22 Nov

Wir bilden Dich: Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze interpretieren

Eine Möglichkeit, die aktuellen Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS) zu interpretieren, wäre zu sagen: „Alter, die Wahrscheinlichkeit ein Opfer von Gewalt bei einem Fußballspiel zu werden ist 30 Mal niedriger als die Wahrscheinlichkeit bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. Warum die ganze Panikmache?“ Eine andere Möglichkeit ist es, wie ZiS-Chef Rautenberg einen „massiven Anstieg“ von Gewalttaten über die vergangenen Jahre hinweg zu konstatieren.

Wie den Medienmeldungen der letzten Tage zu entnehmen ist, beklagt die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS) einen massiven Zuwachs an Gewalttaten im Rahmen von Fußballspielen. In der Saison 2011/2012 wurden 70 Prozent mehr Strafverfahren eingeleitet und 120 Prozent mehr Personen verletzt als im Mittel der vergangenen 12 Jahre. Beide Zahlen sind nicht um den Anstieg der Zuschauerzahlen über die letzten Jahre hinweg bereinigt (der Anstieg in der Saison 11/12 im Vergleich zur Saison 10/11 liegt alleine bei 1,3 Millionen). Die absolute Zahl von Verletzten in der vergangenen Saison (1142 Personen) ist somit ebenso wenig aussagekräftig wie der prozentuale Zuwachs der absoluten Zahl der Verletzten über die Zeit hinweg.

Überhaupt bedeuten diese Zahlen konkret, dass pro Fußballspiel durchschnittlich nur 1,6 Besucher und Besucherinnen verletzt wurden (das sind 0,0051 Prozent der Stadionbesucher und -besucherinnen). Keine total erschreckende Zahl.
Norbert Harz vom Bündnis aktiver Fußballfans verweist in diesem Zusammenhang richtigerweise stets darauf, dass die Gesamtzahl der Verletzten gemessen an den Besuchermengen nicht höher sei als die Anzahl Verletzter beim Münchener Oktoberfest. Aus statistischer Sichtweise ist zudem angesichts dieser – relativ gesehen – geringen Fallzahlen höchst zweifelhaft, dass es sich hierbei um systematische, sprich nicht mit Zufallsschwankungen in Zusammenhang stehende, Veränderungen handelt.

Interessanterweise geht der Anstieg der Verletzten vor allem auf einen Zuwachs an Verletzen aufseiten der sogenannten „Störer“ zurück. Die Zahl der verletzten Polizisten ist rückläufig, die Zahl der verletzten Unbeteiligten ist nur leicht angestiegen. Aber die Zahl der verletzten störenden Fußballfans hat sich mehr als verdoppelt. An dieser Stelle muss man sicherlich nicht gleich einen Anstieg der Polizeigewalt unterstellen, aber ein Indiz für eine aggressiver werdende Fanszene kann man daraus auch nicht ableiten. Zumal bei der ZiS keine „spezifizierte Erfassung“ der Auslöser von Gewalttaten erfolgt. Es bleibt also unklar, ob die Auslöser der Verletzungen randalierende gegnerische Fans oder Pfefferspray einsetzende Polizisten waren.

Bemerkenswert sind auch die Zahlen zu eingeleiteten Strafverfahren. Die ZiS kann keine Aussage dazu machen, wie viele der Straftaten zu rechtskräftigen Verurteilungen oder Stadionverboten geführt haben. Klar ist nur, dass von 15.400 sogenannten Stadionverbotsprüffälle lediglich knappe 7 Prozent zu tatsächlichen Stadionverboten führen. Im Klartext bedeutet das, dass mehr als 93 Prozent von der ZiS dokumentierten Strafverfahren fallengelassen werden und noch nicht mal Stadionverbote nach sich ziehen.

Leider differenziert die ZiS auch nicht zwischen Gewalt gegen Dinge und Gewalt gegen Menschen. Als Gewaltdelikte gelten nachvollziehbar Körperverletzungen und Widerstand gegen die Staatsgewalt, aber eben auch – weniger gut nachzuvollziehen – Landfriedensbruch und Sachbeschädigung. Das bedeutet, dass auch jeder in der Bahn geklebte Aufkleber in den Augen der ZiS ein Gewaltdelikt darstellt und entsprechend in der Statistik auftaucht.

