Schalker sein…

…ist nicht immer nur schön. Und zwar selbst in sportlich erfolgreichen Zeiten, in denen wir uns gerade wähnen. Klar, jeder Fußballfan teilt dieses Schicksal: Man muss irgendwie Fressen, was man vorgesetzt bekommt. Beispielsweise habe ich nicht Neustädter und Barnetta in den Kader geholt. Nicht, dass ich mich dieser beiden Herren erwehren wollen würde, aber es ist doch ein seltsames Gefühl, dass ich sie vermutlich schon bald in mein Herz geschlossen haben werde, obwohl sie mir doch vorgesetzt wurden.

Neustädter und Barnetta sind natürliche lahme Beispiele, mehr gibt diese Saison aber nicht her. Aber man denke an Möllers oder Metzelders. Da erwartet man vom Schalke-Fan, dass man plötzlich die anfeuert, deren Foto man noch vor kurzen auf der Dartscheibe hängen hatte. Doch ich bin ja ein loyaler Geselle, und der sportliche Erfolg gab am Ende meistens Recht. Ob man aber in der Führungsetage einzuschätzen weiß, wie sehr eine solche Verpflichtung am Gemüt der Fans nagt, wage ich zu bezweifeln. Zumindest würde ich sonst ein Ausbleiben solcher Verpflichtungen erwarten, denn die Fans bzw. Mitglieder sollten weiterhin als höchstes Gut eines Fußballvereins angesehen werden.

Spieler kommen, Spieler gehen, doch das ist gar nicht das Thema dieses Artikels. Denn es gibt auch noch andere Dinge, die dem Fan vorgesetzt werden. Das Wohnzimmer beispielsweise. Während die einen den nassen Socken im Parkstadion nachtrauern, schwören die anderen gar noch auf die kuschelige Wärme einer überfüllten Glückaufkampfbahn. Irgendwer konzipiert, irgendwer baut, am Ende ist es unsere höchste Repräsentation. Unser neues zu Hause. Vielleicht sogar unser Lieblingsort. Sagen wir: Bisher hatten wir Glück mit unseren Tempeln!

Weniger Glück haben wir meines Erachtens auf anderen Gebieten. Während Schalke der in der Bundesliga die Fanschar mit den meisten und schönsten Liedern mit sich bringt, quillt aus den Boxen der Arena häufig nur Scheiße. Dies sollte nicht als Kritik an den auflegenden Herren verstanden werden, sondern an das Schalker Selbstverständnis, diese Schlagerscheiße ohne jegliches Herz und künstlerischen Anspruch abzufeiern.

Ich singe das Steigerlied mit Stolz. Auch mit den Schlagerhits aus vergangener Zeit habe ich in keinster Weise ein Problem. Aber ich muss schon ziemlich gut angeglüht & siegestrunken sein, um nicht nach jedem Spiel flugs vor den Florians zu fliehen. Doch selbst dann ist fremdschämen angesagt! Was mögen die da drüben nur denken, wenn sie diese Kacke hören??? Das ist mir einfach peinlich!

Schalke scheint irgendwo in den achtzigern hängen geblieben zu sein. Passend dazu jetzt die Hymne „Schalker sein“. Immerhin für einen guten Zweck. Doch bitte zeig mir das Sparschwein, in den ich den doppelten Betrag werfen darf, ohne diesen Müll zu kaufen.

Wie traurig ist es, dass eine offensichtliche Persiflage von Strom Hagemann (Anm.: Der Song „Schalke 04“, leider im Moment nicht online) von so vielen Leuten ernst genommen wird, da sie solchen Mist gewohnt sind? Einfach unfassbar!

In dieser Stadt, in diesem riesigen Verein steckt so viel künstlerischen Potenzial. Ob visueller oder musikalischer Natur. Einen Teil davon scheint man entdeckt zu haben, zumindest den visuellen Teil (Grafittikünstler, Zeichner etc.). Ich wünsche und hoffe, dass der Verein und seine Organe und Mitglieder dieses Potenzial in seiner Breite erkennen und biete hiermit jedem, der seinen gehaltvollen Output – welcher Art auch immer – zur Schau stellen möchte, das Web 0.4 als Forum an.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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