Ausverkauf vs. Fußballromantik

Matthias von schalkefan.de stellte gestern nach einer nicht weniger überschwänglichen Provokation meinerseits eine ebenfalls absichtlich überspitzte Frage in den Raum:

Dabei finde ich die Frage gar nicht mal so unangebracht. Zumindest was mich betrifft. Der FC Schalke steht für so vieles, was ich ablehne. Vieles, was ich zu kritisieren pflege. Der FC Schalke 04 ist doch eigentlich nichts anderes als ein mittelgroßer Konzern, der seine Kunden (wir Romantiker nennen sie Fans), der Scheiße zu Geld macht, der von Kumpels, Malocher und Tradition faselt.

Als reiche das noch nicht, wirbt man gleich noch für noch größere, noch bösere Konzerne mit. Man gibt sein letztes Hemd dafür, dass eine handvoll Leute die auch nicht viel mehr Talent haben als ein Durchschnitts-Olympiateilnehmer für viele Millionen Scheine den Kasper für uns machen.

Für dieses Vergnügen geselle ich mich gern zu den Leuten in der Kurve und umarme wildfremde Menschen, denen ich mich anderswo auf der Welt nicht mal anfassen lassen würde, wenn ich nach einem Autounfall herzmassagebedürftig wäre.

Doch genau das ist es: Schalke ist eine Insel. Meine Insel. Ich brauche Schalke um meinen Alltag hinter mir zu lassen.

Gerne höre ich die Geschichten, die mir die Leute erzählen, die die Geschäftsstelle von innen kennen. Wirklich skandalöses und abartiges ist mir schon zu Ohren gekommen. Und das sehr glaubhaft. Doch dann sage ich kurz “Oh Gott” und dann ist es egal. Denn so etwas hat auf meiner Insel keinen Platz.

Ich gehe nicht ins Stadion um was besseres zu sein oder gar etwas zu verbessern, sondern um mich in und an meinem Verein zu verlieren. Um zu lieben, zu hassen, zu singen und zu schreien. Ich will einmal in der Woche meinen Kopf abschalten und einfach fernab jedes Stresses sein.

JA! Ich bin ein verstrahlter Romantiker. JA! Ich lasse mich gerne verarschen. JA! Ich will Samstags Nachmittags eine paar scheine für eine heile Welt hinlegen!

Wäre ich kein verstrahlter Romantiker, würde ich es keine Sekunde mit dem FC Schalke 04 aushalten!

Meinetwegen bin ich Eventfan, unkritischer Allesfresser und kein Stück besser als der Bayernzuschauer. Aber ich brauche das!


bea04

Schalke ist eine Insel. Meine Insel. Ich brauche Schalke um meinen Alltag hinter mir zu lassen.

Diesen Satz werde ich mir einrahmen, bin ja auch nur eine königsblauäugige Fußballromantikerin.

Also eigentlich beschreibst du dich hier m.E. kein bisschen als “verstrahlter Romantiker” sondern als Konsument. Nichts weiter. Als jemand, dem es nur um sich selbst geht und um das, was er für seine Kohle bekommt.

Nach meinem Verständnis definiert sich der “Romantiker” (im Sinne des Begriffs, wie er rund um Fußball und Fußballfans gebraucht wird) darüber, dass er den Verein wirklich als “seinen Verein” begreift, nicht als Unternehmen, das seiner persönlichen Bespaßung dient. Und wer etwas als “sein”, gar als einen “Bestandteil von sich” und sich selbst als “Bestandteil des Ganzen” sieht, dem ist damit automatisch auch ein Stück weit Verantwortung zuteil, Verantwortung, die sich auf Wohl+Wehe des Ganzen -- also in diesem Fall: des Vereins -- bezieht. Und der deshalb bei Bewertungen wie solchen Transfermöglichkeiten Werte zu Rate zieht, die weit über das hinaus gehen, was einem Konsumenten wichtig ist, der nur “ein paar Scheine für heile Welt” hinlegen will.

Und genau das ist ja auch der Grund, weshalb solche Leute (meist abschätzig) als “Romantiker” bezeichnet werden. Weil sie, anders als Konsumenten, glauben, sie könnten etwas ändern. Weil sie, anders als Konsumenten, auch den Anspruch haben, das, für das sie stehen, in die “richtige” Richtung bewegen zu wollen. Weil sie also eben nicht glauben (wollen), dass sie es mit einem “verarschenden mittelgroßen Konzern” zu tun haben, der aus ihnen und aus “Scheiße Geld machen” will, sondern mit einem Verein, der formbar ist und dessen Handeln und Wesen sie selbst mitbestimmen.

“… kein Stück besser als der Bayernzuschauer.”

Stand das je in Frage? Dass wir alle gleich sind, egal welchen Verein wir unterstützen?