Ein letzter Punkt: Die Datenbasis des ZiS-Berichts wurde mit einem (nicht öffentlich gemachten) Fragebogen bei den zuständigen Polizeibehörden der Länder und bei der Informationsstelle Sport des Bundespolizeipräsidiums erhoben. Es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass die entsprechenden Stellen dazu neigen, die Zahlen zu unterschätzten.

Mathias

Mathias

Forschungsbeauftragter a.D.
Mathias

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Yourigoooal sagt:

Hm,

sind da denn auch emotionale und psychische Gewalt und Verletzung wie gebrochene Herzen, zerstörte Hoffnungen, Vertrauensbrüche und weitere Entäuschungen inkludiert?

Vielleicht solltet Ihr in diesem Zusammenhang mal die Lieferung der Glücksprojekt-Daten anbieten. Oder gleich die Ligaweite Adaption.

Mathias sagt:

Guter Punkt, Yourigoooal. Wenn man die gebrochenen Schalker Herzen nach dem 19. Mai 2001 einrechnet, ergibt sich nämlich, dass die Zahl der Verletzten sich in der letzten Saison um 87,67% reduziert hat.

Aber im ernst, wenn man um die Zahl der Zuschauer kontrolliert, ergibt sich zwar tatsächlich ein leichter Anstieg sowohl der Straftaten als auch der Verletzten – dieser fällt aber prozentual niedriger aus als von der ZiS angegeben. Und außerdem reden wir über Steigerungsraten von 2,5 mehr Verletzten pro 100.000 Zuschauern (sprich 0,0025%) und 11 mehr Straftaten pro 100.000 Zuschauern (sprich 0,011%).

Carlito sagt:

Schon klasse, im negativen Sinne, wie sich solche Zahlen instrumentalisieren lassen. Noch geiler finde ich jedoch, auch wieder im negativen Sinne, wie unreflektiert und ohne jede weitere Recherche/Nachfrage manche Medien dieses Schreckensszenario übernehmen und publizieren. Zum kotzen!

SLib sagt:

Danke, Mathias. Sehr vielschichtig und erhellend, dein Beitrag. Bildend eben.

Basti sagt:

Bei 1Live wurde vor 1-2 Tagen der Fanbeauftragte von Eintracht Frankfurt (glaubt man der Statistik-> schon fast eine terrorristische Vereinigungng) zu dieser Statistik befragt. Er erzählte unter anderem, dass die Polizei viel genauer hinsieht, bei kleinigkeiten über die vor 3-10 Jahren noch hinweggesehen wurde, eingreift. Beispielsweise nannte der FB, dass viele der Ultras, Jungspunde etc über Drehkreuze sprangen/springen (wartezeit verkürzen, kein Ticket?). Nicht lange her, da standen die Beamten daneben und lachten höchtens wenn einer beim Sprungversuch auf’s Maul geflogen hat. Heute kommt die Hundertschaft, buchtet den Kerl ein und die Statistik stimmt. Landfriedensbruch…
Ich kann mir schon vorstellen, dass ein gewisses Statistik-Erhebungssystem dahinter steckt. Nicht, dass ich dass gutheiße- ohne Ticket über die Drehkreuze zu springen… Aber das ist ja auch nur eins von vielen Beispielen.

[…] Web04 hinterfragt die im Raum schwebenden Zahlen der Zentralen Informationsstelle […]

StanLibuda sagt:

Mahlzeit!

Die Zahlen sind reine Polemik. Ich verstehe auch nicht,
warum die meisten Vereinsverantwortlichen sich den Kram
von Politik und Polizei gefallen lassen.

Es muß doch Gründe geben, warum eine Maus zum Elefanten
gemacht wird.

Ich fahre schon lange nicht mehr mit der Bahn zum Fußball.
Schon gar nicht auswärts. Die Polizei geht mir gehörig auf
die Nüsse.

Wenn jemand in ein deutsches Krankenhaus muß, dann ist das
weitaus gefährlicher, als zum Fußball zu gehen.
Nicht wg. der eigenen Krankheit, sondern wg. der Ansteckungs-
gefahr bzw. dem Ärztepfusch. Über 30.000 Tote in Deutschland
wg. den Infektionen.

Dreißigtausend!!!!!!!!!!!!!!!!

Interssiert keine Sau. Wenn aber jemand ein Bengalo zündet,
dann kommt gleich die Kavallerie!
Großes Kino für nix!

In diesem Sinne
Glückauf

p. s.
Habe einen Link vergessen:
http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/jaehrlich-30000-tote-durch-krankenhausinfektionen-2902.php