folgt eine Bude von Christian Pander und schließlich… Achtung… ein „Hechtkopfball“ von Derby-Asa. Asa feiert – so schreibt die BILD – mit einer unschönen Geste. Er fährt sich mit dem Finger über den Hals – deutet an, dass er jemandem die Kehle durchschneidet. Nachher wird gemunkelt, es handelte sich dabei um seine Reaktion auf eine rassistische Beleidigung von Weidenfeller (der seinerseits angibt, Asa nicht rassistisch als schwarzes Schwein sondern „nur“ schwulenfeindlich als schwules Schwein beleidigt zu haben). Wir dominieren und gewinnen das Derby mit 4:1. Und ich freue mich auf meinem Stammplatz in der Arena.

Die Vorzeichen haben sich geändert. Dortmund ist der aktuelle Meister. Die beiden Derbys der Vorsaison haben wir verloren. Aber immerhin, ich bin endlich mal wieder auswärts dabei. Nach beschwerlicher Anreise mit dem Sonderzug – inklusive zahlreicher sehr gründlicher Kontrollen durch die Cops – kommen wir 10 Minuten vor Spielbeginn am Westfalenstadion an und werden erst mal von einem blauen Lautsprecherwagen begrüßt, der uns mitteilt, dass die anderen Schalker sich wie erwartet daneben benommen haben und wir „bloß aufpassen sollen“. Mit dem Anpfiff kommen wir ins Stadion und sehen als allererstes wie die UGE 10 bis 20 Bengalos zündet. Mich an die Kontrollen erinnernd kann ich mir die Freude darüber, dass die Jungs und Mädels es geschafft haben, Pyro ins Stadion zu bekommen, nicht verkneifen. Die Stimmung bleibt prächtig. 13. Minute – Uchi auf Farfan, der bedient den Hunter und es steht 1:0. Nach Wiederanpfiff geht es erst mal gut weiter: Höger macht das 2:0 und der Gästeblock flippt endgültig aus. Lewandowski macht dann irgendwann den Anschlusstreffer und in den noch ausstehenden 36 Minuten werde ich mindestens genauso viele Jahre älter. Mich macht das fertig – immer wieder behaupte ich zwar, meine Identifikation mit dem ganzen Kram ließe nach, aber auswärts beim Derby mit knapper Führung fühlt es sich so an als ginge es gerade um mein Leben. Und nach Spielende dann denke ich, dieses Gefühl entschädigt für eine komplette scheiß Saison.

In diesem Sinne, auf geht’s zum Derby-Sieg!

Mathias

Mathias

Forschungsbeauftragter a.D.
Mathias

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Phil sagt:

schöner Artikel! ;) aber alles was schön ist, hat auch einen kleinen Schönheitsfehler: Das 1-0 im letzten Oktober hat Afellay gemacht ;)

Johannes sagt:

Schön geschrieben. Nur an einer Stelle muss ich klugscheißend korrigieren: Das 1:0 beim letzten Auswärts-Derbysieg schoss Afellay, nicht der Hunter.

Johannes sagt:

@Phil: Warst schneller, hatte ich nicht gesehen.

SLib sagt:

Das 1:0 beim letzten Auswärts-Derbysieg schoss doch dieser Niederländer, der am Samstag nicht dabei ist, oder!??
;-)
Danke, Mathias. Wie’ne Vorberichterstattung so ab 14 Uhr im TV. Nur aus königsblauer Perspektive, natürlich.

skAndy sagt:

Der alte Psychologen-Blogger-Trick: Bau ’nen kleinen offensichtlichen Fehler ein, und du kriegst Kommentare.

Carlito sagt:

Macht Lust aufs Derby! Danke!

bvbRotti sagt:

Macht Lust aufs Derby! Danke!

Ja!
Auch für einen Dortmunder … danke Mathias.

Der Hans sagt:

Ebbe hat in besagtem Spiel anno 2004 Warmuz und nicht Weidenfeller überwunden.

[…] 04 und Borussia Dortmund in einem der wenigen “echten Derbys” aufeinander. Mathias (Web 0.4) schildert besondere Derbymomente. Andreas Bock (11 Freunde) nimmt dies zum Anlass, um an den […]

Mathias sagt:

Ja, entschuldigt meine Fehler – hätte gründlicher recherchieren können. Der zweite Fehler mit Warmuz beweist dann aber zumindest, dass das Fehlereinbauen kein Trick war :-)

Strom sagt:

Schöner Beitrag, Mathias.