Fein! Wer übrigens als erster die Anlehnung des Titels benennt, bekommt bei Gelegenheit ein maßlos überteuertes Bier vor der Arena!

Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass meine Erwiderung auf skAndys Tweet exakt das nicht aussagen wollte. Ich bin fest davon überzeugt, dass man Papadopoulos trotz des Megaangebotes halten möchte, ohne ein komplett verstrahlter Fußballromantiker zu sein. Ebenso wie ich überzeugt bin, dass diejenigen, die sich auf das unmoralische Angebot einlassen würden, keine “Söldnerfans” sind.

@mberghoefer Doppelfein. Dann bin ich halt Konsument. Mir ging es aber im ersten Teil nicht um die Aufzählung meiner Anschauung, als vielmehr um den Aspekt, dass ich dieses Verständins eben nicht pflege, sondern 364 Tage im Jahr verdränge. Was von vielen eben doch als Romantik abgetan wird.

@Matthias Sorry. Ich hatte mich bemüht, das rüberkommen zu lassen.

Michael

Vielleicht gebe ich da als Theologe mal meinen Senf dazu: Was Du beschreibst ist ein gut beobachtbares Phänomen organisierter Religionen. Das kindliche Idealbild ihrer heiligen Institution, die Erfahrung eines gemeinschaftlichen Sinnzusammenhangs und die Hoffnung, ein klein wenig Heimat und Sicherheit in einer ansonsten feindlichen und unübersichtlichen Welt zu finden, lässt die Mitglieder in der Regel Heuchelei und Verdorbenheit in den Strukturen in einem für Außenstehende unverständlichen Maß ertragen. Aber das betrifft wie gesagt organisierte Religionen. Und Schalke ist ja keine… obwohl, warte mal!?!

Und trotzdem kann ich im örtlichen Pfarrgemeinderat sitzend ganz romantisch glauben, ich könne etwas ändern. ;)

skAndy, ist es auch. Nur kann so etwas im Verlauf einer Diskussion schnell untergehen, weshalb ich noch einmal darauf hinweisen wollte, bevor ich mich an den Panger des fies berechnenden Kommerzfans und somit als Protagonist der 1066252. “guter Fan / schlechter Fan”-Debatte gestellt sehe.

Meli

Also ich kann da viel von mir entdecken und ich saß beim Lesen des Artikels zum Teil mit offenem Mund da und dachte “Aua, das is aber hart!” Aber man kann es so gar nicht ganz ausschließen. Und ich teile Matthias Berghöfers Ansicht, dass ein “Romantiker” was anderes ist, als Du am Ende beschreibst, und ich gebe ganz offen zu, dass ich lange dachte, wir können was ändern, dieses WIR-Gefühl gibt es nur auf Schalke so stark, so ausgeprägt… Ganz ehrlich, bei mir ist die Romantik flöten gegangen, nicht erst seit diesem einem Transfer (nicht hauen, Matthias :p) und manchmal denk ich mir so, “ach, biste doch nur noch wegen der Kinder mit ihm zusammen und die gemeinsamen Freunde und man hat sich doch was aufgebaut!” Blöderweise, immer wenn ich aus der Arena komme, bin ich vor Glück halb ersoffen, zumindestens zu 90% der Spiele. Vielleicht sollten wir mal mit Schalke mal zur Paartherapie… :D Trotzdem, ein GUTER, WICHTIGER Artikel… :)

OnkelJK

Worin besteht denn auch der persönliche Sold, für einen dem Transfer zustimmenden Fan?

Wenn es persönlicher Verzicht auf den liebgewonnenen Spieler zum Wohle des Vereins ist, trifft hier wohl eher der Begriff des Romantikers zu.

Ich lege gar nicht viel Wert darauf, als Romantiker zu gelten. Gebt mir Tiernamen. Nennt mich Zuschauer, Egoist. Das ist mir egal. Ich habe ein reines Gewissen, zumindest was meine fußballerischen Vorlieben angeht…
Ja, ich habe in dem Text nichts von Liebe und Wir-Gefühl geschrieben. In 100 anderen schon.

@Meli Danke!

Weder hat mein Versuch, den Begriff “Romantiker” im Zusammenhang mit dem, was im Artikel als solcher beschrieben wird, zu klären, etwas zu tun mit einer “guter Fan/schlechter Fan”-Einordnung, noch meine ich, dass ein Konsument ein schlechterer Fan sei als sonstwer. Er ist einfach ein anderer, und bei jedem Verein wird es alle solche Gruppen geben -- und nach meinem Eindruck durchlaufen die meisten Fans auch diverse Phasen des Fanseins, sind mal Konsument, mal “Supporter”, mal “Romantiker” usw.

