22 Jan

Die Kirche im Dorf lassen…

Ein Kommentator, und nicht nur der, riet letztens – das möchte aber nur als Beispiel für eine Reihe dieser Sätze verstanden werden – doch die Kirche im Dorf zu lassen. Klar. „Raúl hat 2 Jahre auf Schalke gespielt, tolle Tore gemacht, sympathisch rübergekommen. That’s all!“ Natürlich hat der kritische Leser – rational betrachtet – vollkommen Recht. That’s All. Kein Grund zur Vergötterung. Aaaaaaber…

Seit wann ist Profifußball rational? Was bringt Zehntausende Menschen dazu an einem strammen Wintertag in einer Turnhalle zu sitzen und eine Gruppe von hausgemachten Millionären beim Ballsport anzufeuern? Millionäre, die meist weder regionalen noch irgendwelchen anderen Bezug zu Verein & Zuschauer besitzen!?! Was bringt den Fan dazu, sich überteuerte Sachen mittlerer Qualität für viel Geld zu kaufen, weil das Wappen dieses Vereins darauf zu erkennen ist? Was vermag einen Mensch dazu anzutreiben, für ein Pay TV-Paket seines Lieblingssports ein Heidengeld zu bezahlen, obwohl er sich in der Zeit auch sicher anders und viel preiswerter Unterhaltung andienen könnte? Was bewegt Menschen, ablehnend oder sogar aggressiv auf Anhänger anderer Vereine zu reagieren? Was bringt Menschen dazu, um den halben Globus zu reisen, um sich Trainingslager oder Testspiele anzuschauen?

Rationalität? Na, herzlichen Glückwunsch!

Wir sind ALLE verrückt. Der eine mehr, der andere weniger…

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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Strom sagt:

Wir begehren einfach nichts mehr als unsere eigene Unterwerfung.

bea04 sagt:

und da isse wieder, die Frage nach dem Huhn und dem Ei:

bin ich Schalker, weil ich verrückt bin oder bin ich verrückt, weil ich Schalker bin?

Basti sagt:

Deswegen haben wir ja alle mal geheiratet, ne!?
:-)

meinzu sagt:

Fanatismus!?!?! lt. Duden – rigoroses, unduldsames Eintreten für eine Sache oder Idee als Ziel, das kompromisslos durchzusetzen versucht wird.
Ja klar, so ist es und so wird es doch seit Generationen weitergegeben. Von Opa zu Vater zu Kind, so kenne ich es halt. Wir schlagen doch immer von einem extrem in das andere.

Herr Wieland sagt:

“Raúl hat 2 Jahre auf Schalke gespielt, tolle Tore gemacht, sympathisch rübergekommen. That’s all!”

That’s überhaupt nicht all. Er wollte auch nach Blackburn und dann wieder nicht, konnte nicht mit dem Trainer, gab den „stolzen Spanier“, um dessen Befindlichkeit sich alles drehte, sobald er nach einem Tor nicht jubelte. Von Zeitungen begleitet fragte sich die Schalker-Schar „Watt hatter nur?“, und wie man ihn doch nur wieder milde stimmen könnte.

Ist das jetzt emotional oder sachlich? Es fühlt sich in mir jedenfalls emotional an, weil mein Blutdruck regelmäßig steigt, wenn mir ein X für ein U vorgemacht wird. Aber nennt es ruhig „Vergötterung“.

skAndy sagt:

Du magst einen stolzen Spanier gesehen haben. Ich habe vor allem einen Mann mit einem fürchterlich ansteckenden Lächeln gesehen, der herrlich Fußball gespielt hat und mir wahnsinnig freudige Momente, vor allem mit letzterem, bereitete.
Ob die Presse ein Tohuwabohu macht oder nicht, ist mir egal. Ich mache mein Eigenes.

Dave04 sagt:

Als Punker hab ich’s ja generell nicht so mit der Heldenverehrung. Bei Raúl mach ich da eine 100%ige Ausnahme.

bvbRotti sagt:

Ich bin da eher bei Andy als bei Torsten.
Man kann es sicherlich von beiden Seiten aus sehen, je nachdem, ob eher der Realist oder der „Romantiker“ bzgl. Fußball in einem durchkommt.
Wenn ich mir die Mehrzahl der Fußball-Profis anschaue, dann steht der Senor mit WENIGEN anderen auf einer kleinen „tut-dem-Fußball-gut“-Insel. Und dass dem so ist, machten u.a. die zahllosen Posts in UNSEREM Forum deutlich. Da wurde mit Respekt und Hochachtung von der Person Raúl gesprochen und wie er eurem Verein „gut getan“ hat und – manchmal, nur manchmal – kam auch so etwas wie „positiver Neid“ auf … und DEN werte ich als Anerkennung.
Und so sehe ich das Thema eben, weshalb mein erster Satz wie o.g. ausfällt.

Als Ergänzung:

Warum verbringen einige Leute Stunden vor dem Computer nur um für eine Leserschaft von ein paar Hundert Leuten (Mal mehr mal weniger) einen Blog über diesen Sport zu schreiben?

meinzu sagt:

100?

skAndy sagt:

Millionen!

SLib sagt:

Die Axt im Haus
Erspart den Zimmermann.
Die Kirche im Dorf
Erspart den Psychiater.

skAndy, genau zu dieser Metapher habe ich im Moment auch viel zu denken. Wenn man die Gelsenkirche also im Dorfe lässt, schützt man sich davor, verrückt zu werden bzw. als verrückt zu gelten.
Bin ich halt verrückt, und das gerne. Da muss ich im Falle von Raúl gar nicht von „Vergötterung“ sprechen – das ist mir zu fremd. Aber Verzückung: Ja.
Stehen dem die Realisten gegenüber, in konsequenter Anführung der Wirklichkeit des Profisports mit all seinen skurrilen Auswüchsen: Das ist im Falle meines Fan-Daseins zwar mein Wissen, jedoch nicht mein Wollen. Ich WILL verrückte Verzückung, DEShalb bin ich Fan.
Und dabei finde ich Realismus durchaus integrierbar, zum Beispiel in der Sicht auf Schalkes Saisonaussichten – wie beschrieben. Aber DAS wiederum mache ich ja nicht mit der Kirche im Dorf, sondern als EINSCHÄTZUNG, als SPEKULATION, und damit als seliger (Meine Kirche fliegt!) Schalkeliebhaber.

Carlito sagt:

Realismus und Rationalität habe ich schon genug im normalen Leben. Dafür brauche ich nicht auch noch ins Stadion gehen…

skAndy sagt:

DAS kann ich jetzt nicht behaupten :D

bea04 sagt:

Ich bin grad verzückt ob der philosophischen Aussagen hier…echt grandios!

web04 – du bildest mich.

bvbRotti sagt:

Realismus und Rationalität habe ich schon genug im normalen Leben. Dafür brauche ich nicht auch noch ins Stadion gehen…

Mir kam gerade die Diskussion über Fußball/Rationalität wieder in den Schädel, als ich folgende Zeilen bei UNS las:
Machts gut!
Und ruckzuck sind die Wertigkeiten wieder „auf Normalmaß“, oder?
Wahnsinn…