Ich wollte mit meinem Kommentar zum Artikel nur meiner Meinung Ausdruck geben, dass es irgendwie nicht zusammenpasst, sich selbst als “Romantiker” zu bezeichnen und gleichzeitig den Wert des Vereins für sich so definieren, dass es um bespaßen und um Flucht aus dem Alltag geht.
Darin liegt keine Wertung von “gut/schlecht” sondern es zeigt, dass skAndy und mein Verständnis von “Romantiker” vollkommen gegensätzlich sind.

Dass das allein schon von manchem als “gut/schlecht”-Diskussion begriffen wird, das sagt m.E. aber auch schon manches aus über den Zustand der Fanszene (nicht nur der Schalker, sondern der Fußballfanszene ganz generell. Irgendwie scheint es wichtig zu sein, nicht nur “etwas” zu sein, sonderen “besser” oder “richtiger” als andere)

@Matthias Berghöfer:

Dass das allein schon von manchem als “gut/schlecht”-Diskussion begriffen wird…

Nein! Ich habe in keinem Wort Bezug auf deinen Kommentar genommen, da ich ihn zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gelesen hatte. Wenn du “Rückschlüsse auf den Zustand der Fanszene” ziehen möchtest, lass’ mich bitte aus deiner empirischen Erhebung heraus.

@Skandy
Ausverkauf vs. Ghettoromantik? Wann bist du wieder in S5?

Die Frage ist überflüssig. Ich schrieb ja VOR der Arena! Drinnen dauert mir das zu lange. Da trinke ich ja selbst schon kein Bier mehr… 15 Minuten Knappenkarte, 15 Minuten Bier… nä!

Wer übrigens als erster die Anlehnung des Titels benennt, bekommt bei Gelegenheit ein maßlos überteuertes Bier vor der Arena!
@skandy…But Alive. Pils her.

Nur zwei Punkte meinerseits:
1. Ich sehe Fußball entgegen der beliebten Metapher tatsächlich nicht als Religion. Es ist nicht mehr als ein Ort der Lizenz, die einem erlaubt Schizophren zu leben. Dinge zu fühlen, zu denken und zu tun, die in der einen Hälfte der Seele nicht immer zum Ausdruck kommen. Man redet anders, man wütet anders, man verkleidet sich, und vor allem glaubt man daran, dass die Herren auf dem Spielfeld (und drum herum) tatsächlich im Sinne der Anhänger handeln. Ob das Romantik ist, … keine Ahnung, das ist vielleicht eine Frage des Sprachspielts. Und wer sich im “modernen”, theorielastigen, politischen Fußball des 21.Jahrhunderts die Mühe machen will, kapitalismusfreien Fußball einzufordern,…viel Spaß. Mir reicht jede Kleinigkeit, in der Schalke mich ablenkt von dem Rest.

2. Das oben angesprochene, leidige Thema um Integrität der Fans hat folgendes Problem: Identität. Geht es beim Fußball wirklich um Identifikation und nicht viel mehr um Differenz? Also um die Momente, wo die ganze Schalke-Maschine mit Erwartungen bricht?

@Strom Zu spät!

Ach, der Schalkerfuchs.

@Skandy Ok, wann bist du wieder vor der Arena?

Leider vermutlich erst gegen Bayern…

Alles klar! Werde da sein!

“Der Entzweiung der Welt steht das Individuum in der Romantik manchmal hilflos gegenüber. Hier zeigt sich die Kehrseite der romantischen Medaille: Wahnsinn, Tod und dunkle Mächte. Diese negativen Facetten der Romantik mündeten sogar in einer eigenen Unterströmung, nämlich der Schwarzen Romantik (oder manchmal auch „Schauerromantik“). In eine ähnliche Kerbe stößt das Gedicht Zwielicht von Eichendorff. Dort warnt das lyrische Ich vor den Gefahren, denen sich das Individuum jeden Tag gegenüber sieht und rät, nur sich selbst zu vertrauen. Das Ich lebt in ständiger existentieller Bedrohung und entwickelt ein paranoides Misstrauen gegen seine Umwelt.”

Hihi!

Wir bilden dich.

bvbRotti

FUSSBALL-ROMANTIK
==============
Freunde des gepflegten Fußballs … CL-Auslosung:

***CU at Wembley***

Ralle ;)

Wieso? Konvertierst du?

bvbRotti

:)
Andy, never!!!
Aber der Ruhrpott wird Wembley rocken … wenn ich gaaaanz feste die Augen zusammendrücke! ;)

FINALE:
S04 -- BVB

Junge, wär’ DAS GEIL?

bvbRotti

Jo…
Wsssssnnn das fünne Auslosung?
*räusper*
Bleibt mir nur noch(mals) zu sagen:
CU at Wembley!

Ja ja jaaaaaaaaaa!
Wie geil!